Die Tage 20 bis 39

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Update
397 Verhandlungstage : Die Chronik des NSU-Prozesses
Sie steht im Zentrum des Prozesses: Beate Zschäpe.
Sie steht im Zentrum des Prozesses: Beate Zschäpe.Foto: dpa

Tag 20 / 9. Juli 2013: Der Strafsenat verlängert bereits jetzt die Liste der vorgesehen Termine um ein Jahr bis zum Dezember 2014. Allein die Vernehmung des geständigen Carsten S. hatte neun Tage gedauert. In der Verhandlung beschreibt ein pensionierter Polizist, wie er den sterbenden Blumenhändler Enver Simsek in dessen Transporter fand. Simsek hatte an einer Straße seine Ware verkauft. Mundlos und Böhnhardt hatten am 9. September 2000 in Nürnberg auf den Türken geschossen, er war das erste Mordopfer des NSU.

Tag 21 / 10. Juli 2013: Zwei Polizisten schildern grauenhafte Details der Schussverletzungen, die Enver Simsek erlitt. Mundlos und Böhnhardt hatten neunmal auf den Türken gefeuert.

Tag 22 / 11. Juli 2013: Ein ehemaliger Beamter der Münchner Polizei beschreibt den Mord an dem Türken Habil Kilic als „absolut professionelle Hinrichtung“. Mundlos und Böhnhardt erschossen Kilic am  29. August 2001 in seinem Lebensmittelgeschäft in München – nur 100 Meter von einer Polizeidienststelle entfernt. Der Ex-Beamte betont, es sei legitim gewesen, in Richtung Drogenhandelt zu ermittlen. Kilics Ehefrau und seine Schwiegermutter sagen aus, wie stark die polizeilichen Ermittlungen sie belastet haben.

Tag 23 / 16. Juli 2013: Ein BKA-Mann berichtet, wie der Angeklagte Holger G. im Ermittlungsverfahren Beate Zschäpe und Ralf Wohlleben belastet hat. Holger G. sagte der Polizei, wenn er von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe Geld bekommen habe, „war es immer über Frau Zschäpe“. Außerdem erzählte Holger G. der Polizei, wie er eine Waffe, die Wohlleben beschafft habe, nach Zwickau brachte. Dort habe ihn Zschäpe vom Bahnhof abgeholt.

Die Spur der Neonazi-Mörder
November 2011: Nach Ermittlungen um einen missglückten Banküberfall in Arnstadt und ein explodiertes Wohnhaus in Zwickau sieht sich die Bundesrepublik erstmals seit der Wiedervereinigung mit rechtsextremem Terror in größerem Ausmaß konfrontiert. Schnell ist die Rede vom Jenaer Neonazi-Trio um Beate Z. (36), Uwe B. (34) und Uwe M. (38). Ihre Spur lässt sich bis in die 90er Jahre zurückverfolgen.Weitere Bilder anzeigen
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20.03.2013 13:59November 2011: Nach Ermittlungen um einen missglückten Banküberfall in Arnstadt und ein explodiertes Wohnhaus in Zwickau sieht...

Tag 24 / 17. Juli 2013: Der Brandgutachter der sächsischen Polizei schildert weitere Details zum Feuer in der Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße. Es habe eine „Durchzündung bis zum Obergeschoss“ gegeben. Dort arbeiteten üblicherweise zwei Handwerker. Als der Brand ausbrach, machten sie jedoch Mittagspause in der Nähe des Gebäudes.

Tag 25 / 18. Juli 2013: Tino Brandt, früherer V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes, gerät in Verdacht, Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe radikalisiert zu haben. Ein BKA-Beamter erinnert sich an Aussagen des Angeklagten Holger G. zu Diskussionen im rechtsextremen Freundeskreis über Militanz. Der Polizist geht davon aus, „dass Tino Brandt auf seiten der Gewalt war“. Brandt hatte die Neonazi-Truppe „Thüringer Heimatschutz (THS)“ geführt, der auch Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe angehörten. Parallel spitzelte Brandt für den Verfassungsschutz.

Tag 26 / 23. Juli 2013: Ein Waffenexperte des bayerischen Landeskriminalamts gibt zu, die Behörde sei erst zwei Jahre nach dem Mord an dem Blumenhändler Enver Simsek in der Lage gewesen, ein Gutachten zu den verwendeten Pistolen zu erstellen. Als Grund nennt der Beamte Personalmangel.

Tag 27 / 24. Juli 2013: Ein ehemaliger Mieter des abgebrannten Hauses in der Frühlingsstraße in Zwickau erzählt, bei Trinkabenden in seinem Keller habe ein Bild von Adolf Hitler auf dem Fernseher gestanden. „Das ist im Osten so“, sagt der Zeuge. Zschäpe habe ab und zu mitgetrunken, das Bild habe sie nicht gestört.

