Politik : 4000 Mann und ein Befehl

Spekulationen über eine Ausweitung des Irak-Einsatzes beunruhigen die Briten

Matthias Thibaut[London]

Großbritannien wird laut „Sunday Telegraph“ zusätzlich 4000 britische Soldaten in den Irak entsenden – das wäre eine Verstärkung des britischen Kontingents um fast 50 Prozent. Die Soldaten sollen im Krisengebiet Nadschaf, der Hochburg des Schiitengeistlichen Muktadar al Sadr, abziehende spanische Soldaten ersetzen. Ein solcher Einsatz werde wahrscheinlich zu „starken Verlusten“ auf britischer Seite führen, zitiert das Blatt hohe Militärkreise. Seit Tagen wird über solche Truppenverstärkungen spekuliert, nachdem die USA um mehr britische Soldaten gebeten hatten. In Großbritannien wachsen die Ängste, dass man mehr und mehr in einen aussichtslosen militärischen „Morast“ hineingezogen wird.

Außenminister Jack Straw sagte in einem BBC-Interview, eine Entscheidung über Truppenverstärkungen sei nicht gefallen. Die britische Truppenstärke werde aber ständig überprüft. Auch das Verteidigungsministerium bestätigte die Meldung nicht. Allerdings räumte ein Sprecher ein, dass ein logistischer „Voraustrupp“ entsandt wurde. Dieser soll laut „Sunday Telegraph“ dem Chef der Irak-Operation, General John Reith, und Verteidigungsminister Geoff Hoon Bericht erstatten, bevor die Truppenverstärkung offiziell dem Unterhaus mitgeteilt wird.

Für Blair ist die Frage der Truppenverstärkungen politisch höchst heikel. Angesichts der schwierigen Lage in Nadschaf und Falludscha, dem wachsenden Widerstand der Iraker gegen die „Besatzungsarmee“ und Berichten über Misshandlungen von Irakern wachsen in Großbritannien die Zweifel am Irak-Einsatz. Die britische Armee operiert zudem seit Jahren am Rande ihrer Kapazitäten.

Andererseits hat Blair politisch kaum Spielraum. Ein Rückzug oder auch nur die Verweigerung eines stärkeren Engagements wären politisch undenkbar. „Es würde die falsche Botschaft an die Koalitionspartner senden“, werden Militärkreise in der Zeitung zitiert. Geplant sei, im bisher unter polnischem Kommando stehenden zentralen Sektor des Irak eine zweite britische Kommandozone einzurichten. Polens Verteidigungsminister Jerzy Szmajdzinski hatte vor kurzem angedeutet, dass Polen seinen Irak-Einsatz nach der Wahl im kommenden Jahr reduzieren wird. Sollten die Briten ein zweites Brigadehauptquartier im Mittelirak errichten, stünde fast die gesamte schiitische Zone unter ihrem Kommando – mit allen militärischen und politischen Risiken. Ein solcher Einsatz würde Blair aber auch erlauben, den politischen Druck auf Washington auszuüben, den Militäreinsatz im Irak formell unter ein UN-Mandat zu stellen. Das wäre eine Voraussetzung für den Einsatz von Soldaten aus islamischen Ländern wie Indonesien, Pakistan und der Türkei, den viele Experten für dringend notwendig halten.

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