Politik : 90 Minuten Auszeit

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Von C. Böhme, A. Funk

und M. Feldenkirchen

Dürfen Politiker Länderspiel-Pause machen? Wenn sie können, warum nicht. Für den Ex-Stürmer Gerhard Schröder war der Mittwoch in der Hinsicht aber ein schwieriger Tag. Deutschland – Irland, Anstoß 13 Uhr 30. Da saß der Kanzler im Auswärtigen Ausschuss des Bundestags. Um 14 Uhr 15 hob sein Hubschrauber gen Potsdam ab. Dort sprach er beim Deutschen Tourismus-Verband und später noch vor der IHK. Keine Zeit also für das WM-Spiel. Ob dazwischen Zeit sein würde, um zumindest eine knappe Zusammenfassung zu sehen, wussten seine Berater nicht zu sagen. Schröders direkter Gegenspieler Edmund Stoiber hatte es besser: Er verfolgte einen Teil des Matchs im Berliner ZDF-Studio. „Mit Schröder auf Augenhöhe bleiben“, lautete die Devise seines PR-Teams. Dann ging’s zurück zur Tagung der Lokalpresse im Kempinski.

Andernorts hatte man genügend Zeit. Der Bundestag beraumte seine Aktuelle Stunde erst auf 15 Uhr 30, nach dem Schlusspfiff, an. Und der Sportausschuss – wie könnte er anders – verschob seine Sitzung auf 15 Uhr 15. Dem entsprechenden Antrag des CDU-Abgeordneten Klaus Riegert stimmte der Ausschussvorsitzende Friedhelm Julius Beucher „freudig erregt" zu, wie es hieß. Der Ausschuss kam dann aber doch schon um 13 Uhr 30 zusammen – um das Spiel gemeinsam anzuschauen. Eine informelle Arbeitssitzung im Zimmer des Vorsitzenden. Es war nicht die einzige in den Bundestagsbüros an diesem Nachmittag. Die Fragestunde im Plenum während des Spiels sei von einem „Strafbataillon" bestritten worden, hieß es bei der SPD. Aber auch das musste nicht lange leiden. Die meisten Fragen waren zuvor schriftlich beantwortet worden. Eine Vorsichtsmaßnahme für entspannteres Fußballgucken.

Wer jedoch wider König Fußball auf seine Rechte pocht, hatte einen schweren Stand. Einer wie Guido Westerwelle zum Beispiel. Für 13 Uhr 45 Uhr setzte der FDP-Chef kurzfristig eine Pressekonferenz an. Murrend riss sich das Korps der Berichterstatter vom Bildschirm los. Murrend sah es zu, wie auch die zweite Halbzeit verrann. Und kein Fernseher weit und breit im Thomas-Dehler-Haus. Westerwelle ließ auch noch auf sich warten. Um kurz vor drei kam er endlich, verlas ein Ultimatum an Möllemann - und ging. Was, keine Fragen zugelassen? Aufruhr! Empörung! „So was hat sich nicht mal Helmut Kohl erlaubt“, tobte ein Reporter. Gabi Zimmer kommentierte das Spiel auf der Website der PDS und nahm – Marx gibt da nichts her – Günter Netzer zum Vorbild: „Denk erst an die Kabine, wenn du drin bist.“

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