Tag 28 / 25. Juli 2013: Eine frühere Nachbarin aus der Frühlingsstraße schildert, wie Zschäpe nach der Explosion der Wohnung und dem Ausbruch des Feuers auf die Straße kam, mit überraschtem, erschrockenem Gesicht. Zschäpe habe zwei Körbe mit ihren beiden Katzen abgestellt und sei gegangen. 

Tag 29 / 30. Juli 2013: Das Schicksal von Charlotte E. wird Prozessthema. Die alte, gebrechliche Frau lebte in der Frühlingsstraße in der Wohnung gleich neben der von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe. Bei dem Brand geriet die 89-Jährige in große Gefahr, sie wurde von Verwandten gerettet. Die Bundesanwaltschaft wertet den Brand auch als versuchten Mord Zschäpes an der Rentnerin. Deren Verwandte berichten, dass Charlotte E. den Verlust der Wohnung nicht verkraftet hat. Sie liege meist teilnahmslos im Bett.

Tag 30 / 31. Juli 2013: Grausige Aussagen zum Tod von Habil Kilic. Zeugen sahen, wie er in seinem Geschäft in einer Blutlache lag und starb.

Tag 31 / 1. August 2013: Im Fall des erschossenen Blumenhändlers Enver Simsek erzählt ein Kripo-Beamter aus Nürnberg eine abenteuerliche Geschichte. Eine V-Person habe behauptet, ein Konkurrent des Türken habe einen Killer gesucht, „um Simsek zu beseitigen“. Die Polizei ging dem Hinweis nach. Außerdem wurden Telefonate von Simseks Familie überwacht.

Tag 32 / 6. August 2013: In schnoddrigem Ton berichtet eine Polizistin vom Einsatz nach dem Mord an dem Türken Ismail Yasar in Nürnberg. Mundlos und Böhnhardt hatten ihn am 9. Juni 2005 in seinem Imbiss erschossen. Die Beamtin spricht von „Dönerbude“ und sagt, ein Kollege habe bei dem blutüberströmten Opfer festgestellt, „dass die Person ex ist“.

Tag 33 / 5. September 2013: Eine Zeugin hat die Schüsse auf Ismail Yasar gehört und vermutet, da werde mit einem Schalldämpfer gefeuert. Da die Frau „einen engen Terminplan“ hatte, fuhr sie weiter und unternahm nichts.

Tag 34 / 6. September 2013: Die Polizei hatte einen Hinweis, dass Yasar von zwei nordeuropäisch aussehenden Männern erschossen wurde. Eine Augenzeugin vom Tatort sagt, sie habe der Polizei die beiden Täter als „nicht südländisch, Hautfarbe sehr hell, nördliche Region“ beschrieben. Dennoch hätten die Beamten sie gefragt, ob sie sich „türkische Mafia, Waffengeschäfte, Geldwäsche“ vorstellen könne.

Tag 35 / 17. September 2013: Zschäpes Verteidiger stellen zwei Befangenheitsanträge gegen die Richter des 6. Strafsenats. Es geht vor allem um den von Anwalt Wolfgang Stahl geforderten Vorschuss für seine Arbeit als Pflichtverteidiger Zschäpes vor dem Prozess. Stahl fordert 77 000 Euro. Der Strafsenat hatte 5000 Euro Vorschuss festgesetzt.

Tag 36 / 19. September 2013: Der Mord an Mehmet Kubasik in Dortmund wird Thema. Ein Polizist berichtet, wie er am 4.April 2006 den erschossenen Türken in dessen Kiosk fand.

Tag 37 / 23. September 2013: Ali Tasköprü, Vater des am 27. Juni 2001 in Hamburg erschossenen Süleyman Tasköprü, sagt aus. „Sie haben mir mein Herz abgerissen“, sagt er über die Mörder. Die er kurz zuvor in der Nähe des Gemüsegeschäfts seines Sohnes gesehen hatte. Der Vater beschrieb die Männer der Polizei als Deutsche. Dennoch ermittelte die Polizei nicht in Richtung Rechtsextremismus.

Tag 38 / 24. September 2013: Resigniert berichtet der ehemalige Geschäftspartner des in München erschossenen Theodoros Boulgarides von den Folgen der Tat und den Ermittlungen der Polizei. Mundlos und Böhnhardt hatten den Griechen am 15. Juni 2005 in dessen Schlüsselladen getötet. Die Polizei habe ständig gefragt, ob Boulgarides „sexsüchtig oder spielsüchtig“ gewesen sei, sagt der Zeuge.

Tag 39 / 25. September 2013: Nach dem Mord an dem Deutschtürken Halit Yozgat habe die Polizei „sehr kooperativ“ und „sehr vertrauensvoll“ in dessen Familie ermittelt, sagt ein pensionierter Beamter. Er gibt dann auf Fragen von Richter Götzl einen „verdeckten Einsatz“ und Telefonüberwachung gegen die Hinterbliebenen zu. Mundlos und Böhnhardt hatten Yozgat am 6. April 2006 in dessen Internetcafé in Kassel erschossen.

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