Politik : 300 Jahre Preußen: Festakt im Berliner Schauspielhaus

Brigitte Grunert

"Sind Sie auch Preuße"?, fragt ein weißhaariger Herr den anderen. Schon eine Stunde vor Beginn strömt ein erwartungsvolles Publikum zum "Gemeinsamen Festakt der Länder Berlin und Brandenburg aus Anlass des 300. Krönungsjubiläums des ersten Preußischen Königs" ins Schinkelsche Schauspielhaus. Wie selten sieht man Damen mit großen Hüten und Pelzen. Gemeckert wird auch. Eine Frau findet die Einladung "schlechter als zu DDR-Zeiten". Sie vermisst den Namen des Königs. Es war Friedrich I, der sich am 18. Januar 1701 in Königsberg die Krone aufs Haupt setzte.

In ausgeklügelter Sitzordnung sind blaues und bürgerliches Blut beieinander. In der Mitte der ersten Reihe hat Georg Friedrich Prinz von Preußen, der Chef des Hauses Hohenzollern, Wolfgang Thierse links, Eberhard Diepgen rechts neben sich. Elf Prinzen und Prinzessinnen des "vormals regierenden preußischen Königshauses" sitzen in schöner Nähe zu Bundesinnenminister Otto Schily und anderen Spitzenpolitikern. Der Diplomat Leopold Bill von Bredow und die Publizistin Marion Gräfin Dönhoff aus uraltem Adel sind auch da. Der polnische Außenminister ist nicht gekommen, keine Zusage, keine Absage. Er wird diplomatische Gründe haben.

Wo sonst als am Gendarmenmarkt, der vom Besten Preußens zeugt, sollte so ein Festakt stattfinden. Schon der Name weist auf die Hugenotten. In den Nebenstraßen wohnten E.T.A. Hoffmann und Rahel Levin, standen die Preußische Seehandlung und das Mendelssohnsche Bankhaus.

Preußisch karg ist die Bühne geschmückt - ein aprikofarbenes Gerbera-Gesteck ist alles. Die grüne Girlande vor der Bühne sitzt schlecht, gar nicht preußisch akurat. Und das kleine Trompetenkonzert zum Auftakt klingt wie eine Festfanfare. Das abrupte Ende mit einem Paukenschlag mahnt, dass es hier um Erinnerung geht.

Eberhard Diepgen beschwört das "preußische Vermächtnis" - Toleranz im Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion, Pflicht- und Staatstreue, Sparsamkeit, Effizienz und Akuratesse. Der große Zulauf gibt Manfred Stolpe recht: "Preußen ist untergegangen, aber verschwunden ist es nicht." Er erinnert auch an die Widersprüche zwischen Spießrutenlaufen und Musenhof, Erfindergeist aus Armut und später Großmannssucht. Vom Preußenjahr erhofft er sich eine "offene Debatte" über dieses Kapitel deutscher Geschichte.

Werner Knopp, der frühere Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, beleuchtet mit Esprit alle Glanz- und Schattenseiten Preußens. Im Preußenjahr sieht er auch ein "Abschiedsjahr"; es gibt bald keinen mehr, der noch echte Preußen kennt. Gewitzt hält er der heutigen Gesellschaft den Spiegel vor: Aus "mehr sein als scheinen" wurde "mehr Schein als Sein." Selbstironisch bedankt er sich am Ende für das preußische "Standvermögen" der Gäste, seinem langen Vortrag zuzuhören. Das Echo ist rauschender Beifall.

Dicht ist das Gedrängel beim Empfang. Alte Bekannte freuen sich über das Wiedersehen. Doch rasch sind die Häppchen alle, das Publikum verläuft sich.

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