Politik : 35 Tote bei Bombenanschlag auf russische Militärparade

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Moskau. Mindestens 35 Menschen sind am Donnerstag bei einem Terroranschlag in Kaspijsk, einer Garnisonsstadt mit knapp 50 000 Einwohnern in Dagestan, der südlichsten Teilrepublik Russlands, getötet worden. 12 waren Kinder. 100 weitere wurden verletzt. Schon jetzt, sagte Russlands Präsident Putin auf der gleich nach Bekanntwerden der Tragödie einberufenen Krisensitzung im Kreml, stehe fest, dass es sich um einen Terroranschlag handele. Ebenfalls am Donnerstag hatten tschetschenische Freischärler mit Granatwerfern das Fußballstadion von Grosny beschossen. Allein die Wahl des Datums – der Tag des Sieges ist allen Russen, gleich welche politischen und weltanschaulichen Differenzen sie sonst trennen, heilig – zeigt, dass es sich bei den Tätern keineswegs um bloße Kriminelle handelt, wie Moskau die Separatisten im Nordkaukasus gewöhnlich nennt. Eben diesen Tag, an dem der Kreml und staatstreue Medien nationale Eintracht und imperiale Größe beschwören, die das postsowjetische Russland wiedererlangen soll, nutzten die Rebellen, um auf Moskaus zweiten Tschetschenienkrieg aufmerksam zu machen. Der begann im Oktober 1999 und sein Ende ist nicht abzusehen.

Zwar erklärte Putin den militärischen Teil der „Anti-Terror-Operation“, wie Moskau seinen Kaukasusfeldzug nach wie vor nennt, schon mehrfach für beendet. Von Stabilität oder gar einem tragfähigen Frieden in der Region kann jedoch keine Rede sein. 3163 ungelöste nationale Probleme als Ergebnis von Grenzziehungen Stalins mitten durch das angestammte Siedlungsgebiet mehrerer nordkaukasischer Völker, hohe Bevölkerungsdichte, wenig Land und die mit Abstand größte Arbeitslosenrate innerhalb Russlands machten den Nordkaukasus schon Anfang der neunziger Jahre zur Problemzone Nummer eins für Moskau.

Unterschwellig gärt es vor allem im Vielvölkerstaat Dagestan, dem Schauplatz der gestrigen Tragödie. Nationalisten benutzen den Islam – eine Religion, die die meisten Völker der Region ohnehin erst nach Russlands Eroberung des Kaukasus im 16. Jahrhundert annahmen und traditionell eher als Ideologie der Befreiung denn als neue Heilslehre sehen – als kleinsten gemeinsamen Nenner bei Bemühungen um einen von Moskau unabhängigen Staat vom Schwarzen bis zum Kaspischen Meer.

Diesen Herausforderungen versuchte Moskau statt mit Verhandlungen zunächst mit dem Einsatz der Armee, dann mit Strafexpeditionen der Polizei zu begegnen. Ergebnis ist ein Partisanenkrieg, dessen Fronten kreuz und quer verlaufen. Dazu kommt, dass die Welt durch Afghanistan und die Nahostkrise den Krieg im Kaukasus weitgehend verdrängt hat, was Moskau zunehmend als Carte blanche für die Fortführung der Operation interpretiert. Für weiteren Unmut sorgen Übergriffe russischer Soldaten, die ihre Dienstzeit in Tschetschenien hinter sich haben und für ein paar Wochen zur „Abklingphase“ nach Dagestan verlegt werden, bevor ihre Einheiten den Rückweg in ihre alten Standorte antreten. Elke Windisch

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