50 Jahre Jugend forscht : Es braucht einen Wettbewerb für Gesellschaftsfragen

Gerade feierte der Wettbewerb „Jugend forscht“ 50. Geburtstag. Doch gefördert werden nur Jugendliche, die sich mit Naturwissenschaften befassen. Das reicht nicht mehr. Eine zunehmend technisierte Welt braucht auch Jugendliche, die zu Gesellschaft und Geschichte forschen. Ein Kommentar.

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Experimentierfreudig sind die Schüler des Herder-Gymnasiums in Westend. Hier bauen sie gerade ein Elektroskop.
Experimentierfreudig sind die Schüler des Herder-Gymnasiums in Westend. Hier bauen sie gerade ein Elektroskop.Foto: Thilo Rückeis

Am Samstag hat der Bundespräsident glücklichen Teenagern zu ihren Siegen beim Wettbewerb „Jugend forscht“ gratuliert. Faszinierende, originelle Ideen haben sie umgesetzt, zu Solartechnologie, Klimawandel, Roboterfunktionen und Zwergflusspferden. Mara, Daniel, Lukas, Anselm und die anderen gehören zu einem Jubiläumsjahrgang, dem 50. seiner Art. Anfangs ging es bei „Jugend forscht“ nur um Biologie, Chemie, Mathematik und Physik, später kamen Technik, Geowissenschaften und das Themenfeld Arbeitswelt dazu.

Jugend forscht unablässig, landauf, landab, seit damals die Zeitschrift „Stern“ die Köpfe der Zukunft suchte. Ab 1975 trug die Bundesregierung die laufenden Geschäftskosten. Unternehmen, Verbände und Hochschulen steuern im Jahr zehn Millionen Euro bei. Schirmherr ist der Bundespräsident, Preisverleihungen gleichen kleinen Staatsakten. Was als private Initiative begann, erhielt staatliche Dignität und einen stabilen Rahmen.

Die Öffentlichkeit stellt sich unter einem Forscher Daniel Düsentrieb vor

Steuergelder und Stiftungsmittel werden hier ideal investiert, die Liste der Alumni ist staunenswert. Sie lehren an den besten Universitäten der Welt, haben lukrative Firmen gegründet, bringen die pharmazeutische Biotechnologie voran, versorgen Hollywood mit 3-D-Technik, sammeln Erkenntnisse über Nanopartikel, Planetensysteme, Glasfasern und Laserstrahlen.

Aber etwas fehlt. Und je technisierter Bildung, Unterhaltung, Medizin und Industrie werden, desto eklatanter, entscheidender fehlt es. Jugend forscht – doch jenseits sozialwissenschaftlicher und zeithistorischer Dimension. Forschung und Lehre: So heißt es für alle Fakultäten, alle Fachrichtungen. Allerdings stellt sich die Öffentlichkeit unter einem Forscher weiter den Ingenieur Daniel Düsentrieb vor, den genialen Erfinder, Tüftler und Bastler, oder den Naturforscher mit Lupe oder Fernrohr, die Geheimnisse von Ameisen und Affen, Sternen und Höhlen ergründend. Als „echte Forschung“ gilt nach wie vor naturwissenschaftliche Forschung. Tatsächlich bietet das Glossar des Bundesministeriums für Bildung und Forschung diese Reduktion: „Forscher/-innen sind Wissenschaftler/-innen oder Ingenieurinnen/Ingenieure, die neue Erkenntnisse, Produkte, Verfahren, Methoden und Systeme konzipieren oder schaffen“. Von Gesellschaftsanalyse oder Geschichtsverständnis kein Wort.

Die Welt wirft Fragen auf, die mit Nanotechnologie und Programmiersprachen nicht beantwortet werden können. Sehr viele Fragen. Die meisten gelten den Hauptakteuren: Uns selbst, Individuen und Gruppen. Woher kommen wir, wohin wollen wir, als Subjekte, als Gesellschaft? Wie entsteht sozialer Frieden? Gerade für Jugendliche, die kritikarm zwischen Datenfluten und Bildschirmen groß werden, gäbe es tausende spannender, „analoger“ Fragen, zu denen Fächer wie Ethik, Kunst, Deutsch, Geschichte und Politik inspirieren können.

Wo existieren die besten Schülerparlamente im Land, was macht sie stark? Was unterscheidet sie von denen in anderen Ländern? Welche Methoden des Streitschlichtens bewähren sich optimal? Konfessionsgebundener oder interkonfessioneller Unterricht - was trägt wie zum Schulklima bei? Welche Strategien wirken nachhaltig gegen Radikalisierung? Gibt es einen unbekannten Teil der Geschichte unserer Schule? Wer wohnte wann in meiner Straße, meinem Haus? Wie baue ich ein lokalhistorisches Forschernetzwerk auf? Leben Zeitzeugen in unserer Nähe, was berichten sie? Birgt das Stadtarchiv noch nicht entdeckte Schätze? Wie denkt und fühlt man als Sprecher von zwei Sprachen? Wie verändert sich Alltagssprache durch Jargons und Medien? Wie reden Leute zu Haustieren (infantil, militärisch usw.), in welchem Alter, warum? Wo entstehen und wie verbreiten sich Moden und Symbole in der Pop- und Jugendkultur? Was lässt sich beim Vergleich der Graffiti-Ästhetik verschiedener Stadtteile ablesen?

Auch Fragen zu Geisteswissenschaften können Entdeckungsfreude fördern

Solche Fragen, direkt geknüpft an Alltag und Umgebung Heranwachsender, können genauso Entdeckungsfreude und Forscherlust wecken, ganz genau so Erkenntnisgewinn und originelle Resultate generieren, wie chemische, mathematische und technologische Problemstellungen. Bei Hochschulen und Wirtschaft muss nur der politische Wille geweckt werden, auch diesen Varianten der Neugier Relevanz für Gegenwart und Zukunft zuzusprechen. Solche Fragen führen nicht per Shuttle in die Tiefen des Weltraums. Sie erweitern und bereichern dafür den wertvollsten Raum, den öffentlichen Raum der Gesellschaft.

Forschen leitet sich etymologisch vom Wort „fragen“ ab. Gefragt werden muss nach allem. Soll eine Gesellschaft zu sich kommen, muss sie auch und vor allem nach sich selber zu fragen lernen.

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