Politik : „60 Stunden Arbeit lassen keinen Spielraum für Kinder“

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Ingrid Kurz-Scherf (52), Expertin für Arbeits- Sozial- und Tarifpolitik und früher unter anderem für den Deutschen Gewerkschaftsbund tätig, ist Professorin am Institut Politikwissenschaften der Uni Marburg, Fachgebiet Politik und Geschlechterverhältnis.

Immer mehr Frauen entscheiden sich für ihren Beruf und gegen Kinder. Warum?

Ich frage mich, ob es diesen Trend überhaupt gibt. Ich glaube, es ist umgekehrt. Frauen streben immer häufiger danach, Beruf und Kinder zu vereinen. Es sind eher die Männer, die sich gegen Kinder entscheiden. Wenn Paare gemeinsam Kinder bekommen, dann sind es in der Regel die Frauen, die sich zurücknehmen. Mittlerweile haben wir einen großen Anteil allein Erziehender – und das sind in 80 Prozent der Fälle Frauen.

Gib es Modelle in Deutschland, um Beruf und Kinder in Einklang zu bringen?

Es gibt vereinzelt sicherlich ganz gute Ansätze bei der Arbeitsplatzgestaltung oder der Kinderbetreuung. Grundsätzlich werden Männer wie Frauen jedoch mit dem Problem der Unvereinbarkeit von Kindern und Beruf allein gelassen.

In Frankreich und Finnland arbeiten mehr Frauen als in Deutschland und bekommen dennoch im Vergleich pro Kopf mehr Kinder. Was machen diese Länder anders?

Im Wesentlichen liegt der Unterschied im Angebot öffentlicher Kinderbetreuung. Außerdem ist die Ganztagsschule in diesen Ländern die Regel. Vielleicht gibt es in Frankreich und Finnland zusätzlich einen größeren Respekt vor den Bedürfnissen von Kindern. Und eventuell eine größere Anerkennung des Strebens von Frauen nach Gleichberechtigung.

Wie erklären Sie sich, dass sich in Deutschland nur zwei Prozent der Väter Elternzeit – ehemals Erziehungsurlaub – nehmen?

In den einzelnen Lebensgemeinschaften führen nach der Geburt eines Kindes häufig ganz banale Gründe dazu. Beispielsweise verdienen Männer immer noch meistens deutlich mehr. Für Männer ist es folglich wesentlich schwieriger, Elternzeit in Anspruch zu nehmen, da dies stets mit erheblichen Einkommensverlusten verbunden ist. Außerdem meinen viele junge Väter immer noch, dass ihre Hauptaufgabe eher darin besteht, Geld zu beschaffen, statt sich um Kinder zu kümmern.

Wie ist das zu ändern?

So ähnlich wie es in Frankreich und Finnland gelöst ist. Der wichtigste Ansatzpunkt ist die Arbeitszeitgestaltung: Ein Beruf, der 60 bis 70 Arbeitsstunden von einem Erwerbstätigen verlangt, lässt keinen Spielraum, um sich hinreichend um Kinder zu kümmern. Das ist und bleibt das Wichtigste, neben der Frage der Kinderbetreuungseinrichtungen und dem Schulsystem. Ich fürchte allerdings,längerfristig brauchen wir eine wirklich ernst gemeinte Debatte darüber, wie und wofür wir eigentlich in Zukunft leben wollen. Wir müssen diskutieren, wie wir Kinder, Berufstätigkeit, das Selbstverwirklichungsrecht von Erwachsenen und das Recht der Kinder, in die Gesellschaft hineinzuwachsen, nicht ausschließlich auf Kosten der Frauen in Einklang bringen.

Das Gespräch führte Jörg Ziegler.

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