Politik : 20 Jahre Haft für Sektenchef in Chile

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Santiago de Chile - Immer wenn der „gute Onkel“ baden ging, zitterten die Kinder der „Colonia Dignidad“. Neben sein Arbeitszimmer hatte sich Paul Schäfer, der Gründer der berüchtigten Deutschen-Siedlung im Süden Chiles, eigens einen Baderaum anbauen lassen. Vom altdeutsch eingerichteten Zimmer mit Häkeldeckchen hinter Panzerglas ging es durch eine Seitentür in die Bade-Hölle. Dort verging er sich an den Kindern. Neun Jahre nach seiner Flucht aus der Landwirtschaftssiedlung und ein Jahr nach seiner Festnahme in Argentinien ist der 84-Jährige nun wegen Missbrauchs Minderjähriger zu 20 Jahren Haft verurteilt worden.

Der Baderaum ist inzwischen abgerissen worden, und nur noch der zugemauerte Durchgang und nackte Erde erinnern daran, wo Dutzende Kinder leiden mussten. „Wir wurden in Ahnungslosigkeit gehalten und wussten nicht, was sich hinter der bieder-deutschen Fassade tat“, erzählt ein heute über 40-jähriger Siedler. Aber im Nachhinein werde vieles klarer. „Schäfer hat alles getan, um Liebesbeziehungen und Ehen zwischen Siedlern zu verhindern“, sagt der Mann, der seinen Namen nicht genannt haben möchte. Schäfer habe die Ehe gefürchtet, weil die jungen Männer dann ihren Frauen in der Vertrautheit der Beziehung vom früheren Missbrauch durch Schäfer hätten erzählen können, ist sich der Siedler sicher.

Schäfer hatte offenbar schon früh einen Hang zur Pädophilie. Nachdem er als Gefreiter aus dem Zweiten Weltkrieg entlassen worden war, arbeitete er in Deutschland zunächst als Jugendpfleger. Schon damals tauchten die ersten Gerüchte über den Missbrauch Minderjähriger auf. Dies soll auch einer der Gründe gewesen sein, warum er Ende der 50er Jahre mehrere hundert Menschen aus dem Umkreis der Baptistenkirche dazu überredete, mit allem Hab und Gut nach Chile auszuwandern und die „Colonia Dignidad“ aufzubauen. Der Laienprediger überzeugte die gutgläubigen Siedler mit dem Aufruf, selbstlos und unter Verzicht auf Wohlstand eine bessere Welt aufzubauen und den Menschen im Süden Chiles zu helfen.

Durch die harte Arbeit der Siedler, die sieben Tage die Woche oft von früh morgens bis spät in die Nacht schufteten, entstand bald eine blühende Landwirtschaftssiedlung mit Krankenhaus, Schule und Internat. Allerdings riegelte Schäfer die Anlage hermetisch von der Außenwelt ab und herrschte diktatorisch über die sektenartig organisierte Gemeinschaft. Im Muff der Selbstisolierung und hinter einer biederen Fassade führte er selbst ein zügelloses Leben. Die mögliche Beteiligung Schäfers an Mord und Folter durch die Geheimpolizei Dina von Militärdiktator Augusto Pinochet (1973-1990) wird in einem zweiten Strafprozess behandelt.

„Ich hatte schon Kandidaten, aber immer wieder hat Schäfer uns auseinandergerissen“, erinnert sich eine heute über 60-jährige Siedlerin. „Irgendwann war ich völlig fertig und habe es aufgegeben“, sagt die Frau, traurig und kinderlos. dpa

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