Politik : 50 plus x – und dann nach Berlin?

Auf dem CSU-Parteitag herrscht leichte Nervosität – Delegierte rätseln über Stoibers Zukunft und Waigels Angriff

Mirko Weber[Nürnberg]

Django Asül, Kabarettist und Niederbayer von Geburt an, hat das schöne Wort geprägt: „Ich persönlich kriege von den Problemen in Deutschland nichts mit: Ich lebe in Bayern.“ Aber so ist es natürlich nicht, sagt Edmund Stoiber, denn die Landtagswahl vom 21. September werde nun einmal „überlagert durch die Bundespolitik“. Noch nie, fährt er fort, habe es in Deutschland so düster ausgesehen wie jetzt – „und Bayern spürt die Folgen“. Bayern – oder zumindest der 68. Parteitag der CSU in Nürnberg – spürt aber auch die Folgen davon, dass sich Anfang der Woche in Gestalt eines respektlosen Zeitungsartikels des ehemaligen Parteichefs Theo Waigel eine Wolke vor die Inszenierung geschoben hat. Er könne, meint CSU-Generalsekretär Thomas Goppel, nicht ausschließen, dass dieser Artikel „auf den Gängen“ diskutiert werde, aufs Podium komme die Angelegenheit aber nicht. Seine Mutmaßung stimmt. Sein Verdikt selbstverständlich auch.

Noch sorgsamer als sonst wacht Goppel darüber, dass sein Chef zu Beginn des Parteitags den richtigen Eindruck hinterlässt. Doch ist der Auftakt nicht sonderlich gelungen. Es hallt wie im Badezimmer – auch der Auftritt einiger Damen in weiß-blauen Rautenbikinis rettet die Stimmung nicht. Stoibers Begrüßungsrede ist für seine Verhältnisse extrem kurz. Seine Nerven sind nie die besten gewesen, und im Augenblick drückt ihn trotz bester Prognosen der Alp, die CSU könnte erheblich schlechter abschneiden als bei der Bundestagswahl. „50 plus x“ ruft Stoiber deswegen als Wahlziel aus; es ist die alte Formel. Neu ist, dass sich einige Abgeordnete nicht mehr so sicher sind, ob es ihren Edmund Stoiber nach einer überzeugend gewonnenen Wahl in Bayern wirklich noch halte.

Stoiber rempelt Kanzler Schröder an, der es nicht könne, und beschwört die Union, Geschlossenheit zu zeigen. Der Name Merkel fällt, wie der Name Koch, nur ein einziges Mal. Mit das größte Hallo löst er aus, als er daran erinnert, dass der Parteitag die Themen am Abend im Biergarten vertiefen wird. Dann geht Stoiber ab, der Beifall reicht nicht für große Verbeugungen. Man ist sich unsicher da unten. Stoiber reckt beide Daumen. Dann geht er einen Schritt zur Seite und einen halben nach vorn. Noch im Abgang wirkt Stoiber seltsam unentschlossen.

Dafür beweist CDU-Chefin Angela Merkel am Abend ihre Einigkeit mit Stoiber. Der Parteitag hört sich vor den bayerischen Landtagswahlen gerne kämpferische Reden an, sehr gerne in diesem Jahr auch von Angela Merkel. Wo sich Stoiber Stunden zuvor bereits geweigert hatte, das „Notstromaggregat“ für die Regierung zu spielen, will auch Angela Merkel nicht den „Hilfsmotor“ anspringen lassen. Die Parole „Hinsetzen, nachsitzen, weiter arbeiten“ hatten die Delegierten in demselben Zusammenhang schon einmal gehört. Wo Stoiber dem Kanzler geraten hatte, nicht Freibier fürs Zelt zu bestellen und dann zu fragen, wer die Zeche bezahle, reicht Angela Merkel einen ironischen Gruß aus der Küche hinterher: Wenn die Regierung einen Kirschkuchen haben wolle, solle sie das Rezept gefälligst nicht von der Opposition ausborgen.

Der Rest ist freundliche Routine: Die Union verweigert sich nicht, aber sie macht nichts Unverantwortliches. Kein Wort zu Koch. Bayern bleibt ein Musterland, aber Mecklenburg ist auch im Kommen. Seehofer bekommt ein Lob als guter Verhandlungsführer in Berlin, Waigel ein retrospektives als Miterfinder des europäischen Stabilitätspaktes. Als der Name Waigel fällt, wird es einen Moment lang gefährlich still im Saal. Dann doch noch ein Hoch dem C im Parteinamen. Die Aussichten mögen düster sein, der Abend ist goldgelb beschienen. In Nürnberg ist alles gut.

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