9. November : Unter einem Dach

Wer heute hasstriefenden Bewegungen wie Pegida nachläuft, sollte sich fragen, ob er in das Ost-Deutschland vor der Wende zurück möchte. Ein Kommentar.

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Pegida-Demonstranten in Dresden vor der Semperoper.
Pegida-Demonstranten in Dresden vor der Semperoper.Foto: picture alliance / dpa

Dieser 9. November ist anders als der in den vergangenen Jahren seit 1989. Die amerikanische Präsidentenwahl überlagert die latente deutsche Neigung, sich selbst in Zweifel zu ziehen und tatsächliche oder vermeintliche Missstände zu beklagen. Ist die Einheit gelungen? Hat der Westen den Osten überfahren? Zwang die alte Bundesrepublik die DDR wie eine Kolonie in ihr Gesetzes- und Regelwerk, wurden die Deutschen im Osten ein zweites Mal entrechtet, kam nach der Zwangsherrschaft der SED das Diktat der Märkte?

Nein, jetzt blicken wir nach Amerika, und was sehen wir? Wie im Spiegelbild des nun gesamtdeutschen Aufbegehrens gegen die vermeintliche Problemblindheit der politischen Klasse im eigenen Land beobachten wir auf der anderen Seite des Atlantiks den möglichen Wahlgewinn eines Mannes, dessen spektakuläre Erfolge in den Vorwahlkämpfen sich ebenfalls vor allem aus dem Überdruss am Establishment speisen, diesmal dem aus Washington. Donald Trump erklärt die bisherige Politik von Barack Obama genauso wie die seiner potenziellen demokratischen Nachfolgerin Hillary Clinton als total korrupt und verdorben und empfiehlt sich, den angeblich „unverdorbenen“ Newcomer, als Alternative für die Anständigen und Unverdorbenen.

Nichts anderes wollen uns in Deutschland ja auch Bewegungen wie Pegida & Co. und Parteien wie die AfD einreden. Und dass Erstere vor allem im Osten der Republik die meisten Anhänger hatten und eine vom Anti-Euro-Protest in die Fremdenfeindlichkeit abgedriftete Alternative für Deutschland ebenfalls in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt besonders viel Zulauf fand, das hat schon mit den besonderen Befindlichkeiten der Menschen in der früheren DDR zu tun. Das gilt, obwohl dort, 27 Jahre nach dem Fall der Mauer, inzwischen eine Generation herangewachsen ist, die die Wiedervereinigung nicht nur als gelungen, sondern sogar auch als ein Vorbild für andere Länder empfindet.

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Dresden setzt nach Pegida-Aufmarsch Signal gegen Fremdenhass
Dresden setzt nach Pegida-Aufmarsch Signal gegen Fremdenhass

Sorgen nicht ernst genommen

Andere Prägungen wirken hingegen fort. Der völlige Umbruch durch den politischen und wirtschaftlichen Systemwechsel, der Austausch der politischen Machteliten, die vermeintliche oder tatsächliche Wertlosigkeit früher hoch geschätzter Ausbildungs- und Bildungsgänge. Und wie überall, wo Menschen ihren eigenen Status als unsicher, ihre wirtschaftliche Lage als labil einschätzen, ist die Angst vor dem und den Fremden immanent und unreflektiert. Das Ost-Deutschland der Jahre 2015 und 2016 hat sich gegenüber dem der Jahre zuvor verändert. Die Zahl fremdenfeindlicher und krimineller Akte gegenüber Flüchtlingen und Ausländern ist im Osten im prozentualen Vergleich zur Gesamtbevölkerung deutlich höher. Ja, es gab auch in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen Brandstiftungen gegen vorgesehene und geplante Unterkünfte für Asylbewerber. Aber deren Umfang ist im Vergleich zu den Vorfällen vor allem in Sachsen gering. Und nirgendwo in Deutschland gab es solche üblen, verächtlichen Pöbeleien gegen Spitzenpolitiker wie die Kanzlerin oder den Präsidenten.

Was lehrt uns das? Der Blick zurück, darauf, wie alles begann, hilft immer wieder bei der Besinnung. Da fügte es sich, dass der RBB am Montag noch einmal den Film „Bornholmer Straße“ aus dem Jahr 2014 zeigte – ein an den Fakten jenes Novemberabends, an dem die Mauer fiel, entlangerzähltes, eher komödiantisches Regiewerk von Christian Schwochow. Wie es wirklich war am 9.11.1989, zeigte eine anschließende Dokumentation der Grenzöffnung in der Bornholmer Straße. Wer heute hasstriefenden Bewegungen wie Pegida nachläuft, sollte sich da einfach fragen, ob er in das Ost-Deutschland vor der Wende zurück möchte. Die gesamtdeutsche Politik danach hat Fehler gemacht. Sie hat Sorgen nicht ernst genommen, war im Wortsinne nicht immer bei den Menschen. Aber sie hat, und das ist der einzigartige Vorzug der Demokratie, die Kraft, Fehler zu revidieren, aus dem eigenen Versagen zu lernen. Also schauen wir heute nicht nur nach Amerika, sondern auch auf uns.

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Die damalige Treuhand-Zentrale in Berlin, Leipziger/Ecke Otto-Grothewohl-Straße
Studie zur Treuhand - "Die Ursünde der Wiedervereinigung“
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