Abdullah al-Thani : Libyens Regierungschef tritt überraschend zurück

In Libyen herrschen seit Gaddafis Sturz Chaos und Gewalt. Derzeit verhandeln die rivalisierenden Lager über eine Einheitsregierung. Nun hat der international anerkannte Premier Abdullah al-Thani seinen Rücktritt angekündigt.

Libyens Ministerpräsident Abdullah al-Thani tritt zurück
Libyens Ministerpräsident Abdullah al-Thani tritt zurückFoto: dpa

Inmitten der Verhandlungen über die Bildung einer Einheitsregierung im Krisenland Libyen hat der Chef der international anerkannten libyschen Regierung, Abdullah al-Thani, überraschend seinen Rücktritt angekündigt. "Wenn mein Ausscheiden die Lösung ist, kündige ich es hier an", sagte al-Thani am Dienstagabend bei einer Live-Sendung im libyschen Fernsehen. Kurz zuvor hatten die rivalisierenden libyschen Lager ihre Verhandlungen unter UN-Vermittlung wieder aufgenommen.

Al-Thani musste sich am Dienstagabend bei einer live übertragenen Talkshow eine Reihe kritischer Fragen von wütenden Bürgern anhören, die seine Regierung für die mangelhafte Grundversorgung in dem nordafrikanischen Land und für die schlechte Sicherheitslage in den von ihr kontrollierten Gebieten verantwortlich machten. Außerdem beschuldigten sie al-Thanis Regierung der Korruption. Der Ministerpräsident reagierte überraschend heftig. "Wenn mein Ausscheiden die Lösung ist, kündige ich es hier an", sagte er. Er werde seinen Rücktritt am Sonntag beim Parlament einreichen.

Im Osten Libyens bekämpfen sich Milizen der gegnerischen Lager

Al-Thani hat einen außerordentlich schwierigen und mitunter auch gefährlichen Posten. Im Mai überlebte er einen Mordanschlag. Bewaffnete Männer beschossen sein Auto, