70 Jahre Befreiung von Auschwitz : Dichter und Henker

Wie war es möglich., dass ein Kulturvolk wie die Deutschen zu Völkermördern wurde? Aber vielleicht ist das gar kein Gegensatz. Bildung und Bestialität können nebeneinander gut bestehen. Ein Kommentar.

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Adolf Hitler wollte ursprünglich Maler werden. Das hier ist eines seiner Werke.
Adolf Hitler wollte ursprünglich Maler werden. Das hier ist eines seiner Werke.Foto: dpa

Macht klug auch gut? Schützt Bildung vor Bosheit? Schließen Bücher und Brutalität einander aus? In seiner Rede zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz sagte Bundespräsident Joachim Gauck: „Solange ich lebe, werde ich darunter leiden, dass die deutsche Nation mit ihrer so achtenswerten Kultur zu den ungeheuerlichsten Menschheitsverbrechen fähig war. Selbst eine überzeugende Deutung des schrecklichen Kulturbruchs wäre nicht imstande, mein Herz und meinen Verstand zur Ruhe zu bringen. Da ist ein Bruch eingewebt in die Textur unserer nationalen Identität, der im Bewusstsein quälend lebendig bleibt.“
Ausgerechnet das Volk der Dichter und Denker verwandelte sich in ein Volk von Richtern und Henkern. Ein Volk, das voll Stolz auf seine Ahnengalerie aus Philosophen, Gelehrten, Musikern und Poeten blickte. Doch warum soll das ein Gegensatz sein? Immunisieren geisteswissenschaftliche Promotionen, regelmäßige Theaterbesuche und das Hören von Beethoven-Sinfonien gegen die Barbarei? Schön wär’s!
Joseph Goebbels, der spätere „Reichspropagandaleiter“, legte als Jahrgangsbester sein Abitur ab, durfte dafür die Abschieds- und Dankrede auf der Entlassungsfeier halten, studierte Literatur und Philosophie, promovierte, schrieb Dramen (und schwärmte stets von Russland). Stalin war ebenfalls Schulabgangsbester und durfte deshalb das Priesterseminar von Tiflis besuchen, die damals bedeutendste höhere Bildungsanstalt Georgiens. Gabriele D’Annunzio, eine Leitfigur des italienischen Faschismus, schrieb Gedichte, Dramen, Novellen, Romane und Theaterstücke. Radovan Karadzic, serbischer Kriegsverbrecher, war Mediziner und Psychiater, verfasste Romane, Gedichte und Kinderbücher. Die Liste ließe sich beliebig verlängern.

Hartnäckig hält sich der Mythos, dass Bildung und Kultur eine Gesellschaft moralisch besser machen

Trotzdem hält sich der Mythos hartnäckig, dass Bildung und Kultur eine Gesellschaft moralisch besser machen. Einen zentralen Beitrag dazu lieferten Reformation und Protestantismus. Vielleicht ist es kein Zufall, dass der evangelische Pfarrer Gauck den von hoch zivilisierten Deutschen begangenen Völkermord als „Kulturbruch“ empfindet. Schon für Martin Luther galt nämlich, dass Musik den Teufel vertreibe und Frieden nur einziehe, wo Weisheit und Recht herrschen. Viele Reformatoren forderten daher die Ratsherren auf, Schulen und Universitäten zu gründen. In diesem Verständnis hieß Bildung wörtlich übersetzt „Entrohung“ (lateinisch: eruditio). Im Kulturprotestantismus um 1900 lebte das Ideal der sich gegenseitig befruchtenden Beziehung aus Bildung, Bürgertum und Charakterformung wieder auf. Kurze Zeit später kamen die Nazis an die Macht.
Der wohl schärfste Gegenentwurf dazu steht in der „Metaphysik der Sitten“ von Immanuel Kant aus dem Jahr 1797. „Verstand, Witz, Urteilskraft und wie die Talente des Geistes sonst heißen mögen“ könnten auch „äußerst böse und schädlich“ sein, schreibt Kant. Die Vernunft im allgemeinen tauge nicht dazu, unseren Willen sicher zu leiten. Ja, es bestehe nicht einmal ein Zusammenhang zwischen Empathie und Moral.
Kant konstruiert das Beispiel eines Menschen, dessen „Gemüt vom eigenen Gram umwölkt“ ist, „fremde Not rührt ihn nicht“, vom Temperament her sei er „kalt und gleichgültig gegen die Leiden anderer“. Wenn nun dieser Mensch nicht aus Neigung, sondern aus Pflicht anderen notleidenden Menschen helfen würde, hätte eine solche Handlung „allererst ihren echten moralischen Wert“.
Kluge Menschen können böse, dumme Menschen gut sein. Der Glaube daran, dass Bildung adelt, ist zudem elitär. Mit seiner Hilfe grenzt sich das Bürgertum von den unteren, oft ungebildeten Schichten ab, die, statt Shakespeare zu lesen, sich das „Dschungelcamp“ reinziehen. Außerdem dient er dazu, keinen klassenkämpferischen Neid gegenüber den Reichen und Schönen aufkommen zu lassen, die auf dem Sonnendeck ihrer Jacht tagelang Champagner trinken, aber wegen angeblich innerer Ödnis als Folge fehlender kultureller Erziehung zu diversen Lastern neigen.
„Die deutsche Nation mit ihrer so achtenswerten Kultur war zu den ungeheuerlichsten Menschheitsverbrechen fähig“ – Gauck und viele andere empfinden das als widersprüchlich. Spätestens seit Auschwitz darf als gesichert gelten, dass Bildung und Bestialität durchaus gleichzeitig und nebeneinander bestehen können. Das auszuhalten, ohne am Wert der Bildung zu zweifeln und an der Welt zu verzweifeln, ist die vielleicht größte Zumutung für nachfolgende Generationen.

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