Politik : 58 Jahre danach - Rau entschuldigt sich in Italien

Andrea Dernbach / Robert von Rimscha

Eigentlich ist Marzabotto nur ein Flecken zwanzig Kilometer südwestlich von Bologna. Und er ist keineswegs der einzige, an dem italienische Zivilisten zu Dutzenden und Hunderten von deutschen Soldaten oder SS-Leuten massakriert wurden. Dennoch wurde Marzabotto in Italien zur Chiffre für die deutsche Besatzung zwischen 1943 und 1945 ingesamt. "Was dort geschah", schreibt einer ihrer besten Kenner, der Freiburger Militärhistoriker Gerhard Schreiber, "das verlieh dem wahren Charakter deutscher Besatzungsherrschaft beispielhaft Ausdruck", ihrer Gewalttätigkeit und der Geringschätzung italienischen Menschenlebens.

In der Woche zwischen dem 29. September und dem 5. Oktober 1944 brachte die SS in Marzabotto und den Nachbargemeinden Grizzana und Monzuno 770 Menschen um. Die meisten waren Zivilisten, vor allem alte Leute, Frauen und Kinder. Auf dem Marsch durch Creda di Grizzana erschossen oder verbrannten die Deutschen 81 Menschen jeden Alters. Mehr als hundert starben in einem Nachbarort. Eine andere Gruppe, unter ihnen 50 Kinder, wurde auf einem Friedhof zusammengetrieben, sie starben durch Handgranaten und Gewehrfeuer. Und es blieb nicht beim Massaker jener Woche: Insgesamt töteten Deutsche im Sommer und Herbst 1944 in der Gegend bis zu 955 Menschen, mehr als zweihundert waren jünger als zwölf Jahre.

Wirklich gesühnt sind die Verbrechen von damals bis heute nicht. Den Befehlshaber der Massaker, SS-Major Walter Reder, verurteilte ein Militärgericht in Bologna 1951 zwar zu lebenslang; er verbüßte 33 Jahre Haft in der Festung Gaeta und wurde 1985 entlassen. Andere Verantwortliche sind bis heute auf freiem Fuß.

Wenn Bundespräsident Johannes Rau an diesem Mittwoch in Gegenwart des italienischen Staatspräsidenten Carlo Azeglio Ciampi in Marzabotto spricht, wird er mindestens das Beschweigen der deutschen Untaten in Italien beenden. Er wird Hinterbliebene treffen und hat eine "zukunftsgerichtete Entschuldigung" angekündigt. Im Berliner Präsidialamt wird es als besondere Geste gewertet, dass Ciampi Rau auf seiner gesamten viertägigen Reise begleitet, während die Kontakte mit Regierungschef Berlusconi eher spärlich sind. Die Nähe der beiden Staatsoberhäupter soll auch eine politische Botschaft transportieren: Europa dürfe nicht zum Dreieck Paris-London-Berlin verkümmern.

Ein Symbol für den Kontinent, "der gemeinsame Schmerzen ausgehalten hat", wie es in Berlin heißt, ist der erst 35-jährige Bürgermeister Marzabottos, Andrea de Maria. Er hat Rau "in brüderlichem Geiste" eingeladen. Rau seinerseits knüpft an seinen Auftritt im griechischen Bergdorf Kalavryta vor zwei Jahren an. Auch dort hatten Deutsche Kriegsverbrechen begangen. Doch anders als Griechenland stellt Italien keine Entschädigungsforderungen.

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