Politik : 2001: UN-Jahr der Freiwilligen: Die Gesellschaft mit gestalten

Claudia Keller

"Willst Du froh und glücklich leben, lass kein Ehrenamt Dir geben." Das Sprichwort bringt auf den Punkt, was viele mit dem Begriff "Ehrenamt" verbinden: verkrustete Verbandsstrukturen und langfristige Verpflichtungen. Das soll sich nun ändern. Die Vereinten Nationen rufen heute das Jahr 2001 zum "Internationalen Jahr der Freiwilligen" aus. In 123 Ländern entdecken Politiker den "lieben Ehrenamtler" - wie die CDU-Vorsitzende Angela Merkel ihn nennt. Er soll für den Zusammenhalt der Gesellschaft sorgen und grassierende Demokratieverdrossenheit abwenden. Kanzler Schröder beschwört die Freiwilligenarbeit als "wichtigsten Ort gesellschaftlicher Teilhabe".

Umfragen haben ergeben, dass sich ein Drittel der Deutschen regelmäßig bürgerschaftlich engagiert. Von den restlichen zwei Dritteln wären immerhin 40 Prozent bereit dazu, wenn man sie ansprechen würde. Sie erhoffen sich davon Spaß, Kontakte und zusätzliche Qualifikation. Immer weniger sind allerdings bereit, sich langfristig zu binden oder sich von altgedienten Vereinsvorsitzenden wie unselbstständige Befehlsempfänger gängeln zu lassen. Man will mitsprechen und zeitlich flexibel arbeiten.

Klassische Wohlfahrtsverbände mit gesetzlich festgeschriebenem Auftrag wie etwa das Technische Hilfswerk oder solche, für die nur ein längerfristiges Engagement bestandssichernd ist, geraten zunehmend unter Druck. Gefragt sind Selbsthilfegruppen, die sich spontan finden, Seniorenbüros oder Freiwilligenagenturen, die Interessierte an soziale, kulturelle oder politische Institutionen vermitteln.

Was muss sich also ändern, damit das "Internationale Jahr der Freiwilligen" ein Erfolg wird, dass sich auch die 40 Prozent der potenziell Interessierten engagieren? Rechtliche Normen müssen geschaffen werden, die den Freiwilligen bei der Ausübung ihrer Tätigkeit einen Versicherungsschutz garantieren. Ausgleichs- und Ersatzregelungen sind nötig, um eine höhere Aufwandsentschädigung zahlen zu können. "Wir werden uns dafür einsetzen, dass Aufwandsentschädigungen aus öffentlichen Kassen bis zu 300 Mark steuerfrei gestellt werden", verspricht Kanzler Schröder. Und betont, dass die rot-grüne Regierung das Stiftungsrecht verbessert sowie die Übungsleiterpauschale vereinfacht und um 50 Prozent angehoben hat. Ob allerdings das 630-Mark-Gesetz gegen Scheinselbstständigkeit dem ehrenamtlichen Engagement zugute kommt, ist umstritten. Hans Hansen, der Ehrenpräsident des Deutschen Sportbundes bezweifelt es: "Man kann doch in den Vereinen nicht zehn ehrenamtliche Übungsleiter durch einen angestellten Sportlehrer ersetzen."

Auch an der Regelung, dass Arbeitslose nicht mehr als 15 Stunden pro Woche arbeiten dürfen, ohne ihren Leistungsanspruch zu verlieren, soll sich etwas ändern. Nach wie vor mangelt es an Fördernormen und an öffentlichen Geldern für die Aus- und Weiterbildung. Nur dadurch können Qualitätsstandards gewährleistet. Durch Steuervergünstigungen oder die Anrechnung von Freiwilligenarbeit bei der Rente könnten zusätzlich Anreize geschaffen werden. Der politische Wille ist da. An seiner Umsetzung arbeitet seit Februar 2000 die Enquete-Kommission "Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements" des Bundestags. Ein ehrenvoller Einsatz für das Ehrenamt.

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