Politik : 90 Minuten Auschwitz

Von Thomas Lackmann

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Während sich Deutschlands Katholiken unter dem Motto „Gerechtigkeit vor Gottes Angesicht“ in Saarbrücken versammeln, fährt ihr Papst nach Polen. Am Sonntag besucht er zum Abschluss das „Dialog- und Gebetszentrum“ in Auschwitz. Gebet und Ansprache im Vernichtungslager. Dann Transit zum Krakauer Airport. Heimflug nach Rom. 90 Minuten: zwei Halbzeiten, ein Spielfilm. Schneller ist das kaum zu bewältigen.

Dass Joseph Ratzinger primär Deutscher ist und auf der Pietätsskala so taxiert werden muss, ist vor allem eine deutsche Obsession. Mit dem realen Benedikt XVI., der als Repräsentant einer Milliarde Katholiken die älteste Institution der Geschichte führt, hat unser „Wir sind Papst“-Trip wenig zu tun. Ratzinger weiß, dass ein paar Millionen transalpiner Schäfchen, trotz aller deutschen Verdienste um Spenden und theologische Gelehrsamkeit, nicht die Zukunft der Kirche ausmachen.

Andererseits hat auch er seine Biografie. Das Christentum lehrt die Fleischwerdung des Erlösers, die Erlösung wirklicher Menschen in ihrer konkreten Vita. Ratzinger gehört zur Kriegsgeneration, was das Gros der Menschheit kaum berührt, aber Deutsche, Juden, Polen und britische Boulevardblätter nicht kalt lässt. Er war Pimpf und Flakhelfer; stand – so fromm und unschuldig, wie man als katholischer Teenager in einer regimefernen Familie sein kann – auch auf der Seite der Täter. Wenn so ein Zuschauer der Zeitgeschichte als Papst nach Auschwitz kommt, erhält die böse Frage, was Gott eigentlich damals an der Rampe gemacht hat, einen neuen Klang.

Benedikt steht in der Tradition seines Vorgängers. 1979 hat Karol Wojtyla eine Messe in Auschwitz zelebriert und die Mordfabrik als „Golgatha unserer Zeit“ mystifiziert. Der Eklat, den diese Überhöhung bei manchen Juden hervorrief, scheint zwar seit dem Israelbesuch des greisen Papstes vergessen. Doch die Rivalität der Opfergruppen („Darf ein Kloster auf KZ-Terrain stehen?“) und die Frage, wem letztlich der Holocaust gehört, bleiben virulent. Deshalb wird der diplomatische Ratzinger keine Messe feiern und seine Worte abwägen – ohne sich theologisch von der Vereinnahmung ermordeter Nichtchristen zu distanzieren. Es gebe eine unentrinnbare Nacht der Verzweiflung, hatte er 1968 in seiner Einführung in das Christentum geschrieben. „In diesen Abgrund unseres Verlassenseins“ sei Christus eingetreten. „Wo uns keine Stimme mehr erreichen kann, da ist Er.“

20 Minuten dauerte eine Vergasung. Viele Menschen, die bei ihrer Ankunft dafür selektiert wurden, haben die nächsten anderthalb Stunden nicht überlebt. Das Christentum verspricht, Schuld und Schmerz in Liebe zu verwandeln. Wie man das in Auschwitz glauben soll, ist ein Rätsel, oder: ein Geheimnis. Doch dort davon zu reden, wäre: eine Zumutung. Der 90-minütige Papstaufenthalt am Ort des Schreckens fällt auf den österlichen Bußsonntag nach Himmelfahrt. Gerade hat die Kirche gefeiert, dass ihr Erlöser als Gefolterter, Hingerichteter, Auferstandener in die Glorie heimgekehrt ist. Jetzt beten die verlassenen Jünger um Ermutigung durch den Heiligen Geist. Der pontifikale Besuch, von Medien vorab als „Höhepunkt“ gefeiert, ist ein Zeichen, das am Sonntag – vielleicht – zu verstehen sein wird. Auschwitz ist nicht zu verstehen. Darum bitten wir Gott, falls es ihn gibt und er doch noch nach Auschwitz kommt: künftig öffentliche Redner davon abzuhalten, den Holocaust politisch, moralisch, missionarisch zu instrumentalisieren.

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