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DDR-Vergangenheit

Eine offene Wunde bis zur letzten Instanz

Gregor Gysi und die Söhne von Robert Havemann und Rudolf Bahro erinnern sich an die Vergangenheit – jenseits der Aktenlage.
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Drei Sühne berühmter Väter:Andrej Bahro (r), Gregor Gysi (M) und Florian Havemann (l). - Foto: dpa
Berlin -  Manchmal muss Gregor Gysi in die letzte Instanz. In seinem Lieblingslokal gibt es alles, was der Anwalt braucht: Vom "Plädoyer“ bis zur "Urteilsverkündung“. So heißen die Gerichte im Restaurant "Zur letzten Instanz“, der angeblich ältesten Berliner Gaststätte im Osten der Stadt. Gysi bestellt das „Beweismittel“ – Kohlroulade mit Püree. Er sitzt erstmals mit den Söhnen seiner berühmtesten Mandanten, den inzwischen gestorbenen DDR-Dissidenten Rudolf Bahro und Robert Havemann, zusammen.

Es geht um seine Rolle als Rechtsanwalt in der DDR und den Vorwurf, er habe vor 30 Jahren als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi seine Klienten verraten. So wenig seine Gegner das belegen können, so schwer ist es für den Bundestagsfraktionschef der Linken zu beweisen, dass er nicht für die Stasi gearbeitet hat. Die Leiterin der Stasi- Unterlagenbehörde, Marianne Birthler, sagt, Gysi habe „willentlich und wissentlich“ für die Stasi gearbeitet. Weggefährten berichten, kaum etwas treffe Gysi so schwer in seiner Würde und Berufsehre wie dieser Vorwurf. Eine offene Wunde.

Debatte setzt Gysi schwer zu


Der 60-Jährige deutete in einer denkwürdigen Parlamentssitzung Ende Mai an, dass die seit Jahren andauernde Debatte ihm gesundheitlich geschadet habe. Der sonst so begnadete Redner las vom Blatt ab, musste mehrfach schlucken.

Mandantenverrat. Florian Havemann versucht nicht, die Geräuschkulisse im vollen Lokal zu übertönen. "Bei Mandantenverrat müsste ein Strafverfahren eingeleitet werden“, sagt der 56-Jährige, der Laienrichter am Verfassungsgericht Brandenburg ist. "Es hat aber nie einen Prozess gegen Gysi gegeben.“ Fakt sei, dass es seinem Vater besser und nicht schlechter erging, nachdem Gysi das Mandat übernommen hatte: Die Repressalien gegen den Staatsfeind Nummer eins der DDR ließen nach, der Hausarrest wurde ausgesetzt, es gab keine Strafverfahren mehr. Worin also bestehe der Verrat?

Havemann:  "Gregor Gysi war für ihn ein Mittler, ein Diplomat"

Havemann sagt: „Für meinen Vater war Gysi der Sohn von Klaus Gysi. Mein Vater wollte einen Deal mit der Parteiführung. Er hatte in dieser Zeit des Kalten Krieges auch Angst um seine DDR, mit der er sich völlig identifizierte. Er wollte Honecker wissen lassen, dass er seine Kritik an der DDR zurückfahren werde.“ Sein Vater habe gehofft, über Gysis Vater, Staatssekretär für Kirchenfragen in der DDR, zu den Oberen Kontakt zu bekommen. – ein sehr erfolgreicher“, sagt Florian Havemann.

Gysi bestätigt nur, dass es ein Gespräch zwischen seinem Vater und dem DDR- Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker gegeben habe. „Auf Bitten Havemanns.“ Worum es ging? Schweigen. Er beruft sich auf seine Schweigepflicht als Anwalt. Aber es gebe keine Wahrheiten, vor denen sein Vater heute geschützt werden müsse, sagt der Sohn. Gysi sagt, der Bruch der Schweigepflicht sei strafbar.

"Zu glauben, es wäre so gewesen, wie es in den Akten steht, wäre abgrundtief falsch“, sagt Florian Havemann. Er kennt die Methoden: Als 16-Jähriger saß er 1968 vier Monate in Haft, weil er gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings protestiert hatte. In den Stasi-Unterlagen seien Protokolle von Gesprächen zu finden, die so nie geführt worden seien, sagt er. "Die Stasi produzierte Akten. Alles im Stasi-Deutsch formuliert, davon nicht ein Wort, wie man es selbst gesagt hat.“

1971 floh der Sohn des Regimekritikers in den Westen, weil er das System nicht mehr ertrug. Den Segen des Vaters bekam er nicht. "Er hatte immer an den Sozialismus geglaubt. Ich nicht mehr.“ Es blieb ein unversöhnlicher Abschied. Seinen Sohn sah Havemann nicht wieder.

Gysi setzte sich für die Ausreise von Andrej Bahro ein

Für Andrej Bahro trägt seine letzte Begegnung mit der DDR den Namen Gysi. Dieser Tag im Oktober 1979 hat sich bei ihm eingebrannt: Volkspolizisten bringen den 17-Jährigen in Prenzlauer Berg aufs Amt. Stahltüren schlagen hinter ihm zu und er fürchtet, sie werden sich nie wieder öffnen. Stunden später nehmen ihm Stasi-Leute in schwarzen Ledermänteln alle Ausweise ab. Familie Bahro kann ausreisen. In abgedunkelten Fahrzeugen werden der Vater, die Mutter mit den Kindern und die Freundin des Vaters zur Grenze gefahren. Anwalt Gysi begleitet den Mandanten im ersten Wagen. Dann steigt er aus. Die Kolonne fährt zu einer Lichtung. Andrej Bahro glaubt, dass sie nun erschossen werden. Aber sie bekommen Verpflegungspakete. Er rührt sie nicht an, denn nun ist er sicher, sie werden vergiftet. Das Picknick soll aber nur Zeit überbrücken: Der Zug in den Westen ist noch nicht da, die Bürger der DDR sollen den von der SED gehassten Dissidenten nicht sehen. Wenig später wird die Familie von Journalisten in Helmstedt umringt.

Gysi sagt, er habe damals eine speziell auf Bahro und einen weiteren Mandanten gemünzte Amnestie zum 30. Jahrestag der DDR erwirkt. "Die Kunst bestand darin zu sagen, dass es auch der DDR schadet“, sagt er – die Partei vermerkte, dass "man besser rechtzeitig versuchen sollte, in die BRD abzuschieben“. Bahro wollte in den Westen. "Und ich wusste, über Bahro entscheidet Honecker selbst.“

Am 30. Mai 2008 sieht Andrej Bahro in seiner Bremer Wohnung die Liveübertragung der Aktuellen Stunde im Bundestag zu Gysi. Er sagt, dies sei eine der schlechtesten Stunden der Demokratie gewesen, ein Tribunal. Seine eigene Stasi-Akte hat er nie gelesen: „Sind so viele falsche Angaben.“ Deshalb interessiere ihn die Stasi-Unterlagenbehörde nicht. Kristina Dunz, dpa



(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 18.08.2008)
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Kommentare [ 11 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von teufelsabbiss teufelsabbiss ist gerade offline | 18.8.2008 6:36 Uhr
Das ist eine sehr naive Sicht
zu glauben, als Anwalt könne man für seine Mandanten in einem solchen Staat tätig werden ohne In Kontakt und Verhandlung mit dessen Vertretern zu treten. Da ist dann der im politischen Geschäft scheinbare und vorgeschobene Grund, es besser zu machen als nach 1945 und wo geht das leichter und für einen selbst schmerzloser als bei den alten und neuen Feinden, den Sozialisten und Kommunisten.
Die eigenen familiären Verstrickungen in die Nazizeit mag auch heute noch kaum jemand anschauen. Dafür treibt man lieber Vergangenheitsbewältigung bei den Anderen.
Um nicht missverstanden zu werden, auch die Stasi- Geschichte muss vor allem in den Familien bearbeitet werden, aber was hier passiert am Beispiel Gysi ist ein selbstgerechtes Tribunal, dass einen intelligenten und eloquenten Gegner niedermachen soll.
Und das von Parteien, die ihre Blockflöten ohne große ethische Probleme aufnahmen.
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von unbekannt | 18.8.2008 9:35 Uhr
Langsam entwickle ich Verständnis
dafür, dass Günter Grass so lange gewartet habe, bis er seine jugendliche Nazi-Vergangenheit in aller Öffentlichkeit und Ausführlichkeit gebeichtet hat. Irgendwann zählt der Gesamteindruck eines Lebens, auch wenn es hier und da möglicherweise eine mehr oder weniger große Verfehlung gegeben haben mag.

Bei Gysi wird man sich irgendwann fragen müssen, wie groß sein Beitrag zur Integration vieler Ostdeutsche in die westdeutsche Demokratie gewesen ist und wie sehr er unser Gemeinwohl gefördert hat. Vor diesem Hintergrund wird sein Handeln in den Grauzonen eines Unrechtsstaates zunehmend uninteressant, es sei denn, Mandantenverrat würde ihm tatsächlich noch nachgewiesen.
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von ameland ameland ist gerade offline | 18.8.2008 13:09 Uhr
Wohl tuend!
Der Weg der Wahrheit ist schwierig, wenn bezahlte Leute im Dienstauftrag laufend und immer wieder Steine in den Weg legen. Da ist dann solch ein Artikel sehr sehr wohl tuend. Ein Danke! allen an diesem Artikel Beteiligten.
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von michaelkuss michaelkuss ist gerade offline | 18.8.2008 15:35 Uhr
Die Stasi hat Gysi gehasst...
...weil er und sein Vater - an der Stasi vorbei - gute Drähte direkt nach oben hatten und die Firma Horch und Guck somit umgehen konnten. Das gefiel den Kameraden überhaupt nicht. Da es aber auch im Stasi-Gefüge keine geschlossene Integrität, sondern unterschiedliche Interessen und Richtungen gab, müsste sich heute doch wenigstens EIN ehemaliger Stasi-Mitarbeiter finden, der die Angaben Frau Birthlers bestätigt; und sei es nur, um Gysi nachträglich etwas heimzuzahlen.
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von yogi1954 yogi1954 ist gerade offline | 18.8.2008 16:51 Uhr
das ist ja das Elend der Dame Birthler:
weder sie noch sonst jemand wird Beweise haben - also wiederholen sie ihr Gesülze. Irgendjemand wird's schon glauben.
Nur sind wir nicht (alle) so blöd, wie die es gerne hätten.
Gregor ist seit geraumer Zeit sicher nicht mehr mein politischer Freund - aber es geht ja nicht nur um Herrn Gysi.
Es geht gegen LINKS allgemein.
Weil man den Wandel bemerkt, werden alljährlich die ollen Kamellen aufgelegt; sei es zum 13.August, zum 17.Juni und...und...und.

Schön, hier zu lesen, dass es nicht mehr wirkt.
Danke, lieber Tagesspiegel.
Comment
von nowi nowi ist gerade offline | 18.8.2008 18:15 Uhr
Unrecht bleibt Unrecht
Lieber yogi1954 und Genossen,

was Sie hier als olle Kamellen bezeichnen, wie Mauerbau und Niederschlagung des Volkaufstandes in der SBZ waren Verbrechen gegen das eigene Volk, daran können auch Sie mit Ihren fortwährenden Verharmlosungen und Leugnungen nichts ändern. Ein Staat, der es nötig hat, seine eigenen Bürger einzusperren und durch Selbstschussapparate und Schießbefehl an der Flucht zu hindern, hat sich selbst das das beste Zeugnis ausgestellt.
Aber eine gute Nachricht für Sie und Ihre Genossen: Es gibt keine Mauer oder sonstigen Maßnahmen mehr, die Sie an der Ausreise hindern - Sie können die BRD jederzeit verlasssen und Ihr Glück in einer Sozialistischen bzw. Kommunistischen Diktatur Ihrer Wahl machen.

Mit freundlichen Grüßen
Comment
von dali dali ist gerade online | 18.8.2008 18:50 Uhr
Und da macht dann @nowi gleich mit,
da erselbst ja nicht darauf verzichten kann, den von stasiesken Zonendödeln kreierten Kurznamen für unseren Staat benutzt.
Auch zeitigt nowis letzter Satz, dass er in seinem Denken noch immer nicht weit von dem kältester Krieger entfernt ist.
Wer ist gehindert, einen sozialistischen Staat, so er unsere Verfassung nicht beeinträchtigen will, in Deutschland zu errichten?
Möge sich nowi eine Staat suchen, wo das NICHT möglich ist, ich könnt da den einen oder anderen afrikanisch, asiatischen oder südamerikanischen Staat empfehlen.
Ich weiß aber, wo nowis Irrtum her ist,
er verwechselt Sozialismus mit den leninschen Theorien, stalinistischer Prägung deren verdrehte Kleinbürgerausführung die DDR war,
und vergisst,
dass sämtliche Versuche demokratischen Sozialismus zu etablieren (Tschechoslowakei, Chile, Italien usw.),in Blut und Gewalt ersoffen wurden,
ich sag's ja,
kalte Krieger wissen nur zu gut,
was sie wollen
und wie man es durchsetzt...
Comment
von nowi nowi ist gerade offline | 18.8.2008 21:11 Uhr
Demokratischer Sozialismus
Lieber dali,

offenbar haben Sie übersehen, dass der Sozialismus bisher überall gescheitert ist, ob er sich nun demokratisch nannte oder nicht - schließlich war ja die DDR die Deutsche DEMOKRATISCHE Republik und Wahlen gab es sogar auch. Mit Herrn Gysi haben wir dann ja den richtigen Kandidaten, der nun auch bei uns den demokratischen Sozialismus einführen kann, und es hat niemand die Absicht, eine Mauer zu errichten - oder mißliebige Personen einzusperren, oder willkürliche Enteignungen vorzunehmen, oder, oder, oder...

Pioniere, seid bereit! Immer bereit!
Comment
von dali dali ist gerade online | 19.8.2008 12:14 Uhr
Sowas kann nur jemand sagen ,@nowi
der in seinem Leben bisher weder Marx noch Engels, gar Luxemburg, um von den modernen Italiener und Franzosen erst gar nicht zu reden, in der Hand, gar gelesen hat.
Der Biedermeier-Pseudo-Sozialismus, den die DDR verkörperte, hat mit den Genannten jedenfalls nichts zu tun.
Auffällig ist aber, dass vor lauter Unsicherheit nowi gleich auf die DDR eindreht, statt tatsächlich auf Prag, Santiago oder Rom sich zu beziehen,
wo die jeweils einschlägigen Mitglieder Privatclubs mit Vollstreckungsberechtigung oder gleich mit Panzern die Dinge geregelt haben, die wohl möglich in Freiheit UND Sozialismus hätten enden können...
Comment
von commentator commentator ist gerade offline | 19.8.2008 11:10 Uhr
@nowi
"Mit Herrn Gysi haben wir dann ja den richtigen Kandidaten, der nun auch bei uns den demokratischen Sozialismus einführen kann ..."
@ nowi
Ja das wäre mal interessant. Wir hatten zwar schon Sozialismusse, die sich demokratisch nannten, aber einen der es wahrhaftig WAR, noch nicht wirklich.

Im Übrigen ist der Kapitalismus bisher auch überall gescheitert. Eben gerade ist er mal wieder dabei.
Vielleicht liegt das auch an der DieMenschenDraussenImLande-Kratie.
Comment
von dali dali ist gerade online | 19.8.2008 13:48 Uhr
Nee, nee @commentator,
der Kapitalismus als ökonomisches System kann NIE scheitern, sogar in Marx' Krisen nicht,
wohl aber kann er als soziale Ordnung scheitern und das er das kann,
hat er, somit comm zustimmend,
schon mehrmals bewiesen...

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