[Kommentare: 11]

Anitsemitismus

Juden protestieren bei Schäuble

Jüdische Institutionen aus Deutschland und Österreich fordern die Entlassung eines Redakteurs der Bundeszentrale für politische Bildung. Der Vorwurf: antisemitische Stimmungsmache. In ihrem Bemühen wenden sich die jüdischen Einrichtungen direkt an Innenminister Schäuble.
Anzeige
Bild vergrößern
Berlin - Der Ton ist heftig und drängend. Mehrere jüdische Institutionen aus Deutschland und Österreich haben Ende März drei Briefe an Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble geschrieben, in denen der Rauswurf eines langjährigen Angestellten der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) verlangt wird. Der Vorwurf, knapp zusammengefasst: antisemitisch gefärbte Agitation gegen Israel.

Es geht um Ludwig Watzal, der sich seit Jahren mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt befasst, von 1986 an als Redakteur für die BPB-Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ schreibt und zudem privat fleißig publiziert. Von 1997 bis 2005 verfasste er auch Beiträge für den Tagesspiegel. Doch in der Kritik stehen vor allem Watzals Äußerungen, die auf seiner eigenen Homepage und auf anderen Websites zu lesen sind. Watzal bediene „allseits bekannte antisemitische Klischees“, ärgert sich der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer, in seinem Brief an Schäuble, dessen Ministerium die BPB zugeordnet ist.

Israel sei für Watzal eine „wild gewordene Kolonialmacht“, die eine „ethnische Säuberung“ an den Palästinensern vollziehe, zitiert ihn Kramer. Die Begriffe finden sich in einem Artikel Watzals, der auf der Homepage der linksextremen Gruppierung „Campo Antiimperialista“ zu lesen ist. Palästinensischen Terror sehe Watzal als Ausdruck eines legitimen Widerstandsrechts, klagt Kramer.

Ähnlicher Protest wird in zwei weiteren Briefen an Schäuble laut. Einen hat Lala Süsskind, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, mit Daniel Kilpert verfasst, dem Sprecher des Koordinierungsrates deutscher Nichtregierungsorganisationen gegen Antisemitismus. Der andere Brief kommt vom Generalsekretär des Bundesverbands der Israelitischen Kultusgemeinden in Österreich, Raimund Fastenbauer. Im Innenministerium heißt es, Schäuble habe die Schreiben gelesen und nehme sie „sehr ernst“. Die jüdischen Institutionen würden „zeitnah“ im April eine Antwort erhalten.

Beim Blick auf Watzals Homepage finden sich Äußerungen, unter anderem über die Terrororganisationen Hamas und Hisbollah, die auch seinem Arbeitgeber unangenehm aufstoßen. Etwa in der Rezension, die Watzal über das 2007 erschienene Buch des Frankfurter Wissenschaftlers Micha Brumlik, „Kritik des Zionismus“, geschrieben hat. Watzal hält Brumlik vor, wenn er von „antisemitischen Vernichtungsphantasien von Hamas und Hisbollah“ spreche, fühle man sich „an die Rhetorik der jedwede Seriosität vermissen lassenden Politsekte der ,Antideutschen‘ erinnert“. Die „Antideutschen“ sind eine linksextreme Strömung, die kommunistische Parolen mit proisraelischen kombiniert.

Damit verharmlose Watzal die blutigen Angriffe von Hamas und Hisbollah auf Israel, sagt Raul Gersson, Sprecher der Bundeszentrale für politische Bildung. Das sei „skandalös“. Und er kündigt an: „Solche Äußerungen sind Anlass, zu prüfen, ob arbeitsrechtliche Schritte bis hin zu einer Kündigung eingeleitet werden müssen.“

Das gelte auch für Watzals Behauptung in einem weiteren Text auf seiner Homepage, sagt Gersson. Darin behauptet Watzal, es gebe eine „Israelisierung der USA“, und fragt, ob „nun auch dem Rest der Welt die Israelisierung“ bevorstehe. Außerdem sagt Watzal, die Anschläge vom 11. September 2001 seien für den damaligen israelischen Premierminister Ariel Scharon „ein Geschenk des Himmels“ gewesen. Denn „endlich, so schien es, verstanden die anderen Staaten das Anliegen Israels: den Widerstandskampf eines von militärischer Okkupation unterdrückten Volkes als ,Terrorismus‘ zu sehen“.

Der Bundeszentrale für politische Bildung ist der Fall Watzal äußerst unangenehm. Schon seit Jahren kritisieren jüdische Organisationen, was Watzal über Israel schreibt. Es seien auch Konsequenzen gezogen worden, sagt Gersson. Watzal dürfe wegen seiner Einseitigkeit seit 2005 als BPB-Redakteur keine Themen mehr bearbeiten, die sich mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt befassen. Vor zwei Jahren sei Watzal untersagt worden, bei seinen privaten publizistischen Aktivitäten zu erwähnen, dass er für die BPB arbeitet. Außerdem könne Watzal die Bundeszentrale nicht mehr bei Israelreisen vertreten. Bislang habe man aber, sagt Gersson, einen Rauswurf gescheut, da der Ausgang eines arbeitsrechtlichen Verfahrens unsicher sei.

Watzal selbst verweigert ein Gespräch mit dem Tagesspiegel. Seine Begründung: „Ich will im Augenblick nichts sagen“. Frank Jansen

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 05.04.2008)
Sie interessieren sich für dieses Thema und wollen keinen Artikel im Tagesspiegel dazu verpassen? » Informieren | » Login

Aus anderen Ressorts

Manipulierter Fußball:

Da kommt noch mehr, wetten?
Manipulation beim Fußball ist wie Doping. Beides verdirbt die Idee des Spiels. Ob sich alle an die Regeln halten und am Ende die beste Leistung zum Sieg führt, kann der Zuschauer nicht mehr wissen. Wie viele Spieler wohl an diesem Wochenende verdächtigt werden, denen der Ball unglücklich über den Fuß rutscht?

Untersuchungsausschuss:

Spreedreieck-Affäre: Strieder rechnet mit Nachfolgern ab
Ex-Bausenator Strieder will beim Spreedreieck frühzeitig gewarnt haben. Nachbarn des Areals klagen erneut.

Kommentare [ 11 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von blumentopfche blumentopfche ist gerade offline | 5.4.2008 10:47 Uhr
eine brisante angelegenheit ist das;
aber, wer handlungen des staates israel kritisiert ist noch lange kein antisemit.

auch in israel selber gibt es ja zahlreiche juden, die mit der politik ihrer regierung nicht einverstanden sind.
Comment
von perpetuum perpetuum ist gerade offline | 7.4.2008 19:30 Uhr
was stimmt nicht ?
In unzaehligen Artikeln und Büchern von namhaften Wissenschaftlern, Publizisten, auch Politikern auf der ganzen Welt werden die Auswirkungen der israaelischen Besatzung genauso beim Namen genannt wie es Ludwig Watzal tut. Was stimmt daran nicht ? Ich empfehle jedem in der nächsten Zeit einen Besuch in Bethlehem, in Kalkilia, in Hebron. Schliesssen sie sich einer isralischen Friedesn-Aktivistengruppe an. Helfen sie mit, dass Palästinenser als Menschen mit Rechten behandelt werden, mit Respekt.
Die fanatischen Siedler bestimmen die Politik des Landes, wie es im Buchtitel von zwei israelischen Autoren heisst: Die Herren des Landes. NUR: Was alle wissen darf man in Deutschland nicht schreiben !
Comment
von dali dali ist gerade online | 5.4.2008 13:12 Uhr
Der erste April ist doch schon vorbei
wo bitte ist der Artikel
"Schäuble soll gegen Nahostexperten vorgehen"
oder hat es den nie gegeben,
oder mit Nena gesprochen

"nur geträumt"
Comment
von lindblom lindblom ist gerade offline | 5.4.2008 14:08 Uhr
wieder einmal Stimmungsmache
"Antisemitismus: Juden protestieren bei Schäuble."
Sehr plakativ!

bei meist kommentiert heisst es noch:

"Antisemitismus: Schäuble soll gegen Nahostexperten vorgehen."

Wenn jemand offenbar so einseitig Stellung bezieht wie Hr. Watzal, dann möchte ich ihm den "Experten" absprechen.

Selbstverständlich darf Hr. Watzal eine eigene Meinung vertreten, aber ob das über die BPB möglich ist sei mal, auch arbeitsrechtlich dahingestellt.

Und wenn von der "Israelisierung" der USA und Europas gesprochen wird, so trägt das schon Züge einer antisemitischen Grundstimmung...
Comment
von klaus_weiss klaus_weiss ist gerade offline | 5.4.2008 15:53 Uhr
@lindblom
Im Artikel wird eindeutig beschrieben, daß Watzal das eine nicht mit dem anderen zu vermengen hat und dem wohl auch nachgekommen ist, denn sonst wäre er schon entlassen worden.

Wenn man sich den Lebenslauf des Herrn ansieht, ist das schon beeindruckend; ein Dummer ist er mit Sicherheit nicht (http://www.watzal.com/f_vita.html).

Die "Arbeitsthesen der OSZE" zum Antisemitismus sind eindeutig (siehe Quelle) und beinhalten auch den Umgang mit Kritik an Israel: Sie ist erlaubt, wenn sie der Kritik gleicht, an der sich auch andere Länder messen lassen müssen.

Quelle: http://fra.europa.eu/fra/material/pub/AS/AS-WorkingDefinition-draft.pdf

Der Begriff "Israelisierung" ist natürlich mit Bedacht gewählt, um dem Vorwurf des Antisemitismus zu begegnen. Allerdings sind die auf der Homepage aufgeführten Rezensionen seiner Bücher durch namhafter Zeitungen und Sender ja nicht aus der Luft gegriffen.

Warum er hier keine Stellung bezieht, verstehe ich nicht.
Comment
von molar molar ist gerade offline | 6.4.2008 10:48 Uhr
@dali : Anderer Titel
"Schäuble soll gegen Nahostexperten vorgehen" ist - bei gleichem Inhalt - in "Juden protestieren bei Schäuble" umgetauft worden - soll suggerieren, dass es "wieder mal" die Juden sind, die Ärger machen.
Hierzu ist folgendes anzumerken:
1) Es sind nicht nur Juden, die protestieren. Es sind auch, leider zu wenige, Deutsche dabei.
2) Es sind nicht "Juden", sondern jüdische Institutionen. Wer, bitte, soll gegen Antisemitismus protestieren, wenn nicht zuallererst die Betroffenen?
3) Es ist eine Schande, dass sich die deutsche Zivilgesellschaft nicht damit befasst, Antisemitismus bis in die letzte Konsequenz zu bekämpfen.
4) Den Artikelinhalt finde ich OK. Den Titel des gedruckten Artikels muss ein Anderer geschrieben haben.
Comment
von jeshuafan jeshuafan ist gerade offline | 7.4.2008 10:14 Uhr
@dali : Anderer Titel
diesen Bemerkungen kann man nur zustimmen. (siehe auch mein Beitrag vorab)!
Comment
von klaus_weiss klaus_weiss ist gerade offline | 6.4.2008 16:22 Uhr
@molar
Welche Passage aus welchem seiner Bücher ist für Sie antisemitisch?
Comment
von molar molar ist gerade offline | 6.4.2008 20:11 Uhr
@klaus_weiss
z.B. DeutschlandRadio Berlin, 16 September 2004, Ludwig Watzal: Haim Saban, die Medien und Israel
z.B. FREITAG, 03 Juni 2005, Ludwig Watzal: Die echten und die falschen Juden
Das, um nur wenige Beispiele zu geben. Es wäre aber ratsam, sich mit der Gesamtheit der Veröffentlichungen Watzals zu befassen. Hier ist zu wenig Raum dafür. Ausserdem setzt das voraus, dass man selber keine Vorurteile hat und dass man sich auch mit den sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen der Antisemitismusforschung und mit der von der OSZE anerkannten Working Definition of Antisemitism der EUMC gründlich vertraut macht.

Comment
von jeshuafan jeshuafan ist gerade offline | 7.4.2008 10:11 Uhr
Nicht nur
Nicht nur "jüdische Organisationen" klagen über Watzals Verhalten, sondern auch jahrelang u.a. viele christliche Gruppen.

2 Dinge, die der Tagesspiegel unerwähnt lies:

- Ich las: Watzal ist in Israel als Besucher inzwischen zur unerwünschten Person erklärt worden

- nicht allein Watzal, vielmehr die Bundeszentrale für Politische Bildung handelt(e) höchst anti-israelisch, indem sie "Unterrichtsmaterialien" über den höchst umstrittenen Kinofilm "Paradise Now" herausgab, der das Denken und die pervertierten Überlegungen palästinensischer Selbstmordattentäter und Terroristen "sympathisch" erscheinen lies, ohne je ein Wort über die Opfer dieses Terrors zu verlieren. Nach massiven Protesten hatte die bpb diese "Unterrichtsmaterialien" zurückgezogen.

Es ist skandalös, daß sich so eine wichtige öffentliche Organisation wie die bpb solche Dinge leistet und nachdem die Kritik schon so lange auch an Watzal anhält, nicht selbst in Lage ist, arbeitsrechtliche Schritte zu unternehmen.
Comment
von emmett emmett ist gerade offline | 16.7.2008 21:18 Uhr
Wer ist ein Gegner der Juden?
Als Sohn deutsche Juden und gebürtiger Palästinenser ist es mir wichtig für Wahrheit und Gerechtigkeit zu arbeiten. Die Anklagen gegen Dr. Watzal deuten nicht auf der Suche nach Wahrheit u. Gerechtigkeit. Dr. Watzal ist ein grosser Freund der Juden, gerade weil er die Verbrechen die im Namen des Judentum begangen werden, aufzeigt, u.a. die Wahrheit über die ethnische Säuberung in meiner Geburtsheimat (Al Naqba), wo die Zionisten ca. 750.000 Palästinenser mit Gewalt aus ihrer Heimat gejagt hatten und ihre Dörfer mit Bulldozern vernichtet haben. Unter diesen Palästinenser sind auch meine Nachbarn, die bis heute nicht das Recht haben in ihrer Heimat zurückzukehren weil sie nicht jüdisch sind. Meine Mutter, aber, wurde von der deutchen Behörden aufgerufen nach dem Krieg zurückzukehren und bekam Wiedergutmachung. Das deutsche Volk ist andständig und das ist auch Dr. Watzal, die ich als Jude hochachte.

Kommentar hinzufügen Neue Community-Funktionen Richtlinien


Sie können noch Zeichen schreiben.
Kommentare werden nicht sofort angezeigt. Beachten Sie hierzu unsere Richtlinien.

Um diesen Beitrag absenden zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Benutzername  
Passwort  
     
Sie haben noch keinen eigenen Account? Dann bitte
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername:
gewünschtes Passwort:
Wiederholung Passwort:
Email:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wie viel ist 1 + 2 = 


Anzeige
Weitere Themen

Bafögsätze sollen steigen Lesezeichen hinzufügen

Die Bundesregierung will zum 1. Oktober 2010 das BAföG erhöhen. mehr...

Entsorgungsfragen Lesezeichen hinzufügen

Von Reimar Paul, Göttingen
Umweltschützer befürchten, das Bundesamt für Strahlenschutz könnte seinen ... mehr...

Von Nord-Wasiristan bis Berlin Lesezeichen hinzufügen

Von Frank Jansen, Erfurt
Geheimdienste fürchten Anschläge im Zusammenhang mit der ... mehr...

Mehr Bafög – und 300 Euro für die Besten Lesezeichen hinzufügen

Die Bundesregierung will das Bafög erhöhen und besonders leistungsstarke ... mehr...

Mohammed al Baradei: Der Aufseher Lesezeichen hinzufügen

Von Andrea Nüsse
IAEA-Chef Mohammend al Baradei steht vor dem Ende seiner Amtszeit - klare Worte ... mehr...
Fotostrecken

Franz Müntefering (20 Bilder)

Die Feierlichkeiten zum 9. November (19 Bilder)

Das neue Bundeskabinett (16 Bilder)

Die letzten Wochen der DDR (23 Bilder)

Schwarz-gelbe Koalitionsverhandlungen (10 Bilder)

Oskar Lafontaines politisches Leben (18 Bilder)
Mauerfall 1989 - Foto: dpa
Lesen Sie hier persönliche Geschichten aus dem Wendejahr