2+4-Jubiläum : Ein Geist muss umgehen in Europa

Zum zwanzigsten Jubiläum des "Zwei-plus-Vier-Vertrags" versammelten sich in Berlin alte Weggefährten. Ex-Außenminister Genscher traf auf frühere Kollegen - und einen seiner Nachfolger.

Sebastian Scholz
Guido Westerwelle und Hans-Dietrich Genscher.
Guido Westerwelle und Hans-Dietrich Genscher.Foto: dpa

Es liegt Geschichte in diesem Saal am Schloss Schönhausen in Berlin. Die eckigen Lampen, die Polsterstühle, der runde Tisch und sogar der rote Teppich in diesem Raum ist noch genau derselbe wie vor 20 Jahren, als hier der für Deutschland wohl wichtigste Vertrag der Nachkriegszeit verhandelt wurde. Zum zwanzigsten Jubiläum des "Zwei-plus-Vier-Vertrags" nehmen die Vertreter von damals noch einmal auf genau den Stühlen Platz, auf denen sie den Weg für die Deutsche Einheit ebneten und einen Schlussstrich unter den kalten Krieg zogen.

Man könnte meinen, Hans-Dietrich Genscher sei es mittlerweile leid, immer wieder die alten Geschichten aus der Zeit der Wende zu erzählen. Wie er den Mauerfall erlebte, oder wie er auf dem Balkon der Prager Botschaft Flüchtlingen aus der DDR die Bewilligung ihrer Ausreise in die Bundesrepublik verkündet. Gerade wo sich in den vergangenen und kommenden Monaten so viele bedeutende historische Ereignisse jähren. Doch der damalige Außenminister wird, genau wie seine Amtskollegen aus den USA, Großbritannien, Frankreich und der ehemaligen Sowjetunion, auch heute nicht müde, von den Ereignissen zu erzählen.

Es war vor allem der Mut der Menschen in der ehemaligen DDR und den anderen Ländern Osteuropas, der den eisernen Vorhang und die Mauer zum Einsturz brachten - da sind sich alle Anwesenden einig. Markus Meckel, der letzte Außenminister der DDR, spricht sogar von einer "Mitteleuropäischen Revolution". Es sei der Wille zur Freiheit und auch der Wille zur Überwindung von Grenzen in Europa gewesen. Der damalige Außenminister der USA, James Baker, lobt noch einmal die gemäßigte Reaktion der Sowjetunion auf die Demonstrationen in der DDR. Die Folgen wären fatal gewesen, hätte der Kreml, wie schon 1953 in Berlin oder 1968 in Prag, Panzer gegen die Demonstranten auffahren lassen. Die Reformen von Glasnost und Perestroika zeigten in der Sowjetunion anscheinend bereits Wirkung.

"Diese europäische Geschichte an die Jugend zu vermitteln und sie aufzuklären ist sehr wichtig", betont der britische Botschafter, der den abwesenden Ex-Außenminister Douglas Hurd vertritt. Denn nun würden diejenigen erwachsen, die weder Krieg noch Teilung miterlebt haben und Freiheit daher als selbstverständlich hinnehmen. Meckel spricht sich daraufhin für ein "Museum des kalten Krieges" aus.

Doch die alten Herren schwelgen nicht nur in nostalgischen Geschichten, sie haben auch eine Botschaft mitgebracht. Denn die Euro-Krise lässt das europäische Projekt derzeit wanken, Streit und Misstrauen machen sich breit. Der "Geist von Zwei-Plus-Vier" müsse wieder durch Europa ziehen und den Dialog beleben, beschwören die Ex-Außenminister. "Man kann die Welt nicht verändern wenn man ihr den Rücken kehrt, sondern nur indem man Vertrauen schafft", mahnt Genscher. Die Geduld und die Kooperation von damals würden auch heute wieder gebraucht werden. "Gerade in der aktuellen Krise, wo man mit europafeindlichen Äußerungen schnell billigen Applaus abräumen kann, muss der europäische Gedanke unterstrichen werden", sagt auch Außenminister Guido Westerwelle. "Nur als Gemeinschaft werden wir in einer globalisierten Welt bestehen."

Europa-Skeptiker haben derzeit Konjunktur auf dem Kontinent, nicht zuletzt auch in Deutschland. Vor allem an sie richtet sich Genschers Botschaft: "Wir hätten die Deutsche Einheit nie bekommen, wenn wir nicht gute Europäer gewesen währen", erinnert Genscher. "Ich möchte euch noch einen runden Tisch ersparen."

5 Kommentare

Neuester Kommentar