Politik : „40 000 Soldaten sind zu wenig“

Tom Koenigs, der UN-Sondergesandte für Afghanistan, fordert ein neues Militärbündnis für die Region

Sarah Kramer

Berlin - Der Sondergesandte der Vereinten Nationen für Afghanistan, Tom Koenigs, fordert mehr internationales Engagement in dem Land am Hindukusch. Die von der Nato geführten 40 000 Soldaten könnten nicht für die Sicherheit Afghanistans garantieren, sagte der Deutsche bei einem Vortrag in der Berliner Zentrale der Heinrich-Böll-Stiftung. Auch die afghanische Armee sei mit der Situation „hoffnungslos überfordert“.

Angesichts der verschärften Sicherheitslage in Südafghanistan müssten auch deutsche Soldaten in Kauf nehmen, möglicherweise in gefährlichen Gebieten eingesetzt zu werden. Im Süden des Landes war es am Wochenende zu den schwersten Kämpfen seit dem Sturz des Talibanregimes gekommen. Das Sterben hat einen Namen: „Operation Medusa“ nennt die Nato die Offensive, bei der bereits hunderte radikal-islamische Rebellen und westliche Soldaten umgekommen sind. Die Bundesregierung lehnt eine dauerhafte Verlegung deutscher Soldaten in die Unruheregion im Süden nach wie vor strikt ab. Das derzeitige Afghanistanmandat ist auf den Einsatz deutscher Truppen im Norden des Landes und in der Hauptstadt Kabul beschränkt. Allerdings dürfen die Soldaten für kurzfristige „Unterstützungsmaßnahmen“ auch im Süden eingesetzt werden.

„Die Nato muss künftig stärker als Ganzes auftreten“, forderte Koenigs mit Blick auf die Zukunft. „Die Truppe muss beweisen, dass sie kein Papiertiger ist.“ In Südafghanistan sei die Internationale Staatengemeinschaft inzwischen mit einem „Aufstand“ von nicht geahntem Ausmaß konfrontiert. Schwierigkeiten bereite vor allem eine große Zahl bewaffneter und stark ideologisierter Aufständischer, die aus dem angrenzenden Pakistan einsickerten. „Ihr Reservoir ist praktisch unerschöpflich“, sagte Koenigs. Um die Rekrutierung von pakistanischen Kämpfern zu unterbinden, müsse das Ausland den politischen Druck auf den Nachbarn Afghanistans erhöhen. „Die Lösung des Problems liegt in einer gemeinsamen Regionalpolitik“, sagte der UN-Sondergesandte. Dabei denkt Koenigs etwa an ein regionales Militärbündnis, in das Afghanistan und angrenzende Staaten wie Pakistan, Iran und Indien eingebunden sein könnten. „Die Vereinten Nationen müssen so lange in der Region bleiben, bis eine derartige Organisation geschaffen ist“, sagte der Sondergesandte.

Allerdings könne der Konflikt in Afghanistan alleine mit militärischen Mitteln nicht gelöst werden, betonte Koenigs bei seinem Vortrag. „Das ist auch dem Isaf- Kommandeur klar.“ Um die Sicherheit im Land langfristig zu gewährleisten, müsse die Staatengemeinschaft der Verbreitung radikalislamischen Gedankengutes durch staatlich kontrollierten Religionsunterricht entgegentreten. Dies sei besonders angesichts einer opportunistischen jungen Islamistengeneration notwendig, die vom weltweiten Vormarsch des Islamismus überzeugt sei. Zudem gelte es, den mittlerweile ausufernden Anbau von Schlafmohn im Süden des Landes zu unterbinden. Die Produktion des Grundstoffes für das Rauschgift Heroin hat in diesem Jahr den Rekordwert von 6100 Tonnen erreicht und damit den Anbau des Vorjahres um 59 Prozent übertroffen. „Die Bauern haben kein Verständnis dafür, dass ihnen die Staatengemeinschaft ihr einziges Einkommen wegnehmen will“, sagte Koenigs. Diese Bedenken müssten durch gezielte Entwicklungshilfe ausgeräumt werden.

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