Politik : 20 Jahre Haft für Belagerer von Sarajewo

Serben-General in Den Haag wegen Kriegsverbrechen verurteilt

Klaus Bachmann

Den Haag. Stanislav Galic, Oberbefehlshaber der serbischen Truppen, die zwischen 1992 und 1995 die bosnische Hauptstadt Sarajevo belagerten, wurde am Freitag vom Internationalen Jugoslawientribunal zu 20 Jahren Haft verurteilt. Es ist das erste Urteil, das sich mit der Belagerung Sarajewos beschäftigt. Galics Heckenschützen hätten nicht nur die Bevölkerung terrorisiert und Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, so die Richter. Sie seien auch für den Beschuss des Marktplatzes von Sarajevo am 5. Februar 1994 verantwortlich. Dabei waren 66 Menschen getötet worden. Die Empörung, die das Massaker damals weltweit auslöste, führte zu einem Ultimatum der Nato an die Besatzer, die schließlich ihre Waffen der Kontrolle der UN übergaben.

Seit damals kursierende Gerüchte, die Granate sei von bosnischen Truppen abgefeuert worden, um eine Nato-Intervention herbeizuführen, verwiesen die Richter in das Reich der Fabeln. Sie sagten aber auch, die bosnischen Verteidiger hätten versucht, serbisches Feuer auf zivile und UN-Ziele zu lenken, um die Opfer anschließend propagandistisch nutzen zu können. Doch selbst wenn es so etwas gegeben haben könnte, würde es nichts daran ändern, dass sich Heckenschützen-Angriffe und Bombardierungen der Belagerer vor allem gegen Zivilisten richteten, betonte der Gerichtsvorsitzende. In einem für das Tribunal ungewöhnlichen Schritt verlas einer der drei Richter, der Kolumbianer Rafael Niete-Navia, nach der Urteilsverkündung eine abweichende Bewertung. Zehn Jahre Haft für den 60-jährigen Galic halte er für ausreichend. Der Richter sah es nicht als erwiesen an, dass die Belagerer gezielt und bewusst die Bevölkerung terrorisiert hätten.

„Nirgendwo in Sarajewo konnten Zivilisten einen sicheren Platz finden“, schilderte dagegen der Vorsitzende Alfonsus Orie das Leben in der Stadt, die fast zwei Jahre jeden Tag unter Feuer genommen worden war. Heckenschützen hätten die Menschen bei Beerdigungen, beim Einkaufen, bei Fahrten in Krankenwagen und beim Fahrradfahren angegriffen. „Es ging vor allem darum, die Zivilbevölkerung zu terrorisieren, unter militärischen Aspekten hatten die Angriffe keine Bedeutung“.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben