Politik : 25 Jahre nach dem Krieg: Kein gewöhnlicher Staatsbesuch

Herbert Winkler

Den amerikanischen Zuschauern stockte der Atem, als US-Präsident Bill Clinton am Freitag in Hanoi die Ehrenformation vietnamesischer Truppen abschritt. Und als die Militärband der Gastgeber die amerikanische Nationalhymne für den Staatschef des einstigen Kriegsgegners spielte, lief es so manchem kalt den Rücken hinunter. Der demokratische US-Senator und Vietnam-Veteran John Kerry fand es "außerordentlich, die Nationalhymne in Hanoi ein paar hundert Meter vom Ho Chi Minh-Mausoleum entfernt zu hören."

Es ist wahrhaftig kein normaler Staatsbesuch, den Clinton dem kommunistischen Land noch bis Sonntag abstattet. Unvergleichlich sei die Beziehung durch gemeinsame Leiden in einem Konflikt, der für die USA der "Vietnamkrieg" und die Vietnamesen der "amerikanische Krieg" ist, sagte der Präsident vor Studenten der Nationaluniversität.

Drei Millionen Vietnamesen sind ihm zum Opfer gefallen und 58 000 Amerikaner. 300 000 Vietnamesen sind immer noch vermisst und mehr als 1500 Amerikaner. Nicht explodierte Minen und Munition verstümmeln oder töten noch heute jährlich 2000 Menschen. Noch immer leiden Menschen unter dem tückischen US-Entlaubungsgift "Agent Orange". Und doch trägt die Visite Clintons überschwängliche, ja überschäumende Züge. Zehntausende säumten am Freitag Clintons Weg, ob er nun zur Begrüßungszeremonie fuhr oder den 1070 vom Kaiser Ly Thanh Tong gegründeten Tempel der Literatur besichtigte. Vor der Nationaluniversität kletterten Schaulustige am Rande der Xuan Thuy-Avenue auf die Akazien, um den Gast zu sehen. Gleichzeitig pulsierte das Stadtleben weiter. Die Besitzer vieler hunderte von Fahrrädern und Motorrädern waren in einer beispiellosen "Rush Hour" unterwegs.

Die meisten, die "Bill und Frau" (so ein Transparent) auf diese Weise begleiteten, waren junge Menschen. Dies war das neue Vietnam, auf das Clinton beim weiteren Ausbau der Beziehungen seine Hoffnung setzt. 60 Prozent der Bevölkerung sind unter 30 Jahre alt. Der Krieg ist für die junge Generation Geschichte. Vor den Studenten appellierte der US-Präsident an die Regierung, der wirtschaftlichen nun auch die politische Öffnung folgen zu lassen. Er wolle die demokratischen Ideale niemandem aufzwingen, versicherte Clinton, fügte dann allerdings hinzu: "Ihre Zukunft sollte in Ihren Händen liegen, den Händen des vietnamesischen Volkes".

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