• 40 Stunden vor dem Knall - Lafontaines letzter Auftritt: "Der wußte auch nicht, daß er seine Abschiedsrede hielt"

Politik : 40 Stunden vor dem Knall - Lafontaines letzter Auftritt: "Der wußte auch nicht, daß er seine Abschiedsrede hielt"

BRIGITTE GRUNERT

BERLIN .Hat Oskar Lafontaine in der Volksbühne am Dienstag abend Versteck gespielt? Ach was, das glauben kein Walter Momper, kein Peter Strieder, keine Annette Fugmann-Heesing und kein Klaus Böger.Beim Zurechtmachen "in der Maske" flachste er mit dem Führungsquartett.Und doch: Der stellvertretende Senatssprecher Eduard Heußen, der ihn gut kennt, merkte ihm an: "Oskar stand innerlich schwer unter Druck." Natürlich spürte auch Heußen absolut nichts von Rücktrittsabsichten: "Der wußte auch nicht, daß er seine Abschiedsrede hielt."

Noch einmal faszinierte Lafontaine sein Publikum rhetorisch.So einer braucht kein Redemanuskript.Gewiß, er verteidigte die rot-grüne Politik eine Spur zu beschwörend, aber defensiv redete er nicht: "Wir sind immer noch stolz auf den rot-grünen Wahlsieg".Den verhieß er auch den Berliner Genossen: "Die SPD kann gewinnen, wenn sie zusammensteht".Folgten aufmunternde Worte für den kahlköpfigen Momper "mit dem roten Schal und dem leuchten Fleck darüber" und der Dank für die Solidarität des verhinderten Spitzenkandidaten Böger.

Unbedingt überzeugt von seinen Zielen - so riß er sein Publikum mit."Unser Wählerauftrag ist es, Mitmenschlichkeit und soziale Gerechtigkeit wiederherzustellen, die in der Ära Kohl verloren gegangen sind." Die viel gescholtene Steuerpolitik: "Die Regierung Kohl hat das Volk so oft betrogen...Jetzt sind die Arbeitnehmer dran" - bei der Umverteilung.

Purzelten nicht die Korrekturen nur so in den ersten vier Monaten? Kindergeld, Steuerentlastungen für kleine Leute und die mittelständische Wirtschaft, Kündigungsschutz, Lohnfortzahlung und Rentenansprüche durch sozialversicherungspflichtige Jobs - alles schon erledigt.

Über die Zukunft sprach er.Es könne doch keinen Wettbewerb in Europa geben, "wer am schnellsten den Sozialstaat abbaut".Also: "Wir korrigieren den falschen Weg." Lafontaine sprühte vor Ironie: "Unternehmenssteuern senken, Sozialkosten runter, Lohnzurückhaltung - wer die drei Worte sagt, gilt ja heute als großer Wirtschaftsexperte.Ist in 16 Jahren der Ära Kohl die Arbeitslosigkeit nicht auf Rekordhöhe gestiegen? "Wenn die Arbeitslosigkeit steigt, ist die Wirtschaftspolitik falsch."

Den amerikanischen Weg der Stärkung der Binnennachfrage empfahl er, wo alles auf den Export starrt."Das ist im Grunde der Streit, der jetzt ausgetragen wird", meinte er beiläufig über den großen Konflikt.Die "neue Energiepolitik": Weg von der Kernkraft, hin zu sanften, obendrein arbeitsplatzfördernden Energien: "Wir können uns das Risiko eines zweiten Tschernobyl nicht leisten".Auf der ganzen Welt gebe es keine Lösung für die Entsorgung der Brennelemente, obwohl seit zwanzig Jahren darüber diskutiert werde: "Das Problem Kohlendioxid kann man nicht durch Plutoniumrisiken lösen".Rauschender Beifall.

Ein Wort zur PDS durfte nicht fehlen.Die Berliner Genossen hindert er überhaupt nicht an ihrer Absage an die PDS.Aber das ist heute schon der Schnee von vorgestern, als er noch kein Mann vor dem Rücktritt war.Er beschwor die Zukunft, auch die Berlins als strahlende Kultur- und Ost-West-Metropole, natürlich unter Momper und Rot-Grün."In diesem Sinne Glück auf", rief der große Zampano und hakte Momper und Böger lächelnd für die Fotografen unter.Die Seele der Partei war gerührt.

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