Politik : …22,04 das Maß aller Dinge sind

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Der 95jährige Japaner Kozo Haraguchi hat dieser Tage den 100-Meter-Weltrekord in der Klasse der 95- bis 99-Jährigen verbessert. Auf einem Seniorensportfest in Tokio unterbot er die alte Bestmarke von 24,01 Sekunden um sensationelle 1,97 Sekunden. Der Weltrekord steht nun bei 22,04. Als die Zuschauer im Stadion merkten, was sich da auf der Tartanbahn abspielte, müssen sie so laut gebrüllt haben, dass Haraguchi seinerseits wiederum gedacht hat: Jetzt bloß nicht hinfallen, sonst sind die nachher alle furchtbar enttäuscht! Später im Ziel modellierte der Rentner dann seine Leistung in japanischer Bescheidenheit auch noch zu einer Alltagspetitesse: „Ach wirklich, ein Rekord? Vielen Dank.“

Bescheidenheit im Augenblick des größten Triumphs – geht es überhaupt noch sportlicher? Nein, eigentlich nicht. Das ist fantastisch. Und es wird hoffentlich nicht mehr allzu lange dauern, bis man derartige Meldungen nicht mehr mühsam im „Vermischten“, irgendwo zwischen Tom Cruise und Liz Hurley, aufstöbern muss, wo sie doch längst schon als Aufmacher in den Sportteil gehörten!

Neue, um nicht zu sagen: unbegrenzte Möglichkeiten der Berichterstattung tun sich ohnehin auf, seitdem die Fitness mit dem Alter offenkundig ganz passabel Schritt hält. Man liest ja so wenig über die, soll man sagen: wahren Helden des Sports. Wo steht, jetzt nur so zum Beispiel, eigentlich gerade der finnische Landesrekord im Kugelstoßen in der Altersklasse 85+? Wie machen sich die über 70-jährigen Inder beim Stabhochsprung? Oder das jugendwahnsinnige Estland, wo der Altersdurchschnitt im Kabinett bei 32 Jahren liegt – gibt es da überhaupt ein Rugby-Team in der Gruppe der 90-Jährigen, das Chancen hat, sich für die Europameisterschaften zu qualifizieren? Und wie heißt der aktuelle kasachische Rekordhalter über die 10000 Meter in der Gruppe der über 100-Jährigen? Ach so, das steht noch nicht fest – das Teilnehmerfeld läuft noch. ( Bitte, als Pointe ist das zu platt, wir wollen nicht despektierlich sein.)

Zurück zu … ja, kleiner Test: Wie hieß er noch? Wie war seine Zeit? Solche Namen, Daten werden immer wichtiger in einer Epoche, in der die Leute nach dem Absoluten gieren. Also: Kozo Haraguchi (Japan, 95), 22,04 Sekunden.

Der Mann ist überdies Doppelweltrekordler. Vor fünf Jahren katapultierte er den Rekord in der Klasse der 90- bis 95-Jährigen auf bislang unerreichte 18,08 Sekunden. Kozo, du bist ein 100-Meter-Gott! Vbn

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