70 Jahre Befreiung von Auschwitz : Das rezessive Gen

Unser Gastautor mistet das Haus seiner Tante Dita aus - und plötzlich ist ihm die Geschichte ganz nahe, auch die eigene Familiengeschichte.

Philip Meinhold
Manchmal bringt ein Foto die Erinnerung zurück: Bilder von Ermordeten in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.
Manchmal bringt ein Foto die Erinnerung zurück: Bilder von Ermordeten in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.Foto: AFP

Meine Schwester und ich misten das Haus meiner Tante aus. Tante Dita ist 87 Jahre alt, sieht fast nichts mehr, kann sich zwar an Einiges aus dem ersten Drittel ihres Lebens erinnern, aber nicht an den vergangenen Tag. Bis vor Kurzem hat sie noch in diesem kleinen Einfamilienhaus in Berlin-Lankwitz gewohnt, das ihre Eltern Anfang der Dreißigerjahre bezogen und in dem sie ihr Leben verbrachte. Jetzt ist sie im Pflegeheim.

Es gibt viel auszumisten in diesem Haus, denn großartig aussortiert hat die Tante nie. Meine Schwester macht sich in der Küche zu schaffen, ich mich im Wohnzimmer nebenan. Das Zimmer sieht aus wie ein Antiquitätengeschäft, und wahrscheinlich hat sich hier in den vergangenen Jahrzehnten tatsächlich nichts mehr getan: ein Sofa, eine alte Stehlampe, vergilbte Tapeten (die Patina jahrzehntelangen Zigarettenkonsums!); an der Decke ein Kronleuchter, im Schrank das gute Geschirr – an der Wand zwei gerahmte Porträtfotos ihrer Eltern, meiner Großeltern, aus den 1930er Jahren.

Briefe, Blöcke, Brillen, die Patiencekarten fliegen durcheinander. Dann: Hitler in krachledernen Hosen

Mit einem Müllsack in der Hand räume ich die Schubladen aus. Ich finde Dutzende Bleistifte, Briefe, Blöcke, Brillen, die durcheinander fliegenden Patiencekarten mehrerer Spiele. Aus einer der Schubladen fällt mir eine Postkarte in die Hände: Hitler in kurzen, krachledernen Hosen, Kniestrümpfen und einem schwarzen Hemd; das rechte Bein leicht angewinkelt steht er da, eine Hand in der Hosentasche. Klein in der Ecke die Worte: Reichskanzler Adolf Hitler. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, diese Karte plötzlich in den Händen zu halten – irgendwie befremdlich, unheimlich, aber auch lustig. Ein Einfall der Vergangenheit in die Gegenwart.

Ich frage mich, ob meine Tante von dem Foto wusste; ob sie es absichtlich aufgehoben hat und woher sie es hatte? Was dachte sie als junges Mädchen, Jahrgang 1927, im Alter von 12, 15 oder 17 Jahren von diesem Mann?

Wenn ich sie zuletzt besuchte, hatte ich die Gespräche meist auf die Vergangenheit gelenkt, damit wir uns unterhalten konnten. Da sie sich an früher erinnerte, aber nicht an ihren letzten Satz, erzählte sie manches doppelt und dreifach: wie ihre Schule nach Ostpreußen verlagert wurde; wie sie, als die Front näher rückte, nach Marienbad kamen; wie die Mädchen nach dem Krieg zu Fuß nach Bayern liefen. Die Bayern, sagte sie, seien schreckliches Volk; wie die sie angesehen hätten …

Mehrfach überlegte sie, wie es möglich gewesen sei, dass dieser Mann an die Macht kommen konnte. „Der muss doch bei irgendeiner Wahl durchgekommen sein“, sinnierte sie. „War das Volk nun total verblödet? Oder war das von oben gedeichselt? Ich krieg das nicht richtig zusammen.“ Und wie einen Refrain streute sie in ihre Überlegungen den Satz, dass der Mann ja Österreicher gewesen sei und kein Deutscher. Als ob das irgendwas ändern würde …

Alle grüßten mit "Heil Hitler", erzählt die Tante, kein Mensch sagte guten Tag

Gerade neulich erst, erzählte sie bei einem Gespräch, habe sie darüber nachgedacht, wie es war, als alle mit Heil Hitler grüßen mussten. „Kein Mensch sagte ‚Guten Tag‘. Das heißt, die meisten sagten gar nichts, die machten nur so.“ Sie stand auf und hob ihren Arm. Es war irgendwie gruselig, wie diese über 80-Jährige dort stand: klein, eingefallen, mit erhobenem Arm – wie die Zehnjährige, die den Gruß lernte.

Es ist merkwürdig: Aber je älter ich werde, desto grotesker und gruseliger erscheint mir die Zeit, desto unvorstellbarer das, was passierte. Das, was ich im Geschichtsunterricht als Fakten lernte, wird zu einem aberwitzigen, alptraumartigen Zerrbild des Lebens. Und damit meine ich nicht nur die Lager und Leichenberge, die wir von Fotos und aus Filmen kennen – ich meine das große Ganze: den absurden Gruß, die allgegenwärtige Angst, eine Ideologie, die sich bis in die Sprache fraß (Lingua Tertii Imperii, nannte Viktor Klemperer sie, die Sprache des „Dritten Reiches“); ich meine das Winterhilfswerk, die Gestapo, die HJ, die SS, im Grunde: diese Postkarte in meiner Hand.

Philip Meinhold ist freier Journalist. Sein Buch "Erben der Erinnerung - ein Familienausflug nach Auschwitz" erscheint im Berliner Verbrecher Verlag. Die Buchpremiere ist am 27. Januar 2015, 20:30 Uhr, in der Fahimi Bar, Skalitzer Str. 133, 1. OG, 10999 Berlin-Kreuzberg.

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