Politik : Ab 30. Mai in Brandenburg nicht mehr geduldet

Dorothea Flechsig

Von seinem Haus stehen nur noch die Grundmauern. Das Dach und alle Räume sind ausgebrannt. Die Wände schwarz vor Ruß. Der Garten ist immer noch vermint. Als der 36-jährige Kosovo-Albaner Sabri Zeka Anfang April Fotos von seinem Haus aus seinem Heimatdorf Brejnica bei Pristina erhielt, versagte sein Herz. Er musste aus dem Übergangswohnheim Heidefeld in Rathenow sofort ins Krankenhaus gebracht werden. Erst nach zwei Wochen konnte sich der Vater von drei Kindern von der Herzattacke erholen.

Knapp ein Jahr zuvor - Mitte März 1999 - hatten Serben seinen Onkel, seine Nachbarin und ihn an die Wand seines Hauses gestellt und die Gewehre auf die Drei gerichtet. Er habe regungslos gestanden und immerzu gebetet, nicht vor den Augen seiner Kinder erschossen zu werden. "Nur durch einen glücklichen Zufall sind wir noch am Leben", meint Sabri Zeka. Die Serben hatten ihn damals beschuldigt, UCK-Soldaten versteckt gehalten zu haben. Ein Wagen mit zwei albanischen, zwei französischen und einem deutschen Journalisten hätten die Hinrichtungsvorbereitungen zufällig gesehen und hätten sich eingemischt. "Das Internationale Rote Kreuz hat nach einer Stunde Verhandlungsdauer erreicht, dass man uns alle laufen ließ. Ich bin dann mit meiner Familie über die albanische Grenze geflüchtet", sagt der Kosovare. Die Familie Zeka, die illegal über die Grüne Grenze flüchtete und schließlich nach Deutschland einreiste, hat nicht eingewilligt, das Land wieder freiwillig zu verlassen. Damit verzichtete sie auf eine Reisebeihilfe und einen Gepäckzuschuss von 750 Mark pro Person. Und auf dem Ausweisersatz von Sabri Zeka ist seit kurzem handgeschrieben vermerkt, dass die Duldung nach dem 30. Mai mit Bekanntgabe eines Abschiebetermins sofort erlischt. Das verunsichert die Familie. Sie weiß, dass dies bedeuten kann, dass sie zwangsweise von der Polizei abgeholt und abgeschoben wird. Davor hat die Familie Angst. Obwohl es für den gelernten Elektriker Sabri Zeka schwer ist, in einem Land zu leben, dessen Sprache er kaum versteht und in dem er nicht arbeiten darf, will er erst zurück, wenn es Frieden und wirkliche Unabhängigkeit in seiner Heimat gibt. Sabri Zeka glaubt, dass eine internationale Gemeinschaft im Kosovo nur ein schöner Traum bleibt. Ein Zusammenleben der Völkergruppen funktioniere nur unter Aufsicht der Kosovo-Friedenstruppe (Kfor).

Der Berliner Rechtsanwalt Dieter Schreiber, vertritt mehrere Kriegsflüchtlinge und Asylbewerber. Er sagt, dass die Kosovo-Albaner seit diesem Jahr in Deutschland weniger Rechte haben. "Man meint, dass sich die Situation im Kosovo beruhigt habe, und nun alle zurück können. Ich persönlich halte dies für noch verfrüht". Seiner Meinung nach müssten Einzelfälle und individuelle Familiensituationen stärker berücksichtigt werden. Sabri Zekas Frau Radifete ist im fünften Monat schwanger. Im August 1998 haben sie beide einen Sohn durch die schlechte medizinische Versorgung in der Heimat verloren.

