Politik : 30000 Westdeutsche arbeiteten laut einer Studie als Inoffizielle Mitarbeiter

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Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) hat Westdeutschland mit einem Heer von rund 30 000 Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) systematisch unterwandert und ernsthaft gefährdet. Das ist das Fazit des Autors Hubertus Knabe in seinem Buch "West-Arbeit des MfS", das er als Mitarbeiter der Gauck-Behörde erarbeitet und am Freitag in Berlin vorgestellt hat. Knabe zufolge ist es allerdings kaum möglich, das Ausmaß der Spionagearbeit der DDR in Westdeutschland voll zu erfassen. Ein Großteil der Klarnamen sei mit den Akten der Hauptabteilung Aufklärung (HVA) vernichtet worden. Die Zahl der Hauptamtlichen Mitarbeiter sei noch schwerer zu ermitteln, da diese Akten zuerst und fast vollständig zerstört wurden.

Aus Unkenntnis über den Apparat des Ministeriums hätten die Bürgerrechtler nach der Wende in der DDR der Aktenvernichtung der HVA de facto zugestimmt - mit fatalen Folgen. Während ostdeutsche Stasi-Spitzel bei Überprüfungen enttarnt würden, existiere bei Westdeutschen häufig kein Vermerk, sagte der Wissenschaftler. Nur Fragmente der Aktenberge seien erhalten, darunter auch die Namenslisten, über deren Herausgabe mit den USA derzeit gestritten werde.

Die West-Aktivitäten der Staatssicherheit seien bislang unterschätzt worden, unterstrich Knabe. Eine zufällig gefundene Liste der HVA belege 1000 sogenannte Zielobjekte im Westen. Darunter befänden sich politische und Wirtschaftseinrichtungen, Parteien, Verbände und Kirchen. Die Ziele der West-Arbeit hätten sich im Laufe der 40-jährigen Existenz der DDR verändert, fügte Knabe hinzu. In den fünfziger Jahren hieß die Aufgabe, die Einbindung der Bundesrepublik in das westeuropäische Staatengefüge zu verhindern. Nach dem Mauerbau sollte sie als gesellschaftliches Gegenmodell zur sozialistischen DDR in Misskredit gebracht werden. In den siebziger Jahren wären zunächst die Gefahren der Entspannungspolitik für die DDR bekämpft worden. Dies sei in den achtziger Jahren durch die Verknüpfung von Spionage und Abwehr immer effektiver gelungen.

Zehn Jahre nach der friedlichen Revolution will das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig an das Unterdrückungssystem der Staatssicherheit aber auch an Opposition, Widerstand und Zivilcourage erinnern. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) wird das Museum am Samstag eröffnen. Am 9. Oktober 1989 war Leipzig in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit gerückt. Rund 70 000 Menschen zogen nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche um den Leipziger Ring und skandierten: "Wir sind das Volk." Das Ende der DDR war damit eingeläutet.
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