20 Jahre danach : Lichtenhagen - Das Kapitel des Bösen

26.08.2012 21:45 Uhrvon
Einige Demonstranten waren mit der Rostock-Visite des Bundespräsidenten nicht einverstanden. Foto: dpa
Einige Demonstranten waren mit der Rostock-Visite des Bundespräsidenten nicht einverstanden. - Foto: dpa

„Unsere Heimat kommt nicht in braune Hände!“ 20 Jahre nach den Gewaltexzessen von Rostock zeigt sich Bundespräsident Joachim Gauck „entsetzt und beschämt“. Aber manche fragen: Warum erst jetzt?

Gut eine Stunde hat Joachim Gauck auf der Tribüne gesessen. Er hat einem Kinderchor gelauscht, Grußworte gehört und selbst eine Gedenkrede gehalten. Jetzt klettert der Bundespräsident von dem Holzgestell herunter, auf das die Rostocker Organisatoren die angereisten Very Important Persons platziert haben, die an diesem Sonntag hierher in den Stadtteil Lichtenhagen gekommen sind, um sich ihre Scham wegzufeiern.

Die ganze Zeit über hat Gauck sehr ernst ausgesehen.

Auch jetzt noch, da die Veranstaltung zu Ende ist, will sich sein Gesicht nicht richtig entspannen. Er presst die Lippen aufeinander, und wenn er denn mal lächelt, dann sieht es aufgesetzt aus. Man kann es ihm ansehen: Dieser Tag ist kein x-beliebiger Tag im Leben eines deutschen Staatsoberhauptes. Joachim Gauck ist in Rostock geboren, er hat die Hälfte seines Lebens hier verbracht. An diesem Sonntag gedenkt die Stadt der Tage, als vor 20 Jahren ein rechter Mob unter dem Beifall der Nachbarschaft ein Asylbewerberheim angezündet hat. Es ist für den Bundespräsidenten auch ein sehr persönlicher Gedenktag. Man könnte sagen: Joachim Gauck ist an diesem Sonntag aus dem Schloss Bellevue im fernen Berlin in seine Heimat zurückgekommen. Es war wohl keine sehr fröhliche Heimkehr.

  • Feuer in der Stadt. Nach zweitägigen rassistischen Exzessen warfen in Rostock-Lichtenhagen Jugendliche Molotowcocktails in ein Wohnheim, in dem Vietnamesen lebten. Foto: Frieder Blickle/laif
    Feuer in der Stadt. Nach zweitägigen rassistischen Exzessen warfen in Rostock-Lichtenhagen Jugendliche Molotowcocktails in ein Wohnheim, in dem Vietnamesen lebten. - Foto: Frieder Blickle/laif
  • In den Tagen zwischen dem 22. und 26. August 1992 kommt es im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen zu einem der schwersten Angriffe auf Ausländer und kulturelle Minderheiten in Deutschland seit 1945. Foto: dapd
    In den Tagen zwischen dem 22. und 26. August 1992 kommt es im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen zu einem der schwersten Angriffe auf Ausländer und kulturelle Minderheiten in... - Foto: dapd
  • Seit den 70er Jahren leben in Rostock viele ausländische Flüchtlinge, zum Teil Sinti und Roma aus Osteuropa, später auch DDR-Vertragsarbeiter aus Vietnam. Foto: dapd
    Seit den 70er Jahren leben in Rostock viele ausländische Flüchtlinge, zum Teil Sinti und Roma aus Osteuropa, später auch DDR-Vertragsarbeiter aus Vietnam. - Foto: dapd

20 Jahre ist es her, als an dieser Stelle, im Plattenbau mit dem Namen „Sonnenblumenhaus“, ein Wohnheim für Vietnamesen und Asylbewerber mit Molotowcocktails beworfen und dabei in Brand gesteckt wurde. Bis nach New York nahm man die Flammen damals wahr, die Titelblätter amerikanischer Zeitungen zeigten finstere Bilder mit Springerstiefeln. Fast drei Jahre nach dem Fall der Mauer fragte sich die Welt: Haben die Deutschen nichts gelernt? Mehr als 100 Menschen, junge Frauen, Kinder, waren in jenen Augusttagen um ein Haar ums Leben gekommen. In Panik retteten sie sich in letzter Minute auf das Dach des Plattenbaus, in den sie die Rostocker Ausländerbehörde einquartiert hatte. Unten vor dem Haus ereignete sich tagelang Ungeheuerliches: Polizisten standen tatenlos herum, Feuerwehrkräfte wurden daran gehindert, das Feuer zu löschen. Immer, sagt der Rostocker Joachim Gauck heute, immer, wenn er daran zurückdenke, dann ist er „beschämt, fassungslos, entsetzt“. Und er frage sich: „Wie konnte das nur passieren?“

Bildergalerie: 20 Jahre Pogrom von Lichtenhagen:

Auf diese Frage hat es in den letzten beiden Jahrzehnten viele Antwortversuche gegeben. An Busladungen voll gewaltbereiter Rechtsradikaler wollen sich einige erinnern, die aus dem Westen hierher gekarrt wurden. Vor allem von Einheimischen, die die Schuld ein wenig breiter im Land verteilen wollen, werden solche Geschichten erzählt. Auch von unfähigen Vorgesetzten im Rathaus und der Polizei ist die Rede. Meist jedoch erinnert man sich hier an die „unhaltbaren Zustände“. Für 250 Bewohner war das Übergangswohnheim für Asylbewerber im „Sonnenblumenhaus“ ausgelegt. Doch die Ausländerbehörden stopften immer mehr Rumänen, Bulgaren und Angolaner in das Haus. Bis zu 600 mussten zeitweilig dort leben. Zum Schluss hausten sie sogar auf der Wiese vor dem Haus. Mitten in einer Siedlung, in der die Zahl der Arbeitslosen damals fast täglich anstieg. Verunsicherte durch den Umbruch in Ostdeutschland, Frustrierte, die sich in der DDR eingerichtet und nun ihr Leben neu zu sortieren hatten. Es sei absehbar gewesen, sagt heute einer, der damals dabei war, „dass das irgendwann mal gewaltig knallen musste“. Mehrere hundert Nachbarn aus der Siedlung waren in jenem August vor das Ausländerwohnheim gekommen und haben den Mob angefeuert. „Ausländer raus“ war eine der harmloseren Floskeln.

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