[Kommentare: 9]

Im BLICK

Jesus ohne Schmerz

Jost Müller-Neuhof über Europa nach dem Kruzifix-Urteil
Anzeige
Bild vergrößern
Ein unterschätztes Gericht hat sich diese Woche in Erinnerung gebracht. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg hat ein Kruzifix aus einem italienischen Klassenzimmer verbannt. Es sei, heißt es, schlicht nicht zu begreifen, wie ein klar mit dem Katholizismus verbundenes Symbol dem „erzieherischen Pluralismus“ in einer demokratischen Gesellschaft dienen sollte. Schule sei kein Schauplatz missionarischer Aktivität. Italiens Regierung schäumt, der Vatikan protestiert. Österreich fragt verwirrt, was daraus folgen soll. Und in Deutschland beruhigen die Katholiken: Wir haben die Debatte hinter uns.

Haben wir? Die Lage in Bayern ist diese: Eine Lehrerin darf kein Kopftuch tragen, es wäre ein religiöses Symbol; dieselbe Lehrerin ist zugleich gezwungen, ein Kruzifix über ihrem Kopf zu akzeptieren. Eine Beschwerde gestehen ihr Bayerns Gerichte nicht zu. Nur wenn sich Schüler daran stoßen, können sie sich wehren. Und dies auch nur, weil ihnen das Bundesverfassungsgericht 1995 in seinem bislang umstrittensten Urteil das Recht dazu eingeräumt hat. Der Weg zum EGMR wäre für betroffene Lehrer jetzt aussichtsreich. Nur führt er zunächst über Karlsruhe, wovor die Kläger bislang zurückscheuten.

Für die Umrisse einer europäischen Identität ist das Straßburger Urteil wichtig. Italien bekennt sich in seiner Verfassung zum Katholizismus, Österreich etwa bindet ein Vertrag des Schulkonkordats mit dem Heiligen Stuhl an seine gesetzliche Kreuzpflicht in Klassenzimmern. Kernaussagen ihrer Verfassungen werden indirekt für menschenrechtswidrig erklärt. Die Empörung ist also nachvollziehbar. Daneben treten Länder wie Frankreich mit seiner religionsfernen Staatstradition oder Deutschland, das beginnt, eine Öffnung seines christlich geprägten Staatskirchenrechts für andere Religionen zu diskutieren. Da erscheint manchem der nivellierende Eingriff aus Straßburg als Angriff auf die nationale Souveränität.

Doch gibt es auch nationale und regionale Auswege. Die Schulen in Bayern etwa suchen selbst eine Lösung. So hängt das Kruzifix mal hinten im Klassenzimmer statt vorne, oder man einigt sich auf ein Kreuz ohne den gequälten Korpus Christi. Europas Identität würde sich dann in etwas weniger traurigen Kreuzen spiegeln. Was deutlich macht, dass sie nicht nur in Brüssel oder Straßburg geformt wird – sondern auch in der Provinz.



(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 08.11.2009)
Sie interessieren sich für dieses Thema und wollen keinen Artikel im Tagesspiegel dazu verpassen? » Informieren | » Login

Aus anderen Ressorts

Dubai:

Stunde der Wahrheit
Jahrelang sonnte sich Dubai in seiner Rolle als Traumfabrik für Superreiche. Nun wird klar: Das Emirat hat sich überhoben.

US-Kurs in Afghanistan:

Aufmarsch für den Abzug

Prenzlauer Berg:

Homophobie: Sizzla-Konzert im Kesselhaus geplatzt
UPDATE Das für heute geplante Konzert des homophoben Dancehall-Interpreten Miguel Collins ("Sizzla") im Kesselhaus ist aufgrund der massiven Proteste im letzten Moment abgesagt worden. Sizzla weigerte sich, eine Erkärung gegen Homophobie zu unterschreiben.

Kommentare [ 9 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von cyrano cyrano ist gerade offline | 7.11.2009 20:54 Uhr
@Müller-Neuhoff


Zitat von Müller-Neuhoff

Daneben treten Länder wie […] Deutschland, das beginnt, eine Öffnung seines christlich geprägten Staatskirchenrechts für andere Religionen zu diskutieren.


Deutschland hat seit der Weimarer Reichsverfassung von 1919 (WRV) kein Staatskirchenrecht mehr. Im Art. 137, Absatz 1 der WRV heißt es schlicht „Es besteht keine Staatskirche.“ Dieser und weitere das Verhältnis von Staat und Kirche regelnde Artikel der WRV (auch „die Religionsartikel“ genannt), sind in unser GG inkorporiert worden, namentlich durch den unscheinbar wirkenden Artikel 141. Eine strikte Trennung zwischen Staat und Kirche gibt es dennoch in Deutschland nicht, aber eben auch kein „Staatskirchenrecht“. Denn der zitierte Absatz 1 aus Art. 137 besagt, dass es in Deutschland keine umfassend mit staatlicher Hoheitsgewalt ausgestattete Kirche gibt, andernfalls wäre sie Staatskirche zu nennen. Gleichwohl erlaubt Absatz 6 des WRV-Artikels 137 den Religionsgemeinschaften, die Körperschaften des öffentlichen Rechts sind, auf der Grundlage landesrechtlicher Bestimmungen Steuern zu erheben. De facto mündete dies in der noch heute gängigen Praxis, dass der Staat die Kirchensteuer einzieht.
Comment
von lionfood lionfood ist gerade offline | 8.11.2009 19:35 Uhr
multireligiös
Man sollte Jesus, Mohammed und Buddha, mit missmutigem Gesicht in Aktenordner gepresst oder angetackert, auf die Tafel vorne im Klassenzimmer stellen, dann lernen die Kinder wenigstens, was passiert wenn der Staat versucht Relgion zu (ver)ordnen.
Comment
von ThomasP. ThomasP. ist gerade online | 8.11.2009 20:18 Uhr
Bedeutendes Urteil.
Das Urteil liegt den Wesen des Grundgesetzes, welches im Art.140 eben Regeln aus der deutschen Verfassung vom 11.08.1919 übernahm nicht fern.
Ich denke, das der Glaube, die Religionsfreiheit, so frei wie der Nichtglaube sein muss.
Das ist Akzeptanz und Toleranz was überhaupt erst ein SEIN in einer diesbezüglichen pluralistischen Gesellschaft ermöglicht.
Da geht es aber noch weiter. "Den Religionsgemeinschaften werden die Vereinigungen gleichgestellt, die sich die gemeinschaftliche Pflege einer Weltanschauung zur Aufgabe stellen.". So ist eine nicht religiöse Anschauung eine Weltanschauung der gleichen Respekt zu zollen ist.
Die Lösung in Berlin an Schulen ist doch ein Wegweiser für ein Raum der Toleranz, den keiner Verletzen darf und kommt dem Anliegen entgegen.
Er zwängt nicht auf, er bedrängt nicht und er behindert nicht.
Das meine Gedanken zum Thema.

Der Eingriff an die nationale Souveränität?
Warum schreit danach keiner wenn es um den EU- Beitritt und Verträge geht?
Alle die jetzt hier schreien haben geschwiegen.

Ich nicht.

Ich bin dagegen, wenn ein Parlamentarier von nicht gewählten Richtern aus der EU verurteilt wird, wie er seine Hand zu heben hat. Das ist das Land der freiheitlich demokratischen Grundordnung schuldig. Das höchste Gesetz/Gebot ist für mich als Mensch Leben. Als Mensch dieses Staates das Grundgesetz.
Comment
von gegenspiegel gegenspiegel ist gerade offline | 8.11.2009 20:54 Uhr
In welchem Land leben wir
Trotz unserer christlich-abendländischen geprägten Kultur werden christliche Symbole (man kann schon beinahe sagen systematisch) zunehmend aus der Öffentlichkeit verdrängt. Der Alltag wird in deutschen und europäischen Großstädten hingegen immer mehr vom Islam geprägt. Und dass, obwohl sich Christen Kritik und Demokratie gegenüber geöffnet haben, der Islam hingegen keine Kritik zulässt und z.B. Theateraufführungen, Buchherausgaben, Vernissagen
wg. vermeintlicher "Beleidigung von Muslimen oder des Islam" abgesagt werden müssen.
Das Leiden Christi hat nun einmal eine herausragende Bedeutung im Christentum, da nützt es auch nichts, wenn man ein Kruzifix in die Ecke eines Raumes verbannt.
Comment
von arthur_dent arthur_dent ist gerade offline | 8.11.2009 23:24 Uhr
@gegenspiegel
> Trotz unserer christlich-abendländischen geprägten Kultur
> werden christliche Symbole (man kann schon beinahe sagen
> systematisch) zunehmend aus der Öffentlichkeit verdrängt.
falsch. Nur in staatlichen Einrichtungen haben religioese Symbole nix zu suchen, egal welcher Religion.
In der Oeffentlichkeit durfen dei Christen immer noch mit Ihren Kirchenglocken Anwohner nerven und selbstverstaendlich auch privat ihre Kreuze zeigen. genau wie Juden Ihre Kippa tragen oder moslemische Frauen sich verschleiern.

> Der Alltag wird in deutschen und europäischen Großstädten
> hingegen immer mehr vom Islam geprägt.
Sie leben in Neu-Koelln? Ziehen Sie doch nach Cottbus oder Dresden, oder ist das fuer Sie keine deutsche Stadt?

