25 Jahre Deutsche Einheit : Unter goldener Kuppel

Ein ideales Duo: 20 Jahre lang leiteten sie gemeinsam das Centrum Judaicum in Berlin – und ergänzten sich symbiotisch.

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Ein Ost-West-Duo, das sich so ideal kaum erfinden lässt.
Ein Ost-West-Duo, das sich so ideal kaum erfinden lässt.Foto: Mike Wolff

Astrologische Zwillinge sind sie nicht, aber ein Ost-West-Duo, das sich so ideal kaum erfinden lässt. Hermann Simon war bis zum 31. August Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum unter der Goldkuppel an der Oranienburger Straße, Chana Schütz seine Stellvertreterin.

Im Gespräch zitieren sie aus dem symbiotischen Lameng, was der jeweils Andere mal Treffendes gesagt hat, spielen sich Bälle zu. Es macht ihnen Spaß, biografische Parallelen herauszustellen. Seit 20 Jahren arbeiten sie zusammen unter der Goldkuppel an der Oranienburger Straße. Beide sind „im Westen“ geboren: der Professorensohn, dessen Eltern dann nach Ost-Berlin zogen, anno ’49 im Wedding, im Jüdischen Krankenhaus; die Politikertochter sieben Jahre später in Wilmersdorf. Dass die Bildungsbürgerkinder stets gemeinsam zivilisiert Mittagessen gehen, hat mit Disziplin und Stil zu tun: Mutter Simon nahm sich als Ordinaria an der Humboldt-Universität täglich Zeit, zu Hause zu kochen.

Gedrückte Krisenstimmung

Vater Schütz als Regierender Bürgermeister akzeptierte im Schulterschluss mit seiner Frau von 13 bis 15 Uhr keine Termine. Beide Berliner besuchten als Gymnasiasten das „Graue Kloster“, er das Original-Ost, sie den West-Klon in Schmargendorf. Der Historiker heiratete 1987 eine Kanadierin, die Kunsthistorikerin 1989 einen Texaner, damals ist sie zum Judentum übergetreten. Religion, die Privatsache, war für beide während ihrer Jahrzehnte im Centrum Judaicum nie Gesprächsthema. Er stammt aus einer traditionsbewussten Familie; sie sieht sich nicht als offensive Konvertitin.

Der Arbeitstag im Centrum begann mit dem Morgentee und einem Blick auf das, was anliegt, sie sind ein nüchternes Paar. Aber neue Ausstellungsideen, sagen die Zwei, haben sie öfter schon synchron in Erregung versetzt. Erstmals begegnet waren sie sich 1988 im Ephraim-Palais, am Rand der Ausstellung „Und lehrt sie: Gedächtnis!“ Die Dimension dieser ersten Darstellung jüdischer Geschichte im Museum eines sozialistischen Landes, sagt Chana Schütz, sei ihr da klar geworden. Damals herrschte im Osten gedrückte Krisenstimmung.

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1 von 13Foto: Doris Spiekermann-Klaas
13.04.2016 09:16Es gibt kein Einheitsdenkmal in Berlin? Stimmt nicht, gleich mehrere Denkmäler in der Stadt erinnern an Teilung, Fall der Mauer...

„Das gefällt mir gar nicht“, habe Simon, der bei seinen Eltern in kritischer DDR-Loyalität aufgewachsen war, zu ihr gesagt. Es sei unangenehm, welche Leute sich nun auf einmal zu Wort melden. Er: „Natürlich war ich für intellektuelle und Reisefreiheit, aber nicht für die deutsche Einheit.“ Sie: „In Berlin hätten wir die deutsche Einheit nicht gebraucht, in diesem Punkt tickten wir immer gleich.“ Dass ihr Vater während der NS-Zeit „anständig“ gewesen sei, habe Simon gewusst; auch auf diesem Feld verstanden sie sich.

Da will keiner hin

1992 kam dann die West-Berlinerin für einen Verwaltungsjob der Jüdischen Gemeinde zur Oranienburger Straße – „da will nämlich keiner hin“, hatte Heinz Galinski, der Gemeindevorsitzende, die Tochter seines Freundes Klaus Schütz ermuntert. 1995, zur Eröffnung der Dauerausstellung im Centrum Judaicum, wurde sie Simons Mitarbeiterin, bald seine Stellvertreterin. Er: „Ich wusste, wie die jüdische Welt…“ Sie: „…und ich, wie Westdeutschland tickt.“ Das Ost-West-Wunder unter der Goldkuppel hätte sich auch verflüchtigen können.

Als fürs Jüdische Museum ein Direktor gesucht wurde, bewarben sich beide dafür, vergebens. Sie konnten dann aber im Windschatten vieler Aufregungen um das Libeskind-Haus und zahlreicher Konflikte der Jüdischen Gemeinde ungestört erfolgreich ihren Stil realisieren, ihre Ausstellungen, ihr Forum der deutsch-jüdischen Geschichte.

Gemeinsame Lebensbasis Berlin

Gemeinsam abgewendet wurden auch vor 15 Jahren Interventionen hinter den Kulissen, die das Centrum Judaicum als orthodoxe Religionsschule definieren sollten – „die in der Stadt an anderem Ort ja ihre Berechtigung hat“, betont Simon.

Sie sagt: „Er kann delegieren, seine Mitarbeiter lähmt er nicht.“ Außenstehende sagen: „Es war egal, mit wem von beiden wir geredet haben.“ Gegeneinander ausspielen ließen sich die angstfreien Teamplayer nie, in ihrem Haus wurden auch Ausstellungsvorschläge einer Buchhalterin ernst genommen. Die Grundlage ihrer funktionierenden Chemie erkennen Simon und Schütz in der gemeinsamen Lebensbasis Berlin. Als Ost-West-Unterschied, der bis heute auffällt, nennen sie die Achtung von Vertraulichkeit: „Wenn im Osten etwas vertraulich war, hat man es auch so behandelt, im Westen nicht.“

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