• Zitty
  • Potsdamer Neueste Nachrichten
  • Berlin 030
  • Bootshandel
  • Qiez
  • zweitehand
  • twotickets
  • Berliner Köpfe
  • wetterdienst berlin

Abbado wird 80 : Leben im Takt des Dirigenten

24.06.2013 14:09 Uhrvon
Der Club der Abbadiani. Die treuesten Anhänger des Dirigenten trafen sich im Mai bei seinen Konzerten in der Berliner Philharmonie. Unter ihnen ist auch Sylvia Hoffmann – erkannt werden möchte die Bibliothekarin aber nicht. Foto: David Heerde Foto: David HeerdeBild vergrößern
Der Club der Abbadiani. Die treuesten Anhänger des Dirigenten trafen sich im Mai bei seinen Konzerten in der Berliner Philharmonie. Unter ihnen ist auch Sylvia Hoffmann – erkannt... - Foto: David Heerde

Sie reist zu jedem Konzert von Claudio Abbado an, seit drei Jahrzehnten. Ihr Archiv ist das wohl umfangreichste der Welt. Auch den 80. Geburtstag des Maestros wird sie begleiten. Aus der Ferne.

Sie sei so etwas wie sein Schatten, hatte sie gesagt. Und es verstehe sich von selbst, dass Schatten keine Namen haben. Zur Not könnte sie jedoch damit leben, für diese Geschichte Sylvia Hoffmann zu heißen.

Man solle nicht erwarten, dass es bei ihr etwas zu essen gebe, hatte sie vor dem Besuch noch gesagt. Sie habe selten viel im Haus. Sie koche auch nicht. Essen, Trinken, Kleidung, „das interessiert mich null. Dafür gebe ich kein Geld aus“. Denn das Leben, das sie führt, ist keines im Überfluss, sondern eines der Prioritäten. „Ich habe das Glück, dass es Sachen gibt, die mich nicht interessieren. Und da mache ich dann meine Ersparnisse.

In Berlin, an einem grünen Ende der S-Bahn-Linie 1, kann man sie besuchen, in ihre Besucherpuschen schlüpfen und damit in eine Sicht auf die Welt, die von außen vielleicht manchmal merkwürdig wirken kann, von hier aus jedoch ganz und gar folgerichtig erscheint.

Sylvia Hoffmann steht in ihrem 65. Lebensjahr und vor 49 Ordnern Presseausschnitten, einem Tonarchiv, Büchern, DVDs, Programmheften, einer chronologischen Kartei mit Abbados Konzerten der letzten drei Jahrzehnte und einer Kartei sortiert nach Komponisten. In ihrem Computer befindet sich eine Datei, nur „Die Liste“ genannt, mit allen bekannten Auftritten von Claudio Abbado. Es ist, bei aller Bescheidenheit der Urheberin, das womöglich größte Abbado-Archiv der Welt. Es ist die Arbeit von über 30 Jahren. Hoffmann ist ausgebildete Bibliothekarin, und dies ist ihr Meisterstück. „Eine unordentliche Bibliothek wäre ein Widerspruch in sich.“

Fremder Freund. Ob Claudio Abbado seine Verehrer kennt? Nur vom Sehen. Foto: dpa Foto: dpaBild vergrößern
Fremder Freund. Ob Claudio Abbado seine Verehrer kennt? Nur vom Sehen. Foto: dpa - Foto: dpa

„Und jetzt kommt die nächste Gaudi“, sagt sie und füllt mit links eine Abbado-Tasse mit frischem Kaffee. Die Tasse haben ihr Freunde zum Sechzigsten geschenkt, und nun wird sie weit ausholen müssen. Weil sie weiß, dass man etwas erklären muss, wenn man 30 Jahre lang sein Leben nach Claudio Abbados Konzerten ausrichtet, im Takt seiner Auftritte durch Europa fährt. Wenn jemand exakt 92 Tage vor einem Konzert, Punkt Mitternacht, sobald bei der Bahn die Sparpreise herauskommen, am Rechner sitzt, um etwa für unter 40 Euro ein Ticket von Berlin nach Luzern zu buchen. Oder nach Bologna, Paris, Florenz.

Aber da ist keine schrille Begeisterung, ihre Verehrung ist nicht kopflos. „Klassischer Fall: ängstliches Kind“, analysiert sie. Dem aber in einer Herzensangelegenheit plötzlich Ungeahntes möglich wird. Die Mutter Engländerin, der Vater Berliner, zieht die Familie 1955 nach London, weil der Vater dort arbeitet. Schon 1959 geht es gegen ihren Willen weiter nach Paris, da man ihn bei der Nato braucht.

Gerade als das Leben sich für das Kind als eine fortdauernde Entfremdung zu gestalten scheint, kommen die Berliner Philharmoniker nach Paris. Damals noch mit Karajan. „Heimat“, denkt die 15-Jährige und zahlt am 26. April 1963 an der Kasse des Théâtre des Champs-Elysées zwölf Francs. Und was sie dort auf dem zweiten Balkon hört, Brahms’ Violinkonzert, verändert ihr Leben. Der grüne Eintrittskartenschnipsel, den sie später in ein Ringbuch mit Karopapier klebt, berechtigt sie ein für alle Mal zum Eintritt in die Welt der klassischen Musik, die fortan ihre Heimat werden soll. Sie mag eine Musiksendung besonders, in der aus jedem Satz dieselbe Stelle von verschiedenen Interpreten gespielt wird. Ihr gefällt das Systematische an dem französischen Schallplattenvergleich.

Nach dem Abitur in Paris studiert sie Anglistik und Romanistik in Mainz und schaut 1968 einmal kurz von ihren Büchern auf, um die Revolution zu ignorieren. Zu ängstlich, um jeden Tag als Lehrerin vor einer Klasse zu stehen, wird sie Bibliothekarin in der wissenschaftlich orientierten Stadtbücherei. Als sie dort 1978 eine Freundin auf Abbado hinweist, legt sie zu Hause eine Platte auf: Mahler, vierte Sinfonie, Karajan und Abbado im Vergleich. „Beim dritten Satz der Mahler vier war es um mich geschehen.“

Folgen Sie unserer Politikredaktion auf Twitter:

Dagmar Dehmer:


Andrea Dernbach:


Cordula Eubel:


Fabian Leber:


Matthias Meisner:


Elisa Simantke:


Christian Tretbar:


Claudia von Salzen:

Umfrage

Soll Edward Snowden im NSA-Ausschuss aussagen?

Tagesspiegel twittert

Service

Empfehlungen bei Facebook

Weitere Themen

Todesopfer rechter Gewalt

Der Tagesspiegel im Sozialen Netz