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20 Jahre Mordanschläge : Der Junge, der das Feuer von Mölln überlebte

23.11.2012 00:00 Uhrvon
Es waren die ersten Todesopfer durch neonazistische Gewalt im wiedervereinigten Deutschland: In der Nacht zum 23. November 1992 verübten Neonazis auf zwei von türkischen Familien bewohnte Häuser in der Möllner Altstadt Brandanschläge. Foto: dapdBilder
Es waren die ersten Todesopfer durch neonazistische Gewalt im wiedervereinigten Deutschland: In der Nacht zum 23. November 1992 verübten Neonazis auf zwei von türkischen Familien... - Foto: dapd

Das Brandmal: Er war sieben, als er den Anschlag von Mölln überlebte, den Rassisten verübten und bei dem drei Türkinnen starben. 20 Jahre danach hat Ibrahim Arslan eine Gedenkwoche organisiert. Dabei erfährt er nicht nur Unterstützung.

Als die Feuerwehrleute das Kind entdecken, glaubt draußen auf der Straße niemand mehr, dass noch jemand zu retten ist in diesem Haus. Eng an den offenen Kühlschrank gedrückt, kauert der siebenjährige Ibrahim in der Küche, ein nasses Bettlaken um den kleinen Körper, starr vor Kälte, allein. Mehr als vier Stunden hat er dort ausgeharrt. Zwei Bilder werden ihm bleiben aus jener Nacht: Das eine ist das von Töpfen in Flammen. Jahre später noch wird er aus dem Schlaf hochfahren, schreien: „Der Topf brennt!“ Als wäre eine Unachtsamkeit beim Kochen der Auslöser für all das Leid und all den Schmerz.

Das zweite Bild ist das der wuchtigen Gasmasken der Helfer, plötzlich aufgetauchte Gestalten mit merkwürdig verzerrten, gedämpften Stimmen.

„Als wenn sie von weit weg sprächen. Außerirdische, dachte ich.“

Was den Rest angeht, weiß der heute 27-Jährige nicht mehr, ob es eigene Erinnerungen sind oder er nur übernommen hat, was sich die Einsatzkräfte zusammengereimt haben. Ibrahim Arslan, Sohn einer türkischstämmigen Arbeiterfamilie, hat die Brandanschläge von Mölln überlebt, die sich an diesem Freitag zum 20. Mal jähren. In der Nacht auf den 23. November 1992 werfen die Neonazis Lars C. und Michael P. in der schleswig-holsteinischen Kleinstadt Molotowcocktails in zwei von türkischen Familien bewohnte Häuser. Im ersten werden neun Menschen zum Teil schwer verletzt. Im zweiten, in dem Ibrahims Familie lebt, kommen drei Menschen ums Leben.

Er will, dass sich alle erinnern

Erwachsen. Ibrahim Arslan ist heute 27 Jahre alt und hat zwei Söhne. Elisabeth UrbitschBild vergrößern
Erwachsen. Ibrahim Arslan ist heute 27 Jahre alt und hat zwei Söhne. - Elisabeth Urbitsch

20 Jahre später geht ein schlanker junger Mann in einer Möllner Sporthalle auf und ab. Ibrahim Arslan, mittelgroß, schmaler Bart, trägt ein hellbraunes Sakko und dunkle Fliege. In die Halle strömen hunderte Menschen, die bei einer Demonstration ihre Solidarität mit den Opfern rechter Gewalt bekundet haben. Gleich wird Ibrahim Arslan auf die Bühne treten, zur Moderation eines Gedenkkonzerts, für das er Musiker wie Jan Delay gewonnen hat. Er hat diesen Moment, diesen großen Rahmen lange herbeigesehnt.

Vor der Halle gucken sich zwei blonde Damen den Menschenauflauf aus sicherer Entfernung an. „Ich weiß nicht, wofür die hier protestieren“, sagt eine. „Die haben doch genug Abfindung bekommen.“

Wenn Ibrahim Arslan über das spricht, was geschehen ist, sagt er: „Damals, als wir angezündet wurden.“ Nicht mehr viele Erinnerungen hat er an das Leben, bevor er „ein Überlebender“ war. „Meine Oma ist eine starke Frau gewesen, die Säule unserer Familie.“ Sie ist es, die das Feuer zuerst bemerkt, durch Rufe die alarmiert, die in den anderen Stockwerken schlafen, ihn aus dem Kinderzimmer holt, in nasse Tücher wickelt, ihm eingeschärft haben muss, sich ja nicht vom Kühlschrank wegzubewegen. Danach rennt sie zurück, seine Schwester und seine Cousine zu wecken. Im Treppenhaus, wo das Feuer den Fluchtweg versperrt, gerät Bahide Arslan ins Stolpern, stürzt – und verbrennt. Die zehnjährige Yeliz und die 14-jährige Ayse rettet niemand mehr.

Yeliz, seine Schwester Yeliz, die ihn immer an die Hand nahm, wenn sie über die Straße gingen. Ihm von ihrem Taschengeld abgab, weil sie als Ältere mehr bekam. Yeliz, von der nur ihre Babyschuhe im Wohnzimmerregal der Eltern geblieben sind. Und Ayse, die zu Besuch aus der Türkei war, ihre Ferien in Mölln verbracht hatte und am nächsten Tag zurückfliegen sollte. „Stattdessen haben wir dann ihren Sarg zum Flugplatz gebracht.“

Die Polizei beschuldigt den Vater

Sein ganzes Erwachsenwerden über lebt Ibrahim Arslan in dem Bewusstsein, dass jemand ihnen das gezielt angetan hat. Noch während die Löscharbeiten im Gang sind, geht bei der Polizei ein Bekenneranruf ein. „Wir haben in der Mühlenstraße 9 ein Haus angesteckt. Heil Hitler!“ Dennoch passiert in den Wochen danach das Gleiche wie Jahre später im Zusammenhang mit den Morden der sogenannten Zwickauer Zelle. Die Ermittler verdächtigen den Vater. Er sitzt in Hamburg bei seinem Bruder, als ein Freund anruft: „Faruk, euer Haus brennt!“ Zum Unglücksort kommt er gerade noch rechtzeitig, um seine Tochter sterben zu sehen.

Ibrahims Mutter, Hava Arslan, die in ihrer Verzweiflung ihr sechs Monate altes Baby aus dem dritten Stock in die Arme von Nachbarn wirft und sich beim Hinterherspringen zahlreiche Knochen bricht, hat früher gut Deutsch gesprochen. Gelernt, eine Schwarzwälder Kirschtorte zu backen, wie sie nur wenigen ihrer deutschen Kolleginnen gelang. Geschockt bringt sie nach dem Anschlag kein Wort Deutsch mehr über die Lippen. „Erst vor kurzem hat sie langsam wieder angefangen.“ Sein Vater, Faruk Arslan, muss Antidepressiva nehmen. Um sich und die Eltern zu trösten, sagt Ibrahim Sätze wie: „Niemand kann den Himmel anzünden.“

Bis zuletzt will Ibrahims Großvater, Ehemann der gestorbenen Bahide, nicht wahrhaben, dass Fremdenhass seine Frau getötet hat. „Man hat uns doch hergebeten“, sagt er immer wieder. Bahide Arslan kam Anfang der 60er Jahre als Gastarbeiterin nach Deutschland, um anzupacken, wo sie gebraucht wurde. Stach Spargel in den Feldern um Ratzeburg, pflückte Erdbeeren. Am 8. Dezember 93 werden ihre Mörder zu lebenslänglich und zehn Jahren Haft nach Jugendstrafrecht verurteilt. Sie sind längst wieder in Freiheit, führen ein neues Leben mit einer neuen Identität.

Ibrahim Arslan ist ein souveräner junger Mann geworden. Er hat Einzelhandelskaufmann gelernt, ist verheiratet und Vater zweier Söhne. Er lacht viel und begrüßt Menschen, indem er weit die Arme ausbreitet. Einzig der trockene Husten lässt manche von ihnen stutzen. Sie fragen dann: Stimmt was nicht mit dir?

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