25 Jahre Mauerfall : Wie Diplomaten die Zukunft westlicher Werte sehen

25 Jahre nach dem Mauerfall schauen die Botschafter Großbritanniens, Frankreichs und der USA nach vorn mit einem Appell, tragfähige Brücken in die Zukunft zu bauen. Ein Ortstermin im Adlon.

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Stunde des Jubels. Feiernde Menschen auf der Berliner Mauer am 11. 11. 1989.
Stunde des Jubels. Feiernde Menschen auf der Berliner Mauer 1989.Foto: dpa

Wer 25 Jahre nach dem Mauerfall nur zurück- und nicht nach vorne blickt, läuft Gefahr, in die "Papa erzählt vom Krieg"-Rolle zu fallen. Sir Simon McDonald, Philippe Etienne und John B. Emerson, die drei Botschafter Großbritanniens, Frankreichs und der USA, sind viel zu ausgeschlafen, um bei einer Diskussion über die Welt 25 Jahre nach dem grundstürzenden Berliner Ereignis vom 9. November 1989 zu lange in Nostalgie zu schwelgen. Im Adlon, das, wie die drei Botschaften, neu erbaut wieder am alten Vorkriegsplatz zu finden ist, blicken sie lieber voraus, nachdem sie sich ihrer Fundamente versichert haben. Und das sind eben – NSA hin, TTIP her – Menschenrechte, Demokratie und Liberalität der Gesellschaften.

Von da aus wollen sie Brücken bauen in die Zukunft, die natürlich eine gemeinsame bleiben muss, denn da sind sich die drei völlig einig: Mit dem Mauerfall und dem Zusammenbruch des Ostblocks ist eben nicht das Ende der Geschichte eingetreten, wie es der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama prognostiziert hatte, sondern ein neues Kapitel wurde aufgeschlagen – in einem Buch, dessen Ende durchaus noch offen ist.

Die Globalisierung verunsichert viele Menschen gerade in den alten Nationen Europas, die ohnedies mehr zum Selbstzweifel und zum Grübeln neigen als die US-Amerikaner, die in jedem Scheitern nach kurzer Depression auch eine Chance sehen. Was denn so dramatisch sei an den höheren ökonomischen Zuwachsraten der Schwellenländer und an der größeren Dynamik Chinas und Brasiliens, fragt Simon McDonald, seit Oktober 2010 Botschafter Ihrer Majestät in Berlin. Eigentlich sollten doch alle froh sein, dass diese Nationen mehr und mehr Anschluss finden an globalen Wohlstand, davon würden Exportnationen wie Deutschland doch am Ende profitieren, stellt er ein bisschen süffisant fest.

Rechtsstaat, Demokratie und offene Diskussion gehen China und Russland ab

Mit seinem französischen Kollegen Francois Etienne ist er sich aber einig in dem kritischen Blick auf grenzüberschreitende religiöse und weltanschauliche Bewegungen, die wie die Terrororganisation „Islamischer Staat“ um globale Aufmerksamkeit werben und bei der Jugend Europas vor allem dort Zuspruch finden, wo hohe Arbeitslosigkeit und fehlende Lebensperspektiven für die Heilsversprechen fanatisierter Minderheiten empfänglich machen.

Von dort finden sich die drei Diplomaten schnell zusammen mit einem Appell, tragfähige Brücken in die Zukunft zu bauen. Überzeugender als terroristische Bewegungen, mitreißender und nachdenklich stimmender aber auch als autoritäre Staaten, seien eben die Werte des Westens: Rechtsstaat, Demokratie und offene Diskussion. Gerade dies sei es ja, was dem wirtschaftlich so dynamischen China und dem machtstrotzenden Russland abginge. „Unsere Demokratie korrigiert sich eben immer selber, mal schneller, mal langsamer“, sagt John B. Emerson, der wie seine beiden Kollegen auch mit früheren Deutschlanderfahrungen nach Berlin gekommen ist.

So lässt der Amerikaner dann auch nicht gelten, dass es zwischen den Wertvorstellungen diesseits und jenseits des Atlantiks durch NSA und TTIP Risse oder gar Gräben gebe. Als Simon McDonald auf eine entsprechende Frage ein deutliches „No!“ in den Saal schmettert, dankt ihm Emerson gespielt emphatisch: „God bless you, Simon.“

Ernster schien es ihm mit einem kleinen Seitenhieb gegen die Bundeskanzlerin, als er etwas spitz sagte: „Frau Merkel hat mehr Zeit in China verbracht als in den Vereinigten Staaten.“ Die Frage, was da von was kommt, stellte ihm freilich niemand.

Das konzentrierte deutsch-britisch-amerikanische Publikum im Ballsaal des Adlon, dessen blaue Wandlampen immer noch ein bisschen wie die Haremsdekoration aus einer Fin-de-Siècle-Operette wirken, war jedenfalls hoch angetan. Das lag auch an Melinda Crane von der Deutschen Welle, die ihre drei Gäste höflich, aber klar von Thema zu Thema führte.

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