Politik : 2000 Euro für eine Überfahrt auf einem rostigem Kahn

Thomas Migge

Sie arbeiten anders als ihre albanischen Kollegen. Ganz anders. Sie haben kein eigenes Transportsystem mit Schiffen oder Booten aufgebaut, um die Menschen von einer Küste zur anderen zu bringen. Die nordafrikanische Schleppermafia will nichts riskieren und schickt ihre "Kunden" lieber allein auf den Weg. Somalier, Ägypter, Libyer oder Marrokkaner werden lediglich auf ein Schiff geladen - fast immer ausrangierte und rostige Kähne. Sie steuern Sizilien oder eine der vorgelagerten kleineren Inseln an. Wie Lampedusa, wo vor wenigen Tagen bei einem Sturm ein Flüchtlingsschiff unterging und mehr als 50 Menschen in die Tiefe riss.

Am Montag sank wieder ein Schiff vor der süditalienischen Küste. Mindestens sechs Menschen starben, 22 illegale Einwanderer wurden mit Hubschraubern gerettet, vier Menschen werden noch vermisst. Die Überlebenden behaupteten, sie seien aus der Türkei gekommen, doch die italienischen Behörden glauben, dass das Schiff von Tunesien aus auf dem Weg nach Italien war.

Die Behörden sind besorgt. Galt bis vor kurzem ihre ganze Aufmerksamkeit der albanischen Schleppermafia, müssen sie sich nun auch mit ganz neuen Banden beschäftigen. Mit Banden, deren Aufgabe nur noch darin besteht, ausreisewillige Menschen zu einem Hafen zu karren, ihr horrend hohes Honorar, in der Regel 2000 Euro pro Person, zu kassieren. Werden diese Schiffe von der Küstenwache aufgebracht, können keine Schlepper verhaftet werden. In den vergangenen Tagen entdeckte die Polizei drei Schiffe aus Nordafrika. An Bord waren jeweils rund 700 Menschen. Immer zwei Flüchtlinge pro Schiff waren von den Schleppern im Fahren des Schiffes ausgebildet worden und hatten von ihnen die nötigen Seekarten erhalten.

Die Polizei Siziliens hat in den vergangenen Wochen die neue Schleppermafia genau unter die Lupe genommen. Dabei wurde deutlich, dass es sich bei diesen Kriminellen nicht um Italiener oder Albaner handelt. Flüchtlingshelfer aus Nordafrika planen die Reise der verzweifelten Menschen.

Bei ihren Ermittlungen erfuhr die Küstenwache von einem Hafen, der in einer extrem unzugänglichen wüstenartigen Gegend am Meer zwischen Tunesien und Libyen liegt. Von dort aus sind es nur einige hundert Kilometer bis nach Sizilien. Die Ferieninsel Lampedusa liegt genau zwischen Sizilien und dem Hafen und gilt deshalb als Hauptziel der Flüchtlingsschiffe.

Die Behörden fanden zudem heraus, dass die Flüchtlinge, sollte ihre Überfahrt unbeobachtet von der Küstenwache erfolgen, vor Ort von Mitarbeitern der nordafrikanischen Schlepper in Empfang genommen werden. Diese Mitarbeiter sorgen dann dafür, dass die illegal Eingereisten Arbeit und Unterkunft finden. Nach Bekanntwerden des Berichts über die Vorgehensweise der Schlepperbanden in Nordafrika gab das Innenministerium bekannt, dass man sich nun mit den Regierungen Tunesiens und Libyens in Verbindung setzen wolle. Die Küstenwache fordert, dass Italiens Regierung zusammen mit den Regierungen der beiden Länder die Schleppermafia vor Ort bekämpft.

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