Auch die Familie Rexhepi aus Pristina hat nicht eingewilligt, freiwillig in die Heimat zurückzukehren. Die Familie lebt bereits seit sechs Jahren im Asylbewerberheim in Falkensee. Auch ihnen droht jetzt die Abschiebung. "Ich kenne niemanden im Kosovo", sagt die neunjährige Albina Rexhepi. "Dort bin ich ein Fremder, nicht hier." Albina spricht fließend deutsch. Sie hat viele Freundinnen und spielt jeden Nachmittag mit deutschen Kindern. Ihre Klassenlehrerin Gabriele Klempien, die nach der Montessorie-Pädagogik unterrichtet, will in einem Schreiben an die zuständige Ausländerbeauftragte auf mögliche psychische Folgen einer Abschiebung hinweisen. Zu Beginn des ersten Schuljahres habe Albina trotz ausreichender Deutschkenntnisse kaum gesprochen und wenig Selbstvertrauen gezeigt. Sie benötige viel Zuspruch, verlässliche Beziehungen und zeige oft große Verlustängste. Als die Klasse in ein neues Schulgebäude umzog, war das Kind vollkommen verunsichert . "Oft weinte Albina und fragte immer wieder, ob sie auch wirklich mit in die neue Schule kommen dürfe", erinnert sich die Klassenlehrerin. "Wenn Albina zurück muss, richtet man dieses Kind psychisch zu Grunde."

Seit dem 1. April dieses Jahres erfolgt die Abschiebung der Kriegsflüchtlinge nach dem Beschluss der Innenminister vom vergangenen November, Kosovo-Flüchtlinge so zügig wie möglich zurückzuführen. Von insgesamt 25 Kriegsflüchtlingen aus dem Kosovo, die im Havelland einreisten, sind sechs bereits am 11. April freiwillig zurückgekehrt. Von den ursprünglich 515 Kontingentflüchtlingen in Brandenburg aus dem Kosovo leben dort derzeit nur noch weniger als 100.

Till Mayer ist für das Deutsche Rote Kreuz voraussichtlich noch bis zum Jahresende vor Ort im Kosovo. Er hilft in Peja und ringsum beim Wiederaufbau. Die Stadt an der albanischen Grenze, wird fast ausschließlich von Kosovo-Albanern bewohnt. Sie ist zum großen Teil zerstört. Verminte Grundstücke sind überall ein großes Problem. Noch sei ein friedliches Zusammenleben zwischen Serben und Kosovo-Albanern nicht abzusehen. Ein kleines serbisches Dorf wird von Panzern beschützt, die Bewohner trauen sich nicht aus dem Ort heraus.

"Es brodelt hier wie in einem Pulverfass, es herrscht unversöhnlicher Hass auf beiden Seiten", sagt Till Mayer. Auch die Unabhängigkeitsbestrebungen des Nachbarstaates Montenegro könnten neue Ausschreitungen entfachen. Racheakte und Übergriffe bestimmen den Alltag im Kosovo. Uranverstrahlungen im Boden, hohe Arbeitslosigkeit und Kriminalität sind allgegenwärtig. Im Raum Peja konnte das Deutsche Rote Kreuz 1200 Häuser aufbauen. Insgesamt seien zirka 350 verschiedenen Hilfsorganisationen im Kosovo tätig. Dennoch seien Armut und Hunger längst nicht für alle Menschen Vergangenheit. Zwar gibt es in den Läden inzwischen fast alles zu kaufen, aber das können sich nur Menschen leisten, die von Verwandten aus dem Ausland finanziell unterstützt werden. "Wir haben für rund 10 000 Menschen eine Suppenküche eingerichtet, die wir erst jetzt, da Hilfsorganisationen Kohleöfen und Herde verteilten, ganz langsam abbauen wollen", sagt Till Mayer. Doch viele Obdachlose sind immer noch in Zelten, Containern und Auffanglagern untergebracht.

Obwohl auch das Übergangswohnheim Heidefeld seit drei Monaten Tag und Nacht von Polizisten beschützt werden muss, haben die Zekas noch keine schlechten Erfahrungen in Deutschland gemacht. "Alle unsere Möbel haben wir von Rathenowern geschenkt bekommen. Und wir haben die Deutschen schon immer für ihr demokratisches Handeln geliebt", sagt Radifete Zeka.

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