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Joseph Stiglitz

"Wir brauchen eine Reservewährung“

Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über Reformen des globalen Finanzsystems.
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Joseph Stiglitz: "Eine Reform der Finanzregulierung wird kommen". - Foto: dpa
Sie haben schon lange vor schweren Verwerfungen im globalen Wirtschaftssystem gewarnt. Hat die Krise Sie dennoch überrascht?

Was die Makroökonomie angeht, würde ich schon sagen, dass ich ins Schwarze getroffen habe. Im Finanzsektor hatte ich auch einen großen Teil der Probleme identifiziert, etwa die Schwierigkeiten mit den Subprime-Krediten oder den Derivaten. Aber mir war nicht klar, in welchen Größenordnungen da gezockt wurde. Bis heute kann ich nicht ganz verstehen, was für irrsinnige Summen da verschwunden sind.

Sie leiten ein Expertengremium der Vereinten Nationen, um Konzepte für die Reform der internationalen Finanz- und Wirtschaftsordnung zu entwickeln. Die ersten Vorschläge werden diese Woche präsentiert. Was fordern Sie?

Zu den Kernvorschlägen gehört die Einrichtung von drei neuen Institutionen: Erstens brauchen wir eine neue globale Kreditorganisation, die besser funktioniert als derzeitigen Institutionen.

Sie meinen vor allem den Internationalen Währungsfond (IWF), dessen Vergabepraktiken Sie seit Jahren kritisieren, weil nicht nur ökonomische, sondern auch politischen Motive dahinter stecken?


Ja. Zweitens sollten wir einen weltwirtschaftlichen Lenkungsausschuss gründen. Unsere Idee wäre, dass man das evolutionär umsetzt. In der ersten Phase würde man ein wissenschaftliches Gremium etablieren, das Konzepte erarbeitet und die Diskussion steuert, vergleichbar etwa mit dem Zwischenstaatlichen Ausschuss für Klimawandel. Der nächste Schritt wäre dann die Gründung einer politischen Institution, die politischen Konsens herzustellen versucht.

Und der dritte Vorschlag?


Drittens benötigen wir ein neues globales Reservesystem. Das derzeitige System, das auf dem Dollar basiert, hat fundamentale Mängel, und wenn wir mit zwei oder drei Währungen arbeiten würden – also Dollar, Euro und Yen – wäre das womöglich noch unstabiler. Deswegen brauchen wir eine globale Reservewährung – ein Vorschlag, den übrigens schon Keynes gemacht hat.

Ihr Bericht erscheint eine Woche vor dem Gipfeltreffen der G20-Regierungschefs in London. Könnten ihre Vorschläge dort bereits umgesetzt werden?

In London wird nichts Konkretes wie etwa ein Rahmenwerk für die Kontrolle der Finanzmärkte beschlossen werden. Tatsächliche Fortschritte sehe ich nur in zwei Bereichen: Im Umgang mit sogenannten „unkooperativen Finanzzentren“, also den Steuerparadiesen wie Schweiz, Lichtenstein oder Monaco, wird etwas passieren, wenngleich auch nicht so viel, wie manche sich wünschen würden. Außerdem wird der IWF mehr Geld bekommen, was für Länder wie Ungarn, die dringend Finanzhilfen brauchen, von großer Bedeutung ist.

Aus Ihrer Sicht finanziert die Weltgesellschaft in Zeiten der Krise also ausgerechnet die Institution, die Sie eigentlich entmachten wollen?

Die Entwicklungsländer sind mit der gegenwärtigen Situation nicht zufrieden und es ist fraglich, inwieweit sie bereit sein werden, sich beim IWF weiter Geld zu leihen. Aber die USA wollen am IWF festhalten, weil sie ihn ja kontrollieren.

Scheitern die notwendigen Reformen wieder einmal an politischen Machtkämpfen?


In gewisser Weise stehen wir wieder vor dem gleichen Problem wie in den Neunzigern: Mitten in der Asienkrise wurde viel darüber geredet, wie sich die globale Finanzarchitektur verändern müsse, aber irgendwann war das Schlimmste vorbei und nichts passierte.

Müsste die Krise noch schlimmer werden?

Einer meiner Kollegen meint, dass die Krise noch bis 2013 anhalten müsse, damit die Leute endlich sagen: So, jetzt sollten wir uns aber wirklich an grundsätzliche Reformen machen. In Wirklichkeit ist die Sache natürlich ein wenig komplexer. Eine Reform der Finanzregulierung wird auf jeden Fall kommen - die Frage ist nur, wie tief sie gehen wird.

Glauben Sie, dass die neue US-Regierung wirklichen Wandel bringen kann?

Die Hoffnungen in Barack Obama sind groß, aber seine Berater sind viel zu eng mit den Finanzmärkten verbunden. Bisher läuft die Reform des Finanzsektors sehr schlecht. Allerdings sind die Amerikaner sehr wütend auf die Wallstreet, und der Druck wächst.

Als Chinas Premier Wen Jiabao kürzlich ein neues Konjunkturpaket in Aussicht stellte, schossen weltweit die Börsenkurse in die Höhe. Kann die Volksrepublik zum neuen Motor der Weltwirtschaft werden?


China hat in den letzten 30 Jahren eine gewaltige Entwicklung durchgemacht, aber das reicht bei weitem nicht aus, um den globalen Nachfrageeinbruch auszugleichen. Allerdings ist Pekings Konjunkturprogramm sehr viel besser konzipiert als etwa das amerikanische. China gibt sein Geld nicht den Banken, sondern investiert in Infrastruktur, Bildung und das Sozialsystem. Das schafft Werte für die Zukunft.

Außerdem verfügt China mit rund zwei Billionen Dollar über die höchsten Devisenreserven der Welt, die großteils in US-Staatsanleihen angelegt sind. Hat Peking damit Verhandlungsmacht, insbesondere gegenüber Washington?


Ganz so würde ich es nicht sagen. Aber China könnte mit seinen Devisen eine neue Kredit-Institution aufbauen, womöglich in der Art, wie sie unserer Kommission vorschwebt. Das könnte sogar über Nacht gehen: China müsste sich nur mit anderen ostasiatischen Ländern und Staatsfonds zusammensetzen. So könnten die Länder schnell einen Topf mit einer halben Billion Dollar zusammenbekommen, die sie dann unabhängig vom IWF verleihen könnten, nach ihren eigenen Prinzipien: Nichtintervention, Keynesianismus und so weiter.

Das Interview führte Bernhard Bartsch.

Joseph Stiglitz (66) leitet den UN-Ausschuss zur Reform der Wirtschafts- und Finanzordnung. 2001 erhielt der Ex-Chef der Weltbank den Nobelpreis. Er lehrt an der Columbia-Universität.


(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 23.03.2009)
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Kommentare [ 10 ] Kommentar hinzufügen »

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von bigtomcat bigtomcat ist gerade offline | 23.3.2009 9:47 Uhr
Reserve-Währung
Wie wär´s denn mit der guten, alten D-Mark?? Da schwirren ja noch viele Millionen in den Sparstrümpfen und unter den Matratzen herum.

BTC
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von giselamittruecker giselamittruecker ist gerade offline | 23.3.2009 11:57 Uhr
@bigtomcat
Wie wär's mit der Mark von 1923?
Da schwirren noch viel höhere Summen herum.
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von macthepirat macthepirat ist gerade offline | 23.3.2009 12:55 Uhr
Vorschlag Reserve-Währung
die D-Mark hätte ich auch vorgeschlagen, die 1923-Milliarden Mark ist höchstens dazu tauglich an die AIG-und Hypo-Manager ausgezahlt zu werden. Der höchste Bonus aller Zeiten. Wertloses Papier für wertlose Arbeit!!!

Ein Teil der obigen Vorschläge klingt für mich Laien der Hochfinanz so als wolle man den Teufel mit dem Beezelbub austreiben.... Ein Gremium durch ein anderes ersetzen, politische Steuerung... in meinen Augen alles Nonsens. Weniger Bürokratie und mehr gesunder Menschenvertand. Eine Bank leiht sich von der anderen Geld und hat dafür keine Sicherheiten??? Die Gebrüder Rothschild etc rotieren in ihren Gräbern...
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von stefano1 stefano1 ist gerade offline | 23.3.2009 15:32 Uhr
Reisbank
Letztens las ich irgendwo (hier?) von einer Reisbank im indischen Raum. Die Bank leiht Bauernfamilien in der Zeit, während der ihr gesähter Reis noch wächst, Reis zum Essen. Wenn die Ernte eingefahren ist, wird der Reiskredit mit einem geringen Zinssatz zurück gezahlt. Seitdem hungerte niemand mehr, und die Produktivität stieg um ein zig-faches an. So etwas verstehe ich (Laie), und es macht mir keine Angst. All diese Weltbank-Geschichten dagegen bewegen sich für mich einerseits in zu schwindelerregende Höhen und riskieren damit das Leben von Millionen von Menschen, andererseits blicken die Wirtschaftsexperten selber nicht durch, was sie machen.
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von lw lw ist gerade offline | 23.3.2009 18:24 Uhr
Goldstandard
Wie wäre es denn mit dem Goldstandard oder der Pflicht, daß ein Teil der Währung mit Gold gedeckt werden müßte? Das paßt natürlich den Politikern nicht, weil dann die Geldmenge und Kredite nur sehr begrenzt ausgeweitet werden könnte.
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von bigtomcat bigtomcat ist gerade offline | 24.3.2009 21:48 Uhr
@lw
..und außerdem kann man sein Manager-Jahresgehalt von 20 + Millionen plus Bonus nicht mal eben im Handschuhfach in die Schließfächer von Liechtenstein transportieren.
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von klaus_weiss klaus_weiss ist gerade online | 24.3.2009 21:53 Uhr
Reservewährung? Ersatzwährung? Neue Währung?
Gegenwärtig verfolgen Fed und Obama parallel Ziele, die sie unabhängig voneinander mit Billionensummen zu erreichen gedenken; im Gegensatz zur Bundesbank darf die Fed selbst Geld ausgeben, ohne vorher fragen zu müssen.

Auf diese Weise ist lt. Hodges die Verschuldung der USA auf gigantische 57.000.000.000.000 Dollar angewachsen, davon allein um 4.000.000.000.000 Dollar in den letzten sechs Monaten. Der größte Kunde der US-Schuldverschreibungen ist dabei die Bank of China. Im Prinzip könnte die festlegen, an welchen Tagen und zu welchen Zeiten das Weiße Haus für die Führungen geöffnet ist. Was aber, wenn Privatinvestoren merken, daß der große Reibach nicht mit US-Treasury Bonds zu machen ist, sondern in anderen Ländern größere Profite locken? Dann bleibt die Administration in Washington auf ihren faulen Assets sitzen, es droht Zahlungsunfähigkeit -- und der Dollar bricht zusammen. Schon heute fordern Medwedjew und -- ein Schelm, wer Böses dabei denkt -- die Chinesen eine Interimswährung zur Verrechnung internationaler Geschäfte. Beide Länder bemühen sich seit einiger Zeit in multilateralen Verhandlungen (Iran, Brasilien, Japan) um die Ersetzung des Dollar im Wirtschaftsverkehr zwischen den jeweils verhandelnden Nationen. Es wird zum Sturm geblasen.
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von nyarlat nyarlat ist gerade offline | 26.3.2009 1:26 Uhr
Es ist völlig
legitim das zwei Staaten, die den Amis jahrelang Kredit für ihren blödsinnigen Konsum gegeben haben, böse werden, wenn durch den Neudruck von Geld, die Währung entwertet wird.
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von nyarlat nyarlat ist gerade offline | 26.3.2009 1:23 Uhr
Wer es wußte und nicht gehört wurde
Was uns (Arbeitern und Angestellten) droht ist Arbeitslosigkeit, Geldentwertung durch Inflation, Entwertung der Renten durch Inflation, Rezession.
Und das alles weil keiner die Amis gewarnt hat das 0% Kreditzins plus Deregulierung und zurückfahren des Eigenkapitals in den Ruin führen.

Für die Reichen war es ja auch schön. Wer regelmäßig Geld in echten Wertgegenständen wie Grundstücken, Gold und Fabriken angelegt hat der ist fein raus. Die besitzende Klasse von 10% unserer Bevölkerung kann auch eine Inflation verkraften.

Vorsicht aber wenn die Dumme Bevölkerung das mitkriegt! Es gab auch schon Französische Revolutionen. Und die ging für den Adel nicht gut aus. Aber die Kanzlerin hat das ja wenigstens in Ihre Rede vorsichtig zum Ausdruck gebracht.

Wer wissen will was uns blüht sollte mal hier nachsehen:
http://www.youtube.com/watch?v=6G3Qefbt0n4
http://www.europac.net/video.asp
http://www.youtube.com/watch?v=LfascZSTU4o

Personen die die Krise begründet vorhergesagt haben
http://en.wikipedia.org/wiki/Peter_Schiff
http://en.wikipedia.org/wiki/Ron_Paul
http://en.wikipedia.org/wiki/Marc_Faber

Es gibt noch mehr Leute aus dem Gewerbe der Börsenhändler die das ähnlich sahen, aber auf die niemand hören wollte.
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von unbekannt | 26.3.2009 10:47 Uhr
Man sollte die Banken pleite gehen lassen
Die Banker und ihre Kunden müssen die volle Veranwortung für ihr verantwortungsloses Tun in vollem Umgang zu spüren bekommen, sonst ändert sich im Denken gar nichts. Der Staat richtet es nun und das ist ein Fehler.

Der Staat, also "wir", sollte eigene neue Bürgerbanken gründen und in diese die Hilfsmilliarden geben. Diese neuen Banken können dann die Aufgaben übernehmen, die zu tun sind und hier können sich keine Manager und Vorstände Millionen-Boni genehmigen.

Statt Abwrack-Prämien müsste es Innovations-Prämien geben! Es sollten jetzt Werte für die Zukunft geschaffen wertden. Beonders in Infrastuktur, Energie und Bildung. Nur dann kämen "wir aus der Krise besser heraus als wir hineingegangen sind" (Bundeskanzlerin).

Aber man doktert mit den selben Leuten und denselben Instituten und demselben Denken an einer "Rettung" herum. Wer rettet uns vor Egoisten und Spekulanten und Anlageberatern?

Warum werden keine neuen Banken gegründet, die sauber starten und mit dem Staat zunächst im Rücken, der Wirtschaft eine neue Richtung und erfolgreiche Zukunft ermöglichen?

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