Politik : 30. September 1999 - eine junge Serbin erlebt die Nackriegszeit im Kosovo

Alex K. lebt in Belgrad. Die junge Serbin[die von]

Alex K. lebt in Belgrad. Die junge Serbin, die von sich selbst sagt, sie sei von westlichen Idealen geprägt, beschreibt in ihrem Tagebuch, wie sie den Krieg erlebt. Um die Autorin zu schützen, können wir ihren richtigen Namen nicht nennen. Heute drucken wir ihre Eindrücke vom 30. September. Der Tagesspiegel meldete: "Belgrader Polizei setzt Wasserwerfer gegen Demonstranten ein. Protestmarsch gegen Präsident Milosevic gewaltsam aufgelöst."

30. September: Heute gab es eine Podiumsdiskussion zu möglichen Neuwahlen und den erforderlichen Voraussetzungen dafür. Die Vertreter aller wichtigen Oppositionsparteien waren anwesend. Es war das erste einer ganzen Serie geplanter Treffen. Die Atmosphäre, in der das Treffen stattfand, lässt auf eine künftige Zusammenarbeit der Oppositionsparteien hoffen. Allem Anschein nach haben sie begriffen, dass sie in Einzelfragen unterschiedlicher Meinung sein können, ohne den Dialog und - wenn nötig - eine Zusammenarbeit zu gefährden.

Später am Abend versammelten sich einmal mehr die Anhänger der "Allianz für den Wandel". Ihr Ziel war es, eine Brücke in Richtung Neu-Belgrad zu überqueren, um auch "die Vororte wachzurütteln". Fast 50 000 Demonstranten waren auf der Straße. Angesichts der Auseinandersetzungen mit der Polizei in den vergangenen Tagen wollten viele Belgrader zeigen, dass sie sich nicht einschüchtern lassen und trotz allem auf die Straße gehen. Gegen 21 Uhr begann der Polizeieinsatz - so gut wie ohne Vorwarnung. Und in dieser Nacht war er härter als in der Nacht zuvor.

Zoran Djindjic, dem Vorsitzenden der Demokratischen Partei, gelang es ebenso wenig wie dem Wirtschaftsprofessor Ljubomir Madzar, einigen Journalisten und vielen unschuldigen Bürgern, sich vor den Schlagstöcken der Polizei zu schützen. Die Demonstranten wurden über die Brücke zurückgetrieben. Sie flohen in die dahinter liegenden Straßen, in Busse oder Kaffees.

Die Polizei wirkt seit Tagen extrem nervös. Das wird an den gemeinsamen Aktionen der Opposition liegen und daran, dass immer mehr Menschen zu den Podiumsdiskussionen der "Allianz für den Wandel" kommen. Natürlich ließ die Regierungskoalition um das Milosevic-Regime später verlauten, dass "durchgedrehte Randalierer friedliche Polizisten bei der Erfüllung ihrer verfassungsmäßigen Pflicht angegriffen haben".

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