70. Jahrestag des Kriegsbeginns : "Ich verneige mich vor den Opfern"

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bei der Gedenkfeier zum 70. Jahrestag des Kriegsbeginns im polnischen Danzig an die "immerwährende Verantwortung“ Deutschlands erinnert.

Knut Krohn[Danzig]
Merkel
70. Jahrestag des Überfalls von Nazi- Deutschland auf Polen: Die Politiker gedenken der Toten. -Foto: dpa

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat bei der Gedenkfeier zum 70. Jahrestag des Kriegsbeginns im polnischen Danzig an die „immerwährende Verantwortung“ Deutschlands erinnert. Es sei eine „Gnade, dass wir Europäer heute in Freiheit und Frieden leben können“, sagte Merkel am Dienstag auf der Danziger Westerplatte. Kein Land habe so lange unter deutscher Besatzung gelitten wie Polen. „Ich verneige mich vor den Opfern“, sagte Merkel. Die Gräuel könnten nicht ungeschehen gemacht werden. „Die Narben werden weiterhin sichtbar bleiben.“

Im ARD-„Morgenmagazin“ hatte Merkel zuvor gesagt: „Wir werden Ursache und Wirkung niemals verkehren. Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg ausgelöst. Wir haben unendliches Leid über die Welt gebracht.“ Der Krieg habe mehr als 60 Millionen Todesopfer gefordert. Laut Manuskript gedachte Merkel auch der sechs Millionen Juden und aller Menschen, die in deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern einen grausamen Tod erlitten. „Es gibt keine Worte, die das Leid dieses Krieges und des Holocaust auch nur annähernd beschreiben könnten.“ Weiter sagte sie: „Dennoch ist auch die Vertreibung von weit über zwölf Millionen Menschen aus den Gebieten des ehemaligen Deutschlands und heutigen Polens natürlich ein Unrecht, und auch das muss benannt werden.“

Merkel würdigte auch die Verdienste Polens um die deutsche Einheit. In Polen hätten die Menschen mutig das „Tor zur Freiheit“ aufgestoßen. Das vergäßen ihnen die Deutschen nie. Zugleich hätten die Polen nach dem Krieg die Hand zur Versöhnung ausgestreckt: „Wir haben sie voller Dankbarkeit ergriffen.“ Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk hatte auf der Westerplatte Merkel, den russischen Regierungschef Wladimir Putin und gut ein Dutzend weiterer Ministerpräsidenten begrüßt. Sie besuchten einen Soldatenfriedhof, auf dem die Verteidiger der polnischen Festung begraben liegen. Nach einer Kranzniederlegung begann am Ehrenmal eine internationale Gedenkfeier, die bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht beendet war.

Am 1. September 1939 begann um 4 Uhr 45 mit dem Beschuss der vor Danzig gelegenen Halbinsel vom deutschen Schiff „Schleswig-Holstein“ aus der Zweite Weltkrieg. Kaczynski erinnerte daran, dass die polnischen Soldaten den deutschen Angreifern noch Widerstand leisteten, als die Rote Armee gut zwei Wochen später am 17. September 1939 in Ostpolen einmarschierte. „An diesem Tag hat Polen einen Messerstich in den Rücken erhalten“, sagte Kaczynski. Diesen Stich habe das bolschewistische Russland (den Polen) versetzt. Der Hitler-Stalin-Pakt sei Ursache dieser Aggression gewesen. Kaczynski verwies zudem auf den Mord an tausenden polnischen Offizieren in der Sowjetunion, verglich ihn aber im Gegensatz zu seiner Rede am Morgen nicht mit der Vernichtung der Juden im Holocaust.

Putin wies vor der Gedenkfeier die polnische Kritik am Verhalten seines Landes vor Beginn des Krieges zurück. Wer objektiv über die Geschichte sprechen wolle, müsse wissen, dass alle Beteiligten viele Fehler begangen hätten.

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