Politik : 9. Oktober 1989 - Die SED will in Leipzig die Opposition mit Gewalt zerschlagen

Ralf Geissler

Magdeburg, im Januar. Helmuth Hackenberg ist wütend. "Wir hatten nie die Absicht, auf Demonstranten zu schießen." Immer wieder betont er das, immer wieder schlägt er mit der Faust auf seinen Wohnzimmertisch. Schon oft sei er nach der Ausgabe von Waffen am 9. Oktober 1989 gefragt worden. Der Mann, dem am "Tag der Entscheidung" alle in Leipzig stationierten Einheiten unterstanden, bleibt dabei: "Wir hatten den Willen, die Montagsdemonstration friedlich zu Ende zu bringen. Es gab einen ausdrücklichen Befehl, ohne Waffen auszurücken."

Wenige Wochen nach dem Gespräch ist Helmuth Hackenberg gestorben. Auch wenn er sich nicht mehr rechtfertigen kann, eins darf man bezweifeln: Um friedliche Demonstrationen ging es dem SED-Mann im Oktober 1989 nicht. Jedoch gibt es tatsächlich bis heute kein Dokument, das belegt, dass die SED vorhatte, auf Demonstranten zu schießen. Trotzdem befürchten am 9. Oktober 1989 viele Leipziger einen Bürgerkrieg.

Jens Illing hört am Vormittag von einem Kommandeur die Worte: "Ab heute ist Klassenkampf. Entweder die oder wir." Jens Illing leistet gerade seinen Wehrdienst bei der Bereitschaftspolizei. Der 25-Jährige dient als Waffenwart. Seine Einheit soll Wasserwerfer fahren und Polizeiketten bilden. Am Nachmittag rüstet Jens Illing seine Kameraden mit Knüppeln aus. "Ich habe auch Gewehre ausgegeben. In Kisten verpackt wurden sie auf Lastwagen verladen", erinnert er sich.

Seit dem 11. September wurden in Leipzig jede Woche Demonstranten verhaftet. Helmuth Hackenberg schreibt Anfang Oktober an Egon Krenz: "Das Sekretariat der Bezirkseinsatzleitung hat eine Einschätzung der aktuellen Lage vorgenommen und alle erforderlichen Maßnahmen eingeleitet, um mögliche Provokationen im Keim zu ersticken." Um den Erfolg am 9. Oktober zu dokumentieren, ordnet Hackenberg die Aufzeichnung des Einsatzes durch das DDR-Fernsehen an.

Das Friedensgebet will er nicht wieder der Opposition überlassen und beschließt: "Es ist zu sichern, dass mit Öffnung der Nikolaikirche sofort 2000 Parteiaktivisten im Innenraum Platz nehmen." Nur fünfhundert SED-Aktive kommen tatsächlich - mit weichen Knien. "Die sind rein und haben geglaubt, hier ruft der Pfarrer die Leute zum Straßenkampf auf", erinnert sich Hausherr Christian Führer. In der Reformierten Kirche ist an diesem Montag ebenfalls ein Friedensgebet. Auch die Thomaskirche hat mit ihrer Verweigerung gebrochen. Sie öffnet die Pforten. Nicht nur für das Gebet. Gemeindepfleger Stefan Hüneburg richtet ein Lazarett ein und hängt eine Rot-Kreuz-Fahne ans Haupttor: "Nach den Knüppeleien der Vorwoche haben wir mit dem Schlimmsten gerechnet."

Stefan Hüneburg fürchtet sich vor einer "chinesischen Lösung". Nach der blutigen Niederschlagung der Studentenproteste auf dem Pekinger Tiananmen-Platz hatte Egon Krenz öffentlich betont, in Peking sei etwas getan worden, um die Ordnung wiederherzustellen. Ein Leserbrief in der Leipziger Volkszeitung schürt bei Stefan Hüneburg zusätzlich Angst. Der Kampfgruppenkommandeur Günter Lutz hatte geschrieben: "Wir sind bereit und willens, das von und mit unserer Hände Arbeit Geschaffene wirksam zu schützen, um diese konterrevolutionären Aktionen endgültig und wirksam zu unterbinden. Wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand."

Am 9. Oktober schließen in der Leipziger Innenstadt die Geschäfte schon um 17 Uhr. Betriebsleiter warnen ihre Angestellten vor einem abendlichen Stadtbummel. Insgesamt 5300 Soldaten, Polizisten und Mitglieder der Kampfgruppen sind für den Einsatz abkommandiert. Hinzu kommen Mitarbeiter der Staatssicherheit und 5000 Mitglieder staatlicher Organisationen. Die SED-Aktiven in der Nikolaikirche sitzen zwischen allen Fronten. Pfarrer Führer schätzt heute ein: "Wir waren der sicherste Ort der DDR. Wäre geschossen worden, niemand hätte erkannt, ist das ein Oppositioneller oder nur ein geschickter Genosse." Die Agitatoren merken, dass sie betrogen worden sind. Drei von ihnen kommen nach dem Gebet zu Pfarrer Führer und bedanken sich. Helmuth Hackenberg wird später das Fazit ziehen: "Wir sind in die Kirche gegangen, Genossen, und ich muss sagen, es war falsch. Wir saßen drin und die standen draußen."

Hackenberg sitzt an diesem Abend in der SED-Bezirksleitung. Über ein Telefon erfährt er von der Lage in der Innenstadt. Nach den Friedensgebeten versammeln sich 70 000 Menschen und laufen über den Ring zum Hauptbahnhof. "Schließt Euch an!" fordert die friedliche Menge die Einsatzkräfte auf. Die ziehen sich um 18.30 Uhr zurück. Hackenberg erfährt von seinem Polizeichef, dass die vorbereiteten Maßnahmen nicht durchführbar sind. Nicht bei diesen Menschenmassen.

Hackenberg will sich absichern und ruft bei Egon Krenz an. "Ich habe ihm mitgeteilt, dass die Demonstration friedlich verläuft und wir die Einheiten zurückziehen können. Er sagte mir, er müsse sich beraten und hat das wohl auch getan", erinnerte er sich im Januar. Als Krenz zurückgerufen hat, war laut Hackenberg die Demonstration schon vorbei. "Er sagte zu mir, er stehe zu meiner Entscheidung und dabei ist auch der Satz gefallen: Ob wir morgen früh noch in Funktion sind, weiß ich nicht, Helmuth."

Der Protestmarsch zieht genau einmal um den Innenstadtring. Als er an der Thomaskirche vorbeikommt, hängt dort noch immer die Rot-Kreuz-Fahne an der Tür. Gemeindepfleger Stefan Hüneburg schließt sich die letzten Meter den Demonstranten an: "Es war ein sagenhaftes Gefühl, eine unheimliche Erleichterung." Immer wieder läuft der Aufruf der "Leipziger Sechs" über die Lautsprecher auf den Straßen. Unter ihnen der Gewandhauskapellmeister Kurt Masur und drei SED-Funktionäre aus Hackenbergs Bezirksleitung: "Wir bitten sie dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird."

Spät am Abend kommen die Kameraden von Jens Illing zurück in die Kaserne. Die Waffenkisten sind verschlossen geblieben. Heute glaubt er, dass ein Befehl zur Gewaltanwendung am 9. Oktober nicht ausführbar gewesen wäre: "Über fünfzig Prozent unserer Einheit hätten verweigert."

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