Schon vor dem Geiseldrama im Jemen galt Bekehrung in der christlichen Entwicklungshilfe als überholt.
Berlin - Trotz erster Hoffnungssignale aus dem Jemen herrscht noch Ungewissheit über das Schicksal der verschleppten Familie aus Deutschland und des mit ihr entführten Briten. Eine Debatte um den Charakter christlicher Hilfseinsätze und missionarischer Motivation hat jedoch schon eingesetzt. Die katholische Organisation Mission auf Zeit (MAZ) betrachtet den Bekehrungsansatz in der Missionsarbeit als veraltet. „Menschen in anderen Kulturen zu bekehren, ist überholt“, sagte Anja Dirks von MAZ. Die Arbeitsgemeinschaft katholischer Ordensgemeinschaften schickt etwa 300 Helfer pro Jahr ins Ausland, etwa in Kinderheime, Krankenhäuser oder Altenheime. In der Arbeit gehe es darum, „mit den Menschen zu leben und voneinander zu lernen“, sagte Dirks. Wer in ein Land wie den Jemen gehe, um zu bekehren, verfehle oft das Ziel der Hilfe. „Wenn man länger in einem anderen Land lebt, kommt man aber eigentlich selbst davon ab, jemanden bekehren zu wollen.“ Allerdings gebe es deshalb Auseinandersetzungen mit Missionen anderer Glaubensrichtungen, besonders mit evangelikalen.
Auch der Evangelische Entwicklungsdienst (EED) weist den missionarischen Ansatz in der Entwicklungshilfe zurück. Man helfe nur bei der Bekämpfung von Hunger und Armut, sagte EED-Vorstandsmitglied Wilfried Steen dem Evangelischen Pressedienst (epd). Besonders in muslimischen Ländern müsse klar sein, dass Fachkräfte nicht missionieren. „Aber natürlich treten sie als Christen auf.“ Bei der Auswahl von Personal werde darauf geachtet, keine Abenteurer- oder Märtyrer-Typen zu vermitteln.
Die im Jemen getöteten deutschen Frauen studierten an der Bibelschule Brake und machten im Rahmen der Ausbildung zur Sozialdiakonin ein Praktikum im Jemen. Die Bibelschule ist missionarisch ausgerichtet. Der „Spiegel“ berichtete, der Krisenstab des Auswärtigen Amtes gehe davon aus, dass die Deutschen als Missionare bekannt gewesen seien. Auch in den Hinterlassenschaften der getöteten Frauen hätten Ermittler Missionsschriften gefunden. Der noch vermisste Familienvater habe wegen eines Bekehrungsversuchs im Jemen Ärger bekommen.
Die Bibelschule Brake weist Spekulationen über einen Missionsauftrag der Frauen zurück. Richtig sei vielmehr, dass sie als Praktikantinnen der niederländischen Hilfsorganisation Worldwide Services in einem humanitären Dienst in einem staatlichen Krankenhaus eingesetzt worden seien, heißt es auf der Internetseite der Schule. Der Organisator von Worldwide Services, Paul Lieverse, weist den Missionsvorwurf ebenso strikt zurück. „Unsere Arbeit besteht in medizinischer Hilfe, Hilfe für die Menschen dort“, sagte Lieverse am Montag, „das ist unsere Mission.“ Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes betonte, eine Debatte über die Missionierungstätigkeit wäre allenfalls „nach Abschluss dieser Lage“ gerechtfertigt.
In der Art, wie der Mord an den Bibelschülerinnen Anita G. und Rita S. und der Südkoreanerin Young-Sun I. verübt wurde, zeigt sich nach Ansicht des Terrorismusexperten Guido Steinberg eine mutmaßlich islamistische Gesinnung der Täter. Es erinnere an die Taliban, dass die Entführer die Frauen mit Kopfschüssen töteten, sagte der Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik. Steinberg verweist zudem auf frühere Anschläge auf Missionare: Im Dezember 2002 überfiel in der jemenitischen Stadt Jibla ein Islamist ein von amerikanischen Baptisten geführtes Krankenhaus. Der Täter erschoss drei US-Missionare und verletzte einen schwer. Einen Monat zuvor war bereits im Libanon eine amerikanische Krankenschwester getötet worden, die in einem Missionshospital tätig war. Im März 2004 starben im Irak bei einem Anschlag vier US-amerikanische Missionare. Im Juni enthaupteten Al-Qaida-Kämpfer im Irak einen südkoreanischen Missionar.
Gegen christliche Überzeugungsarbeit in einem islamischen Land sei grundsätzlich nichts einzuwenden, sagte Steinberg. Doch wären Missionare gut beraten, nur in einem Land tätig zu werden, in dem die Behörden Schutz anbieten können.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 23.06.2009)
Kommentare [ 18 ] Kommentar hinzufügen »
Bisher habe ich den Tagesspiegel geschätzt und ergänzend zu Zeit oder Süddeutschen als "Neuberliner" gelesen.
Mir tut es in diesem Zusammenhang immer um die Menschen leid, die die Hilfe brauchen. Denn von den Behandelten hat bestimmt keiner gefragt, ob die Krankenschwester dort wegen der guten Bezahlung oder aus einem inneren Bedürfnis heraus hilft. So wie es mir auch egal wäre, wenn mir eine Muslima mit Burka Erste Hilfe leisten würde. Aber wir leben in eigenartigen Zeiten, in denen man sich für bestimmte Meinungen offensichtlich entschuldigen soll. Ich verstehe anderes unter offener Gesellschaft. Wo bleibt die Verurteilung so plumper "Motive" zwei jungen Frauen das Leben zu rauben ?
wir europäer haben die kolonialgeschichte gut verdrängt, unser schuldbewusstsein ist schwach ausgeprägt. in islamischen ländern erinnern sich die menschen allerdings nur zu gut. wer in eine region fährt, die in der vergangenheit bis heute allzu einschlägige erfahrungen mit "dem westen" gemacht hat, muss sich des explosiven charakters einer solchen mission bewusst sein. europäer haben im nahen osten mitnichten den ruf als altruistische helfer und aus humanistischer tradition heraus aktiv zu werden!
die beiden jungen frauen sind einer christlichen legende aufgesessen. sie dachten tatsächlich, dass sie gutes tun. die entscheidung der christlichen dienste in muslimischen ländern aktiv zu sein, basiert auf machtpolitischen entscheidungen. die beiden haben das nicht gewusst.
Ist es das Betreten eines Raumes durch einen Menschen der zu einer christlichen Kirche gehört schon Mission? Wenn ja, darf er noch sagen, dass er Christ ist, oder ist dies ebenso schon unerlaubte Mission? Wo bitte beginnt Mission, die andere berechtigt an Christen die Todesstrafe zu vollziehen?
Haben die Frauen über ihren Glauben und dessen Verständis gesprochen? Ist das Verboten oder böse Mission? Darf ein Christ keine Menschen pflegen, weil das Mission ist?
Ist die kritische Hinterfragung des Begriffes Mission in einigen Köpfen noch statthaft oder auch bald verboten?
Darf ein Mensch, wenn er Christ ist, seine Glauben nicht öffentlich erklären, so wie es Moslems, Buddhisten oder Atheisten zusteht?
In vielen moslemischen Ländern ist es ja schon verboten, überhaupt eine Bibel mit im Gepäck zu haben- die könnte man womöglich an Einheimische austeilen und sie so bekehren...Was für Ängste müssen Religionsführer und Staatsleute haben, wenn sie solche Verordnungen erlassen!
Einerseits dürfen Christen Krankenhäuser betreiben, andererseits müssen sie über ihren Glauben schweigen - das ist Ausbeutung und Bevormundung von billigen Hilfskräften.
Ich bitte doch um eine etwas pietätvollere Berichterstattung bezüglich dieses brutalen Mordes an zwei jungen Frauen, die bestimmt nicht lauthals "missioniert" haben und die für ihre Hilfe an andersgläubigen Mitmenschen so grausam hingerichtet wurden.
einerseits Handeln aus christlicher Nächstenliebe
und Mission.
Mission war und ist seit Paulus ein gefährliches Geschäft, an das, so man Mission überhaupt für sinnvoll erachtet, sicher keine jungen Menschen gelassen werden sollten.
Es dennoch zu tun, ist unverantwortlich.
Andererseits ist es natürlich schändlich, Menschen ihres Glaubens wegen zu ermorden,
noch schlimmer aber ist es (so sich die Berichte über al Kaida bestätigen), Menschen aus "taktischen" Gründen "um ein Signal zu setzen" zu ermorden.
Diese unterschiedlichen Themen zu vermengen ist nicht nur unzulässig, sondern zutiefst verachtenswert...
(Zitate: www.bibleserver.com)
Und natürlich ist es falsch, jemanden zu ermorden, nur weil er missioniert. Die freie Meinungsäußerung ist ein Menschenrecht, ohne wenn und aber. Auch wenn missionarische Besserwisserei normale Menschen entsetzlich nerven kann. Die mehrheitlich agnostischen bzw. atheistischen Berliner haben es zuletzt beim Ethik-Volksbegehren friedlich ertragen.
Immerhin haben die Christen seit den Kreuzzügen einigermaßen gelernt, ihrem Auftrag nicht mehr mit Feuer und Schwert nachzugehen, von Ausnahmen wie etwa christlichen Abtreibungsgegnern in den USA einmal abgesehen, die gerne mal Andersdenkende erschießen, und auch in Europa war (ist?) es z.B. in diakonischen Kinderheimen gute Sitte, Kinder zu foltern. Den Moslems steht dieser zivilisatorische Erkenntnisprozess noch bevor, wenngleich er schwieriger mit dem Koran vereinbar sein wird, wird doch darin wortwörtlich die Ermordung der Ungläubigen (Kafir) gefordert (z.B. Sure 9, Vers 5: "Erschlaget die Götzendiener, wo ihr sie findet, und packet sie und belagert sie und lauert ihnen in jedem Hinterhalt auf").
Christliche Nächstenliebe beruht ja auf der Überzeugung, dass der christliche Gott alle Menschen lieb hat, auch Muslime und Buddhisten, und geschieht aus einer gewissen vermessenen Großzügigkeit, beim Helfen den anderen Menschen ein wenig von dieser Liebe zu "schenken".
Ich bin der Überzeugung, dass Nächstenliebe keinen Gottglauben braucht. Genausowenig hat christlich dominierende Hilfe in Gebieten anderer Religionen zu suchen. Und ich habe große Schwierigkeiten damit, wenn hier die Meinung herrscht, dass christliche Nächstenliebe als besonders schützenswert oder gar "heilig" gilt.
An riegel: "Ja was in ihren Augen Christen eigentlich öffentlich noch verlauten dürfen." - Christen sind keine Menschen, die besonders Recht auf Meinungsäußerung haben. Es gehört zu den Grundsätzen unserer bundesdeutschen Verfassung, dass die Religion eben keine Rolle spielt. Obwohl natürlich Jahrzehnte Christlich Demokratische Union dem ganzen eine verfälschte Färbung geben.
Man möge mich korrigieren, aber meines Wissens trifft dies zumindest auf das Judentum nicht zu. Die Juden halten sich zwar für das auserwählte Volk, leiten davon jedoch keinen Missionsbefehl wie etwa Christen oder Moslems ab. Ein Jude kann nur werden, wer eine jüdische Mutter hat.
Und sie behaupten: [i]"Christen sind keine Menschen, die besonders Recht auf Meinungsäußerung haben."
Widerspruch, Euer Ehren. Spätestens seit der UN-Menschenrechts-Charta hat jeder Mensch, also selbst ein missionierender Christ, "besonders Recht auf Meinungsäußerung". Ihre Behauptung klingt mindestens sehr mißverständlich.
Auch Ihr Hinweis "Es gehört zu den Grundsätzen unserer bundesdeutschen Verfassung, dass die Religion eben keine Rolle spielt" stimmt (leider) nicht. Man bedenke nur die besondere Stellung des Religionsunterrichtes in Schulen bzw. die eben gerade nicht konsequente Trennung von Kirche und Staat (Kirchensteuer etc.), dazu braucht es die CDU noch nicht einmal. Es ist vielmehr so, daß die CDU ihrem moralisch hohem Anspruch durch das freiwillig gewählte "C" im Namen überhaupt nicht gerecht wird (denn dann würde sie kaum noch gewählt werden), aber das ist ein anderes Thema ...
Es hilft niemandem, die Religionen schönzureden. Wir müssen uns gerade mit ihren unbequemen und aggressiven Inhalten auseinandersetzen, wenn wir begreifen wollen, warum so viel Leid in ihrem Namen geschieht, warum Integration nicht gelingt (oder eher: nicht gelingen kann). Der erste Schritt wäre, überhaupt erstmal über die Religionen besser Bescheid zu wissen.
volle Zustimmung!
@fritz, berliner
hilfreich wäre an dieser stelle eine diffenzierte kritik und nicht dieses pauschale "christen-bashing". Das wird dem thema nicht gerecht und hilft nicht weiter. Soviel zum Thema "Vermengung".
Da drückt man dann doch gerne bei jenen so provozierten und ach so toleranten und friedensliebenden Islamisten, die sie abschlachteten, ein Auge zu . . .
Widerlich!
Das eine ist der verabscheuungswürdige Mord an zwei jungen Frauen durch verhetzte Moslems.
Das andere ist die abgrundtiefe Dummheit, sich in eine solche Situation zu begeben.
Natürlich sind die Frauen selbst Schuld an dem Schicksal, das sie ereilt hat. Was denn sonst?
Ein junger Mann läuft in die Stammkneipe der Hells Angels, verteilt Aufklärungsmaterial der Polizei und propagiert zuletzt die Homosexualität.
Dann bekommt er folgerichtig was aufs Maul.
Keine Mitverantwortung? Keine "Schuld" an der erlittenen Unbill?
@muttern
Jetzt wird den beiden jungen Frauen aus der Bibelschule indirekt noch vorgeworfen, sie hätten ihren Tod quasi selbst verschuldet.
In vielen moslemischen Ländern ist es ja schon verboten, überhaupt eine Bibel mit im Gepäck zu haben-
Ja genau, Muttern, und weil jeder Mensch das weiß, sind diese bedauernswerten Frauen selbst schuld an ihrem Tod. Das ändert nichts daran, dass Mord Mord bleibt.
Welcher Staatsanwalt fragt einmal nach der Schuld dieser Lehrer?
Das tun Christen weil Gott jeden Menschen liebt - und auch uns zum Lieben auffordert.
Ein solcher Glauben, der uns menschlich handeln lässt, ist es auch wert, dass Menschen mehr von ihm erfahren. Mission heisst dann nichts weniger als die guten Erfahrungen mit Gott weiterzugeben: Hilfe anbieten, Frieden stiften und Gottes Liebe weitersagen...