20. UN-Klimagipfel in Lima : Ist das Klima noch zu retten?

In der Westantarktis ist der Punkt ohne Wiederkehr überschritten: Das Eis schmilzt – unaufhaltsam. Dennoch ist das Ziel, eine Erd-Erwärmung um mehr als zwei Grad zu verhindern, noch erreichbar

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Erste Spuren der Eisschmelze. In der Westantarktis mehren sich seit mehreren Jahren die Anzeichen, dass der Eisschild dort instabil wird. Das Foto der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa stammt aus dem Jahr 2011 und zeigt einen etwa 30 Kilometer langen Riss im Pine-Island-Gletscher. Er war zu diesem Zeitpunkt 80 Meter breit und 60 Meter tief. Seither sind Teile der Eismassen abgebrochen und die Gletscher der Westantarktis sind ins Rutschen geraten. Im Osten wächst das Meereis dagegen.
Erste Spuren der Eisschmelze. In der Westantarktis mehren sich seit mehreren Jahren die Anzeichen, dass der Eisschild dort...Foto: IMAGO

Selbst wenn die globalen Kohlendioxid-Emissionen von sofort an enden würden, wäre eine globale Erwärmung um 1,5 Grad im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung nicht mehr zu verhindern. Dieses Maß an Erwärmung ist schon jetzt im Klimasystem enthalten, heißt es in einem Weltbank-Report, der unmittelbar vor dem Weltklimagipfel in Lima veröffentlicht wurde. In dem Bericht „Turn down the heat“ haben Wissenschaftler des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) die Auswirkungen einer globalen Erwärmung um 0,8, zwei oder vier Grad bezogen auf drei Weltregionen untersucht. Weltbank-Chef Jim Kim schreibt im Vorwort: „Die Erkenntnisse sind alarmierend.“ Wetterextreme, die alle 100 Jahre oder länger nicht erwartet worden seien, gehörten zur „neuen Klimarealität“, schreibt Kim.
Was bedeutet es, wenn das Erwärmungspotenzial von 1,5 Grad bereits im Klimasystem gespeichert ist? Die Hitze wird in den Ozeanen gelagert, sie ist in den heute schon gebauten Kohlekraftwerken und ihrer Laufzeit, in den Straßen, Fabriken, den bereits errichteten Städten eingeschlossen. Messbar sind bisher 0,8 Grad Erwärmung in der Luft. Und auch die haben es bereits in sich. Überschwemmungen werden häufiger und heftiger, Dürren treten immer öfter auf, Gletscher schmelzen schneller als erwartet, und rund um den Nordpol hat die Erwärmung ungeahntes Tempo entwickelt. Das Meereis nimmt an Dicke und Ausdehnung dramatisch ab, eine eisfreie Arktis im Sommer könnte noch vor Ende des Jahrhunderts zum Normalfall werden.

Die Wasserversorgung von Großstädten ist in Gefahr

Die Gletscher der Anden beispielsweise sichern heute noch die Trinkwasserversorgung von Großstädten wie der peruanischen Hauptstadt Lima, wo der Klimagipfel am Montag beginnt. Das wird mit abnehmendem Eisgehalt immer problematischer. Und bis dahin wird die Zahl der Überschwemmungen zunehmen.
Für die Westantarktis nahe dem Südpol ist der Moment ohne Wiederkehr bereits überschritten. Das haben in diesem Jahr drei voneinander unabhängige Studien nachgewiesen. Die Eismassen der Westantarktis nahe der Amundsen-See sind in einen nicht mehr umkehrbaren Schmelzprozess eingetreten. Die Verbindung der Eismassen mit dem Untergrundgestein hat sich gelöst, das Eis ist ins Rutschen geraten. Schon 2009 schrieb Anders Levermann vom PIK, wenn ein Teil der westantarktischen Gletscher abbreche, habe allein dies das Potenzial, die globalen Meeresspiegel um 1,5 Meter zu erhöhen. Bis das Eis dann geschmolzen ist, vergehen zwar ein paar hundert Jahre. Aber der Schmelzprozess ist nicht mehr aufzuhalten. Und selbst in Europa lassen sich Großstädte wie Hamburg oder Rotterdam nicht mit unendlich hohen Deichen schützen. Werden sie um etwa einen Meter erhöht, ist das technisch und wirtschaftlich Mögliche erreicht.

Ihm schmilzt der Lebensraum weg. Der Eisbär ist zum Symbol für den Klimawandel geworden, weil die Erwärmung ihn schon heute trifft.
Ihm schmilzt der Lebensraum weg. Der Eisbär ist zum Symbol für den Klimawandel geworden, weil die Erwärmung ihn schon heute...Foto: imago/All Canada Photos

Die Klimaforschung hat noch ein paar andere Hoffnungen zerstört, die vor fünf oder sechs Jahren Konjunktur hatten. Die Westantarktis gehört zu den sogenannten Kipppunkten im Klimasystem. Das Klima ist ein nicht lineares System. Das bedeutet: Es gibt so viele verschiedene Einflussfaktoren auf das Klima, dass ihre Wechselwirkungen nicht immer klar abgeschätzt werden können. Manche Wechselwirkungen können sich auch so stark gegenseitig beschleunigen, dass ein komplett neuer Klimazustand erreicht wird. Ein Beispiel: Weil das Meereis in der Arktis rund um den Nordpol immer weniger wird, wird weniger Licht und Wärme von weißen Flächen wieder in den Weltraum reflektiert. Diese Wärme heizt stattdessen den Ozean weiter auf und lässt das Eis noch schneller schmelzen. Das wiederum verändert den Salzgehalt des Meeres, was Einfluss auf Meeresströmungen haben kann. Offenbar ändert die Dynamik rund um den Nordpol zudem die Luftdrucksysteme, weshalb bereits für mehrere harte Winter in Europa ein Zusammenhang mit dem Eismangel in der Arktis nachgewiesen werden konnte.

Allein ein Schmelzen Grönlands würde den Meeresspiegel um sieben Meter erhöhen

Ein weiterer Kipppunkt im Klimasystem ist der Eispanzer Grönlands. Noch vor ein paar Jahren hatten die Klimaforscher gehofft, dass die unumkehrbare Eisschmelze auf Grönland erst bei einer globalen Erwärmung von knapp zwei Grad einsetzen würde. Das ist einer der Gründe, warum das Zwei-Grad-Ziel als politisches Vorsorgeziel in Sachen Klimawandel akzeptiert worden ist. Angesichts des bereits gemessenen Eisverlusts auf Grönland befürchten die Klimaforscher inzwischen, dass der Eispanzer Grönlands schon bei einem Grad Erwärmung nicht mehr zu halten sein könnte. Das grönländische Eis würde den Meeresspiegel um rund sieben Meter erhöhen, auch wenn es einige hundert Jahre dauert, bis das Eis tatsächlich geschmolzen sein wird.
Was die Abhilfe angeht, hat sich die Klimaforschung von einigen Hoffnungen verabschieden müssen. Das gefrackte Schiefergas beispielsweise wird das Klima nicht retten, hat Ottmar Edenhofer vom PIK gemeinsam mit einer Forschergruppe in den USA herausgefunden. Denn auch das Wirtschaftssystem ist ein nicht lineares System mit widersprüchlichen Wechselwirkungen. Zwar verdrängt das Schiefergas teilweise die Kohle bei der Stromerzeugung. Aber gleichzeitig wird die Kohle auf dem Weltmarkt so billig, dass es sich an Orten, die bisher keine Kohle verbrennen, lohnt, sie einzusetzen. Dennoch ist Edenhofer optimistisch, dass die Zwei-Grad-Grenze noch einzuhalten ist. Die Technologien zur Abhilfe sind bekannt, und gelänge es, Kohlendioxid weltweit mit einem Preis zu belegen, dann würden die Finanzströme ganz schnell in eine klimafreundlichere Wirtschaft umgelenkt. Für Schwellenländer und Entwicklungsländer hat Edenhofer deshalb die „wichtige Botschaft“: „Klimaschutz und Wirtschaftswachstum sind miteinander vereinbar.“ Wer das Klima schützt, muss also weder arm bleiben, noch dafür verarmen.

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