26 Tage nach der US-Wahl : Der Undiplomat

Trump missachtet die außenpolitischen Traditionen der USA, zum Beispiel in China. Anfangs wirkte das erfrischend. Inzwischen sind die Experten besorgt. Eine Analyse.

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Bruch mit vier Jahrzehnten amerikanischer China-Politk: Donald Trump telefoniert mit Taiwans Präsidentin Tsai Ing Wen.
Bruch mit vier Jahrzehnten amerikanischer China-Politk: Donald Trump telefoniert mit Taiwans Präsidentin Tsai Ing Wen.Foto: AFP

Dass Donald Trump manches anders macht als seine Vorgänger, sollte man ihm nicht vorwerfen. Ein Gutteil seiner Wähler hat gerade deshalb für ihn gestimmt. Sie erwarten, dass er mit den Konventionen bricht. Doch so langsam fragen sich selbst die Wohlmeinenden in den USA, wo bei ihm die Grenze zwischen Andersmachen, Unwissen und einem Verhalten wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen der internationalen Diplomatie verläuft.

Trumps Telefonat mit der Präsidentin von Taiwan, Tsai Ing Wen, hat eine veritable geopolitische Krise ausgelöst. China, das Taiwan als eine abtrünnige Provinz betrachtet, protestierte energisch. Seit vier Jahrzehnten hatte es keinen Kontakt zwischen den USA und Taiwan auf der Ebene der Präsidenten gegeben. Amerika hielt sich an die Devise der Ein-China-Politik. Trump hat freilich auch eine gebürtige Taiwan-Chinesin in sein Kabinett berufen.

Die Alarmglocken hatten zuvor bereits geschrillt, als Trump mit dem erratischen Präsidenten der Philippinen, Rodrigo Duterte, telefonierte. Anschließend behauptete der, dass Trump mit seiner Politik einverstanden sei, zum Beispiel mit dem harten Kampf gegen Drogen, bei dem Duterte Grundrechte missachtet. Warum, so fragten außenpolitische Profis, spricht Trump überhaupt mit Duterte? Weiß er nicht, dass Duterte ein Demagoge ist, der den amtierenden US-Präsidenten Barack Obama als "Sohn einer Hure" beschimpft hatte? Oder sind ihm seine Geschäftsinteressen in den Philippinen wichtiger als die Staatsraison?

Trump hofiert fragwürdige Partner wie Pakistan und Kasachstan

Die ersten Abweichungen von der Norm hatten die Erfahrenen in der Außenpolitik noch mit einem Schmunzeln hingenommen. Bei der Reihenfolge der ausländischen Staats- und Regierungschefs, die ihm zum Wahlsieg gratulieren wollten und tatsächlich zu ihm durchgestellt wurden, schien der Zufall zu regieren. Dem irischen Premier gelang das vor seiner britischen Kollegin und der Bundeskanzlern - was Stirnrunzeln auslöste. Soll man es als erfrischend betrachten, dass Trump sich nicht an die gewohnte Hierarchie hält, in der London und Berlin als ein wenig wichtiger gelten als Dublin? Oder weiß er nicht einmal, dass es eine solche Prioritätenliste amerikanischer Interessen gibt?

Kurz darauf empfahl Trump der britischen Premierministerin Teresa May, den Nigel Farage als Botschafter nach Washington zu entsenden. Erstens gehöre sich solche öffentlichen Ratschläge generell nicht. Zweitens ist Farage ein Anti-Europa-Demagoge.

Kurz darauf äußerte sich Trump im Gespräch mit Kasachstans Präsident Nursultan Nasarbajew bewundernd über diesen autoritären Herrscher. Als Pakistans Premierminiser Nawaz Sharif ihn telefonisch zu einem Besuch einlud, sagte Trump, er wolle das bald tun - offenbar in Unkenntnis der Gründe, die Barack Obama dazu bewogen hatten, kein einziges Mal dorthin zu reisen. Was wiederum Indien, einen Verbündeten der USA, rätseln lässt, ob Amerika mit dem Präsidentenwechsel gerade eine prinzipielle Neuorientierung seiner Außenpolitik vollzieht.

Obamas Sprecher empfiehlt Beratung durch das US-Außenministerium

Trumps Vorgehen erregte so viel Verwunderung im White House Press Corps und Nachfragen, ob es sich dabei um Anfängerfehler handeln könne, dass Obamas Sprecher Josh Earnest sich zu einem ungewöhnlichen Rat veranlasst sah: “Präsident Obama hat enorm von der Beratung und Erfahrung des Außenministeriums profitiert. Ich vertraue darauf, dass die Experten des Außenministerium auch dem Nachfolger Donald Trump ihren Rat anbieten. Und ich hoffe, dass er ihn annimmt." Auch diese Äußerung war ein Novum in der jüngeren Geschichte der USA.

Unkonventionelles Vorgehen in der internationalen Politik kann mitunter erfrischend wirken, zum Beispiel Willy Brandts Ostpolitik oder Barack Obamas Öffnung nach Iran und Kuba. Es kann freilich auch schlicht ein Ausweis von Ignoranz sein. Man muss hoffen, dass zumindest Donald Trump weiß, wo auf dieser Skala er einzuordnen ist.

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