9. November 1989 : Geteilte Gemeinsamkeit

Die Wende ist volljährig. In den vergangenen 18 Jahren sind sich die Deutschen näher gekommen, wenn auch nur Schritt für Schritt. Es ist an der Zeit sich sich bewusst zu erinnern, an alle 9. November und die gesamte deutsche Geschichte.

Robert Ide
Mauer Bernauer Straße
46 Jahrestag des Mauerbaus: Viele Menschen versuchten zu flüchten. Die Bernauer Straße stand während der Teilung im Mittelpunkt...Foto: Ullstein

In einer Straßenbahn in Hohenschönhausen, dem Osten des früheren Ost- Berlins. Ein paar Schüler um die 15 reden über die Wende; sie erzählen sich, was sie zu Hause über die DDR gehört haben. Plötzlich fragt ein Mädchen: „Wie hieß eigentlich früher der Westen?“

In einer Jugendakademie in Münster, dem Westen der früheren Bundesrepublik. Ein paar Schüler um die 15 reden über die Wende; sie erzählen sich, was sie zu Hause über die DDR gehört haben. Am Ende fragt ein Junge: „Gab es denn wirklich nichts Gutes da drüben?“

Heute wird das vereinte Deutschland erwachsen. Doch 18 Jahre nach der Nacht des Mauerfalls sind noch eine Menge Erinnerungen zu belichten. Ost- und Westdeutsche sind sich über die Jahre nahegekommen, auch in ihren sozialen Sorgen. Mancher Unterschied ist materiell bedingt, mancher nur noch folkloristisch. Ost und West ähneln sich auch, was Lücken im Gedächtnis angeht. Allzu oft fehlen kollektive Erinnerungen an eine Teilungsgeschichte, die nicht getrennt verstanden werden kann. Selbst die Kinder des Umbruchs spüren die Lücken.

Der 9. November 1989 fing in Ostdeutschland viel früher an – nicht erst in der Nacht, in der viele schon schliefen, als auf Berlins Straßen Träume wahr wurden. „Das tritt nach meiner Kenntnis – ist das sofort, unverzüglich …“, stotterte Günter Schabowski, und ab diesem Moment gab es ein weiteres Rätsel in den sich überholenden Tagen zu lösen. Was sollte das neue Reisegesetz bedeuten, war alles ein Trick der SED? Der Freiheitsdrang, die Wahnsinnslust auf alles Neue, auch die Angst davor – all diese Gefühle haben die Ostdeutschen im Umbruch geprägt. Das Schweigen danach, das Zurückziehen aus der selbst gewählten Demokratie, die noch sichtbare Ostalgie – es sind auch Reaktionen auf Erwartungen von damals, auf Träume vom glitzernden Fernsehwesten, die sich in den eingegrenzten Menschen angestaut hatten. Genau deshalb ist das Damals so wichtig für das Verstehen eines Heute. Genau deshalb sind Lücken in der Erinnerungskultur so schmerzlich. In aktuellen Schulbüchern werden Schabowskis Worte nicht historisch eingeordnet, sondern auf „wirre Mitteilungen“ reduziert. So nimmt sich das erwachsene Deutschland die eigene Geschichte weg.

Bisher hat das Erinnern an die Zeitenwende 1989/90 in Wellen funktioniert. Nach einem jeden 3. Oktober (dessen hektische Festlegung als Einheitstag vor allem dem Willen entsprang, die DDR nicht noch 41 Jahre alt werden zu lassen) und einem jeden 9. November herrschte wieder ein Jahr Stille. Jetzt könnte die Zeit gereift sein, selbstverständlicher damit umzugehen; im Alltag, ohne Pathos. Dazu müssen Eltern und Lehrer mehr erzählen, dazu müssen Jüngere, die in einer längst globalisierten Welt leben, mehr nachfragen. Dabei kann ein Einheitsdenkmal in der neuen Mitte Berlins helfen, dafür braucht es neue Schulbücher und Lehrpläne, in denen die DDR nicht nur als Fußnote der Geschichte daherkommt.

Im besten Fall kann sich ein Common Sense herausbilden über eine trotz Mauer gemeinsam geteilte Geschichte. Darüber, dass die Trennung einem Deutschland entsprang, das am 9. November 1938 erstmals seine größenwahnsinnige Grausamkeit zeigte. Darüber, dass es auch im Osten ein ’68 gab – den Prager Frühling; dass die DDR schon einen Monat vor dem Mauerfall ihren Todeskampf verloren hat, als 70 000 Leipziger Helden friedlich der angedrohten Gewalt trotzten. Ebenso wichtig ist die Selbstvergewisserung darüber, dass auch die alte Bundesrepublik verschwunden ist, wenngleich zeitversetzt und nicht über Nacht; dass die Menschen im früheren Westen ähnliche Umbrüche erleben wie die im Osten – mit dem Verschwinden traditioneller Betriebe, mit der Landflucht vieler Jüngerer, mit einer allseits geduldeten öffentlichen Einengung der Privatsphäre. Über die Geschichte können Ost und West entdecken, wie nahe sie sich sind.

Heute wird Deutschland erwachsen. Aber nicht nur am 9. November sollten sich die Menschen daran erinnern, dass sie es waren, die die todbringende Mauer mit eigenen Händen einrissen, mit Hämmern zertrümmerten und brockenweise nach Hause schleppten. Nicht nur heute können sie sich freuen – und stolz sein.

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