Politik : 3500 Zivilisten verlassen die von Russen eingekesselte tschetschenische Hauptstadt

Angesichts des befürchteten Sturms der russischen Bodentruppen hat in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny eine Massenflucht eingesetzt. Innerhalb von 24 Stunden hätten mehr als 3500 Zivilisten die Stadt verlassen, berichtete die Nachrichtenagentur Itar-Tass am Donnerstag unter Berufung auf das russische Militär. In der Stadt hielten sich bislang noch schätzungsweise 20 000 bis 40 000 Zivilisten auf.

US-Vize-Außenminster Strobe Talbott warf Russland die Missachtung von Bestimmungen des Völkerrechts vor. Die russischen Truppen setzten ihre massiven Angriffe auf Grosny fort. Im Vorort Tschernoretschije wurden am Mittwochabend 14 russische Soldaten getötet. In Grosny halten sich russischen Angaben zufolge 2000 tschetschenische Kämpfer verschanzt.

Bislang flohen pro Tag nur einige Dutzend oder ein paar Hundert Menschen aus Grosny. Die russische Armee hatte am 6. Dezember Fluchtkorridore für die Bewohner geöffnet. Nach Angaben des russischen Hauptquartiers flog die Luftwaffe in 24 Stunden 59 Angriffe vor allem auf Vororte Grosnys und den Süden der Kaukasusrepublik.

Die tschetschenischen Kämpfer kontrollierten weiterhin den seit einer Woche umkämpften Vorort Tschernoretschije, sagte der russische Kommandeur Igor Petrowitsch. "Sie werden bis zum letzten Mann kämpfen, weil es ihr einziger Fluchtweg aus der Stadt ist", fügte er hinzu. "Wenn wir den einen Vorort bombadieren, dann weichen sie in einen anderen aus." Die Luftwaffe müsse ihre Angriffe noch verstärken. Der tschetschenische Sicherheitsminister Tupal Atgerijew sagte im tschetschenischen Fernsehen, die Kämpfer in Grosny hätten genug Munition und Lebensmittel, um die Stadt drei Monate lang zu verteidigen.

Talbott sagte nach einem Treffen mit Außenminister Igor Iwanow in Moskau, Russland habe im Tschetschenienkrieg die internationalen Menschenrechtsstandards nicht beachtet, besonders in den vergangenen Tagen nicht. Augenzeugenberichten zufolge wurden Anfang Dezember in dem Dorf Alchan-Jurt südwestlich von Grosny tschetschenische Zivilisten von russischen Soldaten ermordet.

5000 Zivilisten sind nach tschetschenischen Angaben seit Beginn der Luftangriffe auf die Kaukasusrepublik Anfang September getötet worden. Regierungschef Wladimir Putin sagte am Donnerstag, bereits 90 Prozent der tschetschenischen Bevölkerung lebten in von der russischen Armee "befreitem" Gebiet. Der Krieg sei aber noch lange nicht zu Ende, warnte er laut Itar-Tass.

Der russische Oberbefehlshaber für den Nordkaukasus, Viktor Kasanzew, kündigte dagegen an, das tschetschenische Territorium werde binnen zwei bis drei Wochen unter Kontrolle sein. Für einen Sturm auf Grosny bestehe "keine militärische Notwendigkeit", so Kasanzew weiter. Die Stadt solle in einer "Spezialoperation" von Elite-Truppen des Innenministeriums und pro-russischen Milizeinheiten eingenommen werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben