In Oswiecim bekommt alles eine weitere Dimension

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70 Jahre Befreiung von Auschwitz : Alltag und Horror
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Janina Paszek ist Jahrgang 1926, sie kennt die Stadt noch ohne Konzentrationslager.
Janina Paszek ist Jahrgang 1926, sie kennt die Stadt noch ohne Konzentrationslager.Foto: Agnieszka Hreczuk

Eines Tages, erzählt Janina Paszek, standen Häftlinge und SS-Leute mit dem Stacheldraht in Zasole und nagelten ihn an die Zäune. Sie stand in ihrem Garten und verstand es nicht. „Ein Häftling schaute sich um und flüsterte schnell: verschwinde von hier“, sagt sie. Aus einem Ordner holt Janina Paszek ein altes, vergilbtes Stück Löschpapier. „Hier“, sie klopft mit dem Finger auf einen Punkt, irgendwo zwischen den Positionen 110 und 115. „Unser Haus und das von meinem Onkel.“ Allein in Zasole wurden 127 Häuser abgerissen, um dem Lager Platz zu machen. Das war nicht alles. Neun Dörfer mit mehr als 2000 Häusern sind komplett verschwunden. Mit dem Baumaterial von den Gebäuden wurde das KZ errichtet. In die wenigen Häuser, die direkt hinter der Lagergrenze standen und nicht abgerissen wurden, zogen die SS-Leute ein. Auch der berüchtigte Kommandant Rudolf Höß lebte hier, der am 16. April 1947 als Kriegsverbrecher am Galgen, der vor seinem Haus stand, aufgehängt wurde. Bis heute nennen einige Einwohner das Haus „Villa Höß“. Nicht Janina. „Ich habe die echten Besitzer gekannt“, sagt sie. Die kehrten nicht zurück, andere Familien zogen ein. Schulterzuckend sagt sie: „Was hätten sie tun sollen? – Es gab keine Wohnungen.“

Ihre Tochter will die alten Geschichten nicht mehr hören

Janina Paszek ist noch fit. Sie trifft Jugendliche, erzählt von früher. Die Erinnerung kann sie ohnehin nicht loswerden. Wenn sie an einem Haus vorbeiläuft, in dem einst die Polizei Häftlinge untersuchte, hört sie die Schreie. Auch ans Sola-Ufer, wo sie vor dem Krieg gespielt hat, geht sie nicht mehr. Dort konnte man hören, wenn Häftlinge vor der Todeswand erschossen wurden. „Für mich wird es nie enden“, sagt sie. Lachen sei an diesen Orten für sie schwer.

Es sind solche Sätze, die in den nachfolgenden Generationen auch auf Protest stoßen. Janinas Tochter, selbst schon 60 Jahre alt, bricht das Gespräch ab, wenn die Mutter aufs Lager kommt. „Sie sagt, ich rede zu viel, und man muss weiterleben“, sagt Janina Paszek.

Für alle, die neu in der Stadt sind, ist das zunächst eine Herausforderung. Das Gesicht erstarrt, der Schritt wird langsamer, die Stimme leiser, wenn man die Straße entlanggeht, die Ostatni Etap heißt: Letzte Etappe. Beim Anblick eines Schornsteins zuckt man entsetzt zurück, obwohl es nur eine Gerberei ist. Die Geräusche eines vorbeirollenden Zuges lassen die Frage aufkommen, ob so auch die Menschentransporte zu hören waren. Eine Frau geht mit einem Hund Gassi und telefoniert per Handy. Hat sie das Rattern überhaupt gehört? Die Züge fahren immer gleich, in Warschau oder in Berlin oder in Oswiecim. Nur, dass alles in Oswiecim eine weitere Dimension bekommt.

Das war der Schock: Festzustellen, dass seine Stadt die absolute Ausnahme ist

Zbigniew Klima, der verhinderte Internetsurfer, gehört zu jener späten Generation, die ihre Stadt nur mit der KZ-Gedenkstätte kennt. Die war und ist Teil der Stadt, Punkt, Ende. Alle Schulklassen gehen dorthin. Schritt für Schritt bildet sich in den Köpfen der hier geborenen Kinder das Unfassbare. Es sei anders als bei den Touristen, die aus dem Bus steigen und das ganze Grauen innerhalb weniger Stunden aufnehmen sollen. So richtig könne er gar nicht sagen, wann ihm klar geworden ist, dass er am KZ lebt, sagt Zbigniew Klima. „Ich habe den Eindruck, ich wusste es schon immer.“

Zbigniew Klima würde trotz allem nie aus seiner Heimatstadt weggehen.
Zbigniew Klima würde trotz allem nie aus seiner Heimatstadt weggehen.Foto:Agnieszka Hreczuk

Klima ist heute Vorsitzender des Vereins „Auschwitz Memento“, einer ehrenamtlichen Einrichtung, die die Geschichte des Auschwitz-Komplexes recherchiert. Er sagt, es sei Teil seiner Umgebung und der Stadt. Auch Teil der Geschichte der Großeltern, die hier wohnten. Das sei schon ein seltsames Gefühl. Aber der Schock sei erst gekommen, als er merkte, dass seine Stadt die einzige auf der ganzen Welt ist, die man nur mit einem Konzentrationslager assoziiert. „Oswiecim wird mit Auschwitz gleichgestellt. Und wir, die Einwohner – sind fast wie Lästerer.“ Er sagt, es sei nicht einfach, derart stigmatisiert zu leben.

Das Stigma Auschwitz, auch wenn es für Besucher sorgt, steht dem Städtchen vor allem im Weg. Seit der Wende findet die Stadt keinen richtigen Plan für ihre wirtschaftliche Entwicklung. Jedes Vorhaben wird unter dem Auschwitz-Vorzeichen beäugt. Einmal sollte am Friedhof in der Stadt ein Krematorium gebaut werden. Es gab Proteste aus dem Ausland. Werbeflächen lösen Empörung aus, ein Einkaufszentrum durfte erst nach einem mehrjährigen Streit gebaut werden. Erst vor zehn Jahren wurde im Stadtzentrum ein Supermarkt gebaut.

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