80. Geburtstag : Heiner Geißler – Athlet des Geistes

80 Jahre alt wird Heiner Geißler, man glaubt es kaum, so gegenwärtig, nie gestrig, wie er ist. Oft zu hören bleibt er, heute gewissermaßen als Sprecher von Attac für die Älteren, wider die Neoliberalen und Neobürgerlichen - ganz anders als früher.

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Heiner Geißler.Foto: ddp

Da führte er als General die Attacke auf den Gegner SPD an, mit einer Demagogie, die ihresgleichen suchte. Den „schlimmsten Hetzer seit Goebbels“ nannte ihn Willy Brandt, und zu der Zeit, damals, war das nur mäßig übertrieben.

Für den Jesuiten, den gelernten, den Marianer, der Geißler ist, hier ein kleiner Exkurs, eigens zum Geburtstag an diesem Mittwoch: Die Geißler waren eine christliche Laienbewegung im 13. und 14. Jahrhundert. Ihr Name geht auf das lateinische Wort für Geißel oder Peitsche zurück. Zu den religiösen Praktiken gehörte die Selbstgeißelung. Man nannte sie disciplina, Erziehung. Es ging um eine Transformation des Selbst, um eine Pädagogik der Existenz: Der Mensch wollte sich durch seine asketischen Übungen über seine Grenzen hinausheben. Und der sich Geißelnde wurde zum geistigen Athleten, der sich langsam steigernd zu Höchstleistungen anspornte.

Das passt schon auch zu ihm. Er war ja nie nur Hetzer oder nur Generalsekretär der CDU. Das war er von 1977 bis 1989, bis Helmut Kohl, mit dem ihn Jahrzehnte des Aufstiegs verbanden, den Unbequemen loswerden wollte. Der kommentierte das hellsichtig mit der Warnung vor einem „Rechtsruck“ der Union. Geißler war auch Minister. Als Zuständiger für Soziales, Jugend, Gesundheit und Sport des Landes Rheinland-Pfalz von 1967 bis ’77 hat er: das erste Kindergartengesetz zustande gebracht, das erste Krankenhausreformgesetz und das erste Sportförderungsgesetz in der Geschichte der Bundesrepublik, dazu die Sozialstationen gegründet. Und als Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit von 1982 bis 1985 steht auf seiner Liste: die Neuordnung des Kriegsdienstverweigerungs- und Zivildienstgesetzes, das Erziehungsgeld, der Erziehungsurlaub, die Anerkennung von Erziehungsjahren in der Rentenversicherung, die Reform der Approbationsordnung, der Arzt im Praktikum. Nebenbei hat Hobbywinzer Geißler den Glykolskandal im deutschen Wein gemeistert, Rita Süssmuth als Nachfolgerin und neuen Stern am CDU-Himmel gefunden und, weil es Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg nicht schaffte, den Lärm durch Tiefflug verringert.

Gleitschirm kann er nicht mehr fliegen, der eine Absturz hat sein Kreuz zu sehr in Mitleidenschaft gezogen. Aber geistige Höhenflüge sind sowieso sein Lebenselixier. Zum Geburtstag wünschte er sich ein öffentliches Streitgespräch mit Peter Sloterdijk, dem Philosophen der Neobürgerlichkeit. Geißler findet ja schon länger, dass der Kapitalismus so falsch ist wie der Kommunismus.

Mit ihm als Generalsekretär stünde die Union heute bei 40 Prozent. Mindestens. So viel hat er nämlich immer geschafft.

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