50 Jahre Unabhängigkeit : Algerien feiert - obwohl es nichts zu feiern gibt

Am 5. Juli 1962 befreite sich Algerien von den französischen Kolonialmächten. Seitdem ist das Land unabhängig - und doch zerrissen. Die Jungen protestieren gegen Filz und Korruption, die Alten können den Frust nicht verstehen. 

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Senatorin Zohra Dris zündete als junge Frau eine Bombe in Algier.
Senatorin Zohra Dris zündete als junge Frau eine Bombe in Algier.Foto: Katharina Eglau

„Ich bereue nichts“, zischt die alte Dame. „Wir waren im Krieg.“ Auch im hohen Alter lächelt sie ein leicht spöttisches Lächeln, wie auf dem Foto, das sie als junge Frau zeigt, kurz nach ihrer Verhaftung. Bis heute scheidet ihre Tat die Geister. Damals, Sonntag, kurz nach 18 Uhr betrat sie die „Milk Bar“, wo es angeblich das beste Eis von Algier gab. Das legendäre Café, was noch heute unter gleichem Namen existiert, war bei den französischen Kolonialfamilien sehr beliebt.

An einem Tisch saß die fünfjährige Danielle mit ihrer Großmutter. „Gnädige Frau, am 30. September 1956 kamen sie in das Zentrum von Algier, gekleidet wie eine junge Europäerin. In ihrem Strandbeutel hatten Sie eine Bombe versteckt“, begann sie knapp sechzig Jahre später ihren offenen „Brief an Zohra D.“ Nach der Explosion lagen drei Frauen zerfetzt in ihrem Blut. Danielles Oma war sofort tot, dem Kind wurde das linke Bein abgerissen – das erste Bombenattentat der Befreiungsbewegung FLN in Algier, dem bis zum Ende des Befreiungskrieges 1962 viele weitere folgen sollten. „Sie haben mit dem blinden Terror begonnen“, hieß es in dem als Essay publizierten „Brief an Zohra D.“

Heute ist Zohra Dris die weibliche Ikone des algerischen Befreiungskampfes gegen Frankreich und eine unbeugsame Verteidigerin des jetzigen Staates gegen seine Kritiker. Ihre Besucher empfängt sie auf erlesenen Möbeln im algerischen Senat an der Corniche. Damals wurde sie von einem französischen Militärtribunal zu zwanzig Jahren Arbeitslager verurteilt, nach dem Krieg von Frankreichs Präsident Charles de Gaulle begnadigt. „Wenden Sie sich nicht an mich, wenden Sie sich an den französischen Staat, der mein Land unterjocht hat“, entgegnete sie im April auf einer Konferenz in Marseille der heute 61-jährigen Briefautorin Danielle Michel-Chich , die inzwischen in Paris lebt.

Kämpferinnen der Nationalen Befreiungsarmee in Algerien - aufgenommen 1962.
Kämpferinnen der Nationalen Befreiungsarmee in Algerien - aufgenommen 1962.Foto: AF

Seit fünf Jahrzehnten sind die Franzosen aus Algerien vertrieben und es regiert die aus der gleichnamigen Befreiungsbewegung hervorgegangenen Staatspartei FLN. Wer vor Zohra Dris den heutigen Zustand Algeriens als schlecht oder gar katastrophal bezeichnet, muss mit dem heiligen Zorn der 75-jährigen Senatorin rechnen. „Nach 132 Jahren französischer Besatzung haben wir ein total ruiniertes Land übernommen.“ 99 Prozent der Bevölkerung konnte weder lesen noch schreiben, fast das ganze Volk sei bettelarm gewesen, die Eliten ermordet. „Wir haben diesen Staat aus dem Nichts geschaffen“, sagt sie, und rutscht dabei ganz vorne auf die Kante des Sessels in dunkelblauem Brokat.

Und während sie redet und gestikuliert, ziehen wenige hundert Meter weiter vor der Großen Post, dem Wahrzeichen von Algier, hunderte von Polizisten mit martialischen Mannschaftswagen auf. Die Straßencafes gegenüber dem opulenten Kolonialbau von 1910 sind voll mit grauen Gestalten, die ohne zu blättern in ihre Zeitungen starren. Die Sicherheitskräfte haben Wind bekommen von einem geplanten Protest arbeitsloser Jugendlicher. Offiziell liegt die Arbeitslosigkeit bei 20 Prozent, inoffiziell weit höher. Mehr als eine Million junger Leute werden zudem für Minilöhne in staatlichen Arbeitsbeschaffungsprogrammen aufbewahrt, ohne Aussicht auf eine feste Anstellung zu einem ordentlichen Gehalt.

Und so liefert sich der frustrierte Nachwuchs Woche für Woche ein Katz-und-Maus-Spiel mit der allgegenwärtigen Staatsgewalt. Über 9000 Proteste registrierten die Behörden allein in den letzten anderthalb Jahren, mehr als hundert Leute zündeten sich selbst an – eine Witwe, die aus ihrem Haus in Oran vertrieben wurde, ein verzweifelter Polizist, ein ehemaliger Offizier der Armee, ein Hotelier, ein Anwalt, ein Rentner, zwei Arbeitslose aus den Ölfördergebieten im Süden. Doch ein Flächenbrand wie in Tunesien, Libyen oder Ägypten ist daraus nie geworden. Dabei besitzt Algerien von allen Zutaten für einen Arabischen Frühling reichlich – ewige Staatspartei und schamlose Selbstbereicherung, chronische Wohnungsnot und hohe Arbeitslosigkeit.

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