Politik : 759 Namen

Pentagon veröffentlicht Liste der Guantanamo-Häftlinge – nach der Klage einer Nachrichtenagentur

Christoph von Marschall[Washington]

Jahrelang hat sich das Pentagon in Schweigen gehüllt. Jetzt endlich hat es in Reaktion auf eine Klage der Nachrichtenagentur AP eine angeblich vollständige Liste aller 759 früheren und aktuellen Insassen des Gefangenenlagers Guantanamo veröffentlicht. Da in ihr die Namen der berühmtesten gefassten Al-Qaida-Mitglieder wie Khalid Scheich Mohammed oder Ramsi Binalshibh fehlen, wird spekuliert, wo diese Topterroristen einsitzen. Und es folgen Forderungen, die US-Regierung solle nun Listen der Insassen aller Terroristengefängnisse weltweit, vor allem im Irak und in Afghanistan, veröffentlichen.

Unter Berufung auf das Gesetz über Informationsfreiheit hatte AP eine Liste aller Guantanamo-Gefangenen verlangt, und als das Pentagon nicht reagierte, im März Klage eingereicht. Ende April übergab das US-Verteidigungsministerium eine Liste mit 558 Fällen, die auf Kriegsgefangenenstatus überprüft worden waren. Es fehlten 201 Namen von Gefangenen, die bereits verlegt oder freigelassen worden waren, ehe dieses Tribunal im Juli 2004 die Arbeit aufnahm. Das Pentagon hatte die Angaben zuvor verweigert, sie seien zu sensibel und müssten geheim bleiben. Es gab keine Begründung, warum es die Liste nun herausgab, ohne ein Urteil in dem von AP angestrengten Verfahren abzuwarten. Zu Fragen, ob es ein weiteres geheimes CIA-Lager mit nicht aufgelisteten Gefangenen auf Guantanamo gebe neben den bekannten Camps, sagte ein Sprecher, er könne das ausschließen.

Die USA hatten das international umstrittene Lager für Terrorverdächtige auf dem von Kuba gepachteten Militärstützpunkt Guantanamo im Januar 2002 eingerichtet, wenige Monate nach dem Terrorangriff auf New York und Washington vom 11. September 2001 und dem Beginn des Afghanistankriegs zum Sturz der Taliban. Zahlreiche Gefangene sitzen dort seit Jahren ohne Zugang zu ordentlichen Gerichten und regelmäßigem Kontakt zu Anwälten. Nur in zehn Fällen haben die USA Anklage erhoben. Unter den 759 Gefangenen seit 2002 waren auch drei minderjährige Afghanen, von denen zwei entlassen wurden und der dritte mittlerweile volljährig ist. Der laut Liste älteste unter den derzeit 480 Gefangenen ist der Afghane Hadschi Nasrat Khan, dessen Alter auf zwischen 71 und 78 Jahre geschätzt wird. Er wurde festgehalten, als er sich über die Verhaftung seines Sohnes beschwerte; den hatten US-Soldaten in einem Lager mit 700 Schusswaffen und Raketen aufgegriffen; der Sohn sagt, es handele sich um ein Waffenlager der Regierung Hamid Karsai. Warum der über 70-jährige Vater eine potenzielle Bedrohung darstellt, die seiner Freilassung im Wege steht, ist unklar.

Nach Pentagon-Angaben sollen 136 Gefangene freigelassen oder in Gefängnisse ihrer Heimatstaaten verlegt werden, doch steht noch das Einverständnis dieser Regierungen aus. Der Rechtsstreit mit AP ist nicht zu Ende. Die Agentur verlangt noch Angaben über Größe und Gewicht der Gefangenen. Das Pentagon sagt, solche medizinischen Daten fielen unter den Schutz der Privatsphäre.

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