Jeden Tag begleitet ihn der Husten

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20 Jahre Mordanschläge : Der Junge, der das Feuer von Mölln überlebte
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Sieben Ärzte hat er aufgesucht, bevor einer ihm attestierte, dass der Husten traumabedingt sei und nicht behandelbar. „Am heftigsten ist es, wenn etwas angebrannt riecht.“ Der Husten nimmt auch zu, wenn er über die Nacht spricht und wenn er an den Ort zurückkehrt. Manchmal verschwindet er fast ganz: Wenn Ibrahim ins Ausland reist. Aber in Deutschland ist er geboren, hier hat er Freunde, fühlt sich zu Hause. Anders als in der Türkei, einem Land, in dem er nie gelebt hat.

Warum sie damals in der Stadt geblieben seien, werden die Arslans oft gefragt. Sie antworten: „Mölln kann doch nichts dafür.“ Sie sind froh, als die Stadt zunächst vorschlägt, das Brandhaus als Gedenkstätte wiederzuerrichten. „Es ist so wichtig für uns, dass nicht nur wir uns erinnern“, sagt Ibrahim Arslan.

Doch es kommt anders: Als das Haus saniert ist, soll die Familie, die übergangsweise im Gästehaus der Stadt einquartiert war, wieder selbst dort einziehen. Dorthin, wo Yeliz verbrannt ist, die Cousine, die Oma. „Das wollten wir auf keinen Fall.“ Doch die Arslans sind seit dem Brandanschlag auf Sozialleistungen angewiesen, und die Stadt erklärt, alle anderen Wohnungen lägen über dem Budget.

Am frühen Morgen des 23. November 1992 werfen zwei rechtsgesinnte junge Männer Molotowcocktails ins Haus der Familie Arslan. Baur/Feuerwehr
Am frühen Morgen des 23. November 1992 werfen zwei rechtsgesinnte junge Männer Molotowcocktails ins Haus der Familie Arslan.Baur/Feuerwehr

Was sollen die Arslans tun? Darüber reden, denken sie sich. Mahnen, sensibilisieren, damit so etwas nie wieder passiert. Schon früh aber drängt sich der Familie der Eindruck auf, dass nicht alle das für eine gute Idee halten. Wortbeiträge der Opfer zum Beispiel seien bei den jährlichen Kranzniederlegungen nicht erwünscht gewesen, sagt Ibrahim Arslan. Fünf Jahre dauert es, ehe eine Gedenktafel an dem Haus angebracht wird. Statt Yeliz steht da: Jeliz. „Da mussten wir für kämpfen, dass das geändert wird.“ Bis heute liest man: „Hier starben bei einem Brandanschlag ...“ Einen Hinweis darauf, dass Rassismus das Tatmotiv war, gibt es nicht.

„Ich glaube, das Problem war, dass Mölln nicht die Stadt der Brandanschläge sein wollte“, sagt Ibrahim Arslan. Mölln sei lieber die Eulenspiegelstadt. Auf den 23. November 1992 angesprochen, betonen die Bürgermeister der Stadt immer wieder: „Mölln war kein Einzelfall“. Vorangegangen waren Angriffe auf Einwandererfamilien in Hoyerswerda und Rostock, erst drei Monate zuvor hatte es auf dem Höhepunkt der Asyldebatte in Lichtenhagen ein Pogrom gegeben. Im Mai 1993 werden bei einem Brandanschlag in Solingen fünf türkische Frauen getötet. Möllns heutiger Bürgermeister sagt: „Soweit mir bekannt ist, hat sich die Stadt sehr um die Familie bemüht und ist auch bei den Gedenkveranstaltungen stets auf deren Vorschläge eingegangen. Wir tun das uns Mögliche, die Erinnerung an die schändlichen Brandanschläge wachzuhalten.“

Von den Medien fühlt er sich benutzt

Im Jahr 2000 zieht die Familie tatsächlich fort, in die Anonymität der Großstadt. Die Öffentlichkeit suchen die Männer trotzdem immer wieder. 2008 tritt Ibrahim Arslan zum ersten Mal öffentlich auf. Er sagt: „Ich bin ein Türke, und mein Herz ist voller Frieden.“ Doch der junge Mann muss erfahren, dass das Interesse an ihm oft oberflächlicher Natur ist. Vor dem Haus, in dem seine Schwester, seine Großmutter und seine Cousine das Leben ließen, fragt eine Fernsehreporterin ihn vor laufender Kamera: „Deine Tante ist gestorben. Wie geht es dir damit?“ „Vor kurzem hat mich ein Journalist gefragt, ob ich Schuldgefühle habe, weil meine Oma mich gerettet hat statt sich selbst“, erzählt er. „Auf so etwas bin ich in meinen schlimmsten Träumen nicht gekommen.“

Wenige Wochen vor dem zwanzigsten Jahrestag ist Ibrahim Arslan zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Ein Jahr nach Bekanntwerden der mörderischen Umtriebe des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds. Auf seine Bitte hin kommt auch Fadime Simsek, die Nichte des ersten NSU-Opfers Enver Simsek. Auf der Bühne reden sie über offenen und versteckten Rassismus, über Behörden, die ihnen das Leben schwer machen. Auch über den Fonds für Opfer rechter Gewalt, 2001 eingerichtet, der Hinterbliebene unterstützen soll. Doch Geld gibt es nur für Opfer von Gewalttaten, „die ab 1999 erfolgt sind“, erfährt die Familie auf Nachfrage.

Zehn Jahre nach dem Brand wird Ibrahim Arslan eine Opferrente des Staates gestrichen. „Mein Husten sei nicht erkennbar Folge der Brandanschläge.“ Seine Frau hat sich an den Husten gewöhnt und daran, dass das Gedenken in Ibrahims Leben einen großen Stellenwert einnimmt.

Der Anschlag von Mölln jährt sich zum 20. Mal
Es waren die ersten Todesopfer durch neonazistische Gewalt im wiedervereinigten Deutschland: In der Nacht zum 23. November 1992 verübten Neonazis auf zwei von türkischen Familien bewohnte Häuser in der Möllner Altstadt Brandanschläge. Foto: dapdAlle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: dapd
23.11.2012 09:26Es waren die ersten Todesopfer durch neonazistische Gewalt im wiedervereinigten Deutschland: In der Nacht zum 23. November 1992...

Seine Frau sagt: Lass uns damit abschließen

2007 meldet sich eine Autorin aus Berlin bei ihm: Ob er sich vorstellen könne, mit ihr ein Buch zu schreiben? „Machen wir doch einen Film“, sagt er. Vier Jahre lang begleitet die Dokumentarin die Hinterbliebenen in ihrem Alltag. Einmal kommt Ibrahims Frau zu Wort. Ihr wäre es lieber, man könne mit all dem abschließen, sagt sie. „Weil es belastend sein muss.“ Ibrahim sagt: „Das gehört zu mir.“

Knapp 20 Jahre nach dem Anschlag unterstützt ein Freundeskreis die Arslans dabei, die Gedenkfeier so zu organisieren, wie sie sich das vorstellen. Am 16. November wird im einzigen Kino der Stadt die Dokumentation „Nach dem Brand“ gezeigt. Es ist der Auftakt einer Gedenkwoche.

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