> Und dass, obwohl sich Christen Kritik und Demokratie
> gegenüber geöffnet haben,
Dann kann ja der Blasphemie-paragraph aus dem StGB abgeschafft werden.

> Das Leiden Christi hat nun einmal eine herausragende
> Bedeutung im Christentum, da nützt es auch nichts, wenn man
> ein Kruzifix in die Ecke eines Raumes verbannt.

Mag ja sein, fuer Nichtchristen ist der Jesus-Mythos aber bedeutungslos und ein halbnackter Mann auf Bretter genagelt ist nicht fuer jeden ein Anblick der Freude.

Comment
von lionfood lionfood ist gerade offline | 8.11.2009 23:58 Uhr
Bei Teutates
Wenn weniger als 10 Prozent der Bevölkerung überhaupt in die Kirche gehen, kann man wohl kaum von christlicher Tradition sprechen, oder? Wir zahlen unser Ablassbriefchen in Form von automatisierter Kirchensteuer, kaufen Weihnachten und Ostern Süssigkeiten, oh schöne heidnische Bräuche, und das wars. Man sollte die armen Kinder jetzt wirklich nicht verwirren im Unterricht.
Comment
von BRDMatrix BRDMatrix ist gerade offline | 8.11.2009 22:29 Uhr
Vielleicht ...
... müssen die Christen wieder mehr leiden, um ihrem Christentum näher zu kommen.

Die Religionen sind Kulturen des Kampfes, des Schmerzes, von Folter, Mord und Völkermord. Immer im Namen Gottes natürlich, immer im Namen der Liebe und des Friedens. Wenn genügend Gläubige zur Verfügung stehen, genügend Macht und genügend Waffen, dann geht es los. Machen wir uns bloß nichts vor.
Comment
von tigurinus tigurinus ist gerade offline | 9.11.2009 11:08 Uhr
@ cyrano: Sie irren sich,
was Ihre Meinung zum Staatskirchenrecht angeht. Zwar gibt es in Deutschland seit 1919 in der Tat keine Staatskirche mehr, das Rechtverhältnis zwischen Staat, v.a. den Ländern, und den Kirchen wird aber dennoch als Staatskirchenrecht bezeichnet. Dementsprechend heissen die vertraglichen Vereinbarungen zwischen Staat und Kirche(n) auch heute noch "Staatskirchenvertrag" und es gibt an den juristischen (nicht theologischen!) Fakultäten der Universitäten bis heute Lehrstühle für Staatskirchenrecht.
Comment
von cyrano cyrano ist gerade offline | 9.11.2009 14:40 Uhr
@tigurinus
Danke für den Hinweis. Da habe ich mich tatsächlich geirrt. Alles andere aber war korrekt.

Kommentar hinzufügen Neue Community-Funktionen Richtlinien


Sie können noch Zeichen schreiben.
Kommentare werden nicht sofort angezeigt. Beachten Sie hierzu unsere Richtlinien.

Um diesen Beitrag absenden zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Benutzername  
Passwort  
     
Sie haben noch keinen eigenen Account? Dann bitte
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername:
gewünschtes Passwort:
Wiederholung Passwort:
Email:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wie viel ist 31 - 1 = 


Anzeige
Weitere Themen

Kundus-Affäre bringt Jung in Bedrängnis Lesezeichen hinzufügen

Der von einem deutschen Oberst befohlene Luftangriff in Afghanistan hat ein ... mehr...

Ethikrat empfiehlt Babyklappen abzuschaffen Lesezeichen hinzufügen

Der Deutsche Ethikrat hat sich für eine Abschaffung der Babyklappen und der ... mehr...

Klage gegen Atommüllendlager gescheitert Lesezeichen hinzufügen

Das Bundesverfassungsgericht hat die Inbetriebnahme des Schachts Konrad ... mehr...

Kommission soll keine Laberbude sein Lesezeichen hinzufügen

Von Rainer Woratschka
Unter Gesundheitsexperten und solchen, die sich dafür halten, gibt es momentan ... mehr...

Jetzt zerstreitet sich die FDP am Fall Steinbach Lesezeichen hinzufügen

Von Antje Sirleschtov
Abgeordnete kreiden Westerwelle im Fall Steinbach eine fehlende Exitstrategie an ... mehr...
Fotostrecken

Franz Müntefering (20 Bilder)

Die Feierlichkeiten zum 9. November (19 Bilder)

Das neue Bundeskabinett (16 Bilder)

Die letzten Wochen der DDR (23 Bilder)

Schwarz-gelbe Koalitionsverhandlungen (10 Bilder)

Oskar Lafontaines politisches Leben (18 Bilder)
Mauerfall 1989 - Foto: dpa
Lesen Sie hier persönliche Geschichten aus dem Wendejahr