• „70 Grad im Zelt – das hält niemand aus“ Ingeborg Schäuble über Notlager und Neuanfang

Politik : „70 Grad im Zelt – das hält niemand aus“ Ingeborg Schäuble über Notlager und Neuanfang

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Frau Schäuble, Sie waren kürzlich in Sri Lanka und haben dort die vom Tsunami zerstörten Küstenregionen besucht. Wie sieht es dort gegenwärtig aus?

Es gibt einen enormen Unterschied zwischen dem Süden und dem Norden der Insel. Der dicht besiedelte Süden hat viel größere Probleme mit der Umsiedlung der Menschen. Im Süden drängeln sich zudem unglaublich viele Hilfsorganisationen. Das macht eine sinnvolle Koordinierung der Hilfe schwierig. Im Norden funktioniert es besser, dort sind auch nur etwa 25 Hilfsorganisationen tätig.

Kehrt langsam wieder Normalität ein?

Ja, und das ist auch gut so. Die Menschen müssen sich wieder mit ihrem Alltag beschäftigen – der ist schwierig genug. Wir von der Deutschen Welthungerhilfe leisten in dieser Wiederaufbauphase einen wichtigen Beitrag für den Weg zurück in die Normalität – durch den Bau von so genannten Übergangshäusern. Es ist das Projekt „Ein Dach über dem Kopf“, das ja durch Spenden von Tagesspiegel-Lesern mitfinanziert wird. Wenn man an der Küste entlangreist und zum Beispiel das zerstörte Mullaitivu im Nordosten der Insel sieht, dann macht einen das schon zutiefst traurig. Die halbe Stadt wurde ausradiert, 3000 Menschen starben. Da gibt einem dann andererseits der Anblick von einer Übergangssiedlung wie in Silavatai regelrecht neue Hoffnung. Silavatai ist eine von 14 Übergangssiedlungen in Sri Lanka, in denen die Deutsche Welthungerhilfe zusammen mit der Partnerorganisation Sewalanka rund 3000 Familien ein Dach über dem Kopf verschafft.

Die Häuser sind aber nur ein Provisorium?

Ja, und doch ist es so wichtig, dass es sie gibt. Für eine erste Nothilfe, für ein paar Tage, da taten es auch Zelte. Aber für einen Zeitraum von bestimmt einem halben Jahr geht das nicht. Die Sonne brennt unerträglich, in den Zelten kommt es tagsüber zu Temperaturen von bis zu 70 Grad. Das hält niemand aus. Die Häuser, die wir bauen, werden von anderen Organisationen sogar schon kopiert. Sie haben den Vorteil, dass man sie bei Bedarf wieder ab- und woanders aufbauen kann.

Wie geht es nun weiter?

Wir warten jetzt, wie andere Organisationen auch, darauf, dass wir mit dem richtigen Wiederaufbau beginnen können. Die Entscheidungen müssten dringend gefällt werden, es ist aber so einfach nicht, weil die Regierung in Colombo eine 100-Meter-Zone längs der Küste nicht wieder zur Besiedlung freigeben will. Ein großes Problem, insbesondere im Rebellengebiet im Norden, ist für die Menschen auch, wieder Beschäftigung zu finden. Wir würden dort gerne auch mit einem Ausbildungsprojekt beginnen.

Die Spendenwelle in Deutschland war enorm, gelegentlich hieß es sogar, zu viel Geld würde in die vom Tsunami betroffenen Regionen fließen. Ist genug Geld da?

Für den längerfristigen Aufbau brauchen wir mit Sicherheit noch Geld. Wir wollen schließlich auch in unseren Bemühungen weitermachen, den vom jahrelangen Bürgerkrieg betroffenen Menschen zu helfen. Die Welthungerhilfe war ja schon vor der Flutkatastrophe in Sri Lanka engagiert. Wenn wir da nicht weiter helfen würden, würden wir einen Unterschied machen zwischen Tsunami- und Bürgerkriegsopfern. Das wäre dann eine Zweiklassengesellschaft der Opfer. Das können wir im Ernst nicht wollen.

DasGespräch führteAxel Vornbäumen

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