Politik : 600 Leute in drei 100-Mann-Zelten

Kein Platz, keine Planung, keine Logistik: Die Vorhut der neuen Darfurtruppe startet

Ingrid Müller

Berlin - Es soll die größte Truppe werden, die die UN je hatten – spätestens Ende des Jahres soll sie einsatzbereit sein: die Unamid-Mission in der westsudanesischen Krisenregion Darfur. 26 000 Soldaten und Polizisten soll sie zählen. Der zähe Streit mit der Regierung in Khartum über die Zusammensetzung der Truppe von Vereinten Nationen und Afrikanischer Union nimmt kein Ende, die Regierung Bashir will praktisch nur Afrikaner akzeptieren, deren 7000 Mann starke Truppe „Amis“ sich bisher durch Erfolglosigkeit ausgezeichnet hat. Dieser Tage wurde der UN-Koordinator für humanitäre Belange im Darfur ausgewiesen. Er hatte offenbar nicht alles hinnehmen wollen, was die Behörden von ihm verlangten.

Aber auch jenseits der Regierung klemmt es beim Aufbau der neuen UN- AU-Truppe offenbar an vielen Ecken und Enden. Der nigerianische Kommandeur Agawi versucht seit Wochen, die Erwartungen herunterzuschrauben. UN- Generalsekretär Ban Ki Moon beschwört die Weltgemeinschaft seit Monaten, es fehlten noch immer Hubschrauber und andere Transportmöglichkeiten, erst Mitte der Woche wiederholte er die Forderung. Es scheint, als habe Ban einen zu optimistischen Plan geschmiedet. Die Welt schaut nach den politischen Forderungen mal wieder weg, auch wenn das Thema beim Treffen von Angela Merkel mit George W. Bush auf dessen Ranch am Wochenende auf der Tagesordnung steht. Nach UN-Schätzungen sind in dem Konflikt seit 2003 bereits rund 200 000 Menschen umgekommen, zweieinhalb Millionen vertrieben worden.

Nachrichten, die von der Vorhut der Truppe aus dem Darfur kommen, klingen beängstigend. „600 Leute in drei 100-Mann-Zelten. Kein Platz, keine Planung, keine Logistik“ – das war dieser Tage aus Al Fascher zu hören. Mit seinem Namen allerdings lässt sich ungern jemand zitieren. „Jede einzelne Schraube und jede Flasche Wasser muss da hingebracht werden“, sagt einer. Mancher sagt schon sarkastisch: „Wenn sie da kein Wasser finden, muss praktisch alle halbe Stunde ein Flugzeug dort landen, um es ranzuschaffen.“ Andere befürchten, die Regierung könne auch kurzerhand mal Start- oder Landerechte sperren und so Nachschub abschneiden. Straßen gibt es dort quasi nicht, auch sonst ist die Infrastruktur dürftig – und die Wege sind lang im größten Land Afrikas.

Viele, die in Darfur sind, sei es in Al Fascher oder in Njala, sind sehr skeptisch, ob die neue Truppe sich durchsetzen kann. Die Lage sei völlig chaotisch, sagt einer, der für eine Hilfsorganisation tätig ist. Er kennt die Gegend seit Jahren. Seiner Ansicht nach kämpfen im Darfur inzwischen nicht „nur“ knapp 20 verschiedene Gruppen, er schätzt die Rivalen auf 40. „2004 war das ein offener Konflikt, ein klar definierter Krieg mit zwei Fronten. Heute ist es völlig undurchschaubar und nur auf den ersten Blick weniger gewaltsam.“ Das Gefühl der Unsicherheit auch für die Bevölkerung sei „bedrohlicher“, denn inzwischen habe sich „die Gewalt auf die ganze Fläche verteilt“ – und Darfur ist so groß wie Frankreich. „Zweimal pro Woche erklärt eine neue Gruppe den Kampf mit immer absurderen Namen wie ‚thinkful soldiers‘ oder ‚national army for development‘. Heute arbeiten zwei zusammen, morgen bekämpfen sie sich.“ Das macht auch Verhandlungen zur Versorgung von Flüchtlingen extrem schwierig. Frieden zu schließen, wäre noch schwerer: „Vom Krieg profitieren so viele, beim Frieden wären es viel weniger.“

Unter den Helfern gibt es inzwischen auch sehr unterschiedliche Auffassungen darüber, ob die Hilfe den Flüchtlingen wirklich nutzt. Die einen sagen: „Wären wir nicht da, wäre für die Menschen in vielen Dörfern auch nichts da“. Und: „Vor Zeugen traut man sich nicht alles.“ Anderen ist der Frust über die Situation anzumerken. „Wir sollten da rausgehen, auch wenn es für die Leute furchtbar ist. Nur so kann man die Regierung unter Druck setzen. Denn denen sind ihre Leute doch völlig egal.“

Auf der politischen Bühne versuchen unterdessen international viele, die in Libyen vertagten Friedensgespräche in Verhandlungen münden zu lassen, an denen auch die Rebellen teilnehmen. Alle wissen, ohne eine politische Lösung wird es für die UN-AU-Truppe noch einmal schwerer. Auch im Bundestag steht das Thema nächste Woche auf der Tagesordnung. Dann soll darüber abgestimmt werden, ob die Bundeswehr künftig bis zu 250 Soldaten für den Lufttransport und Transportexperten für Unamid anbietet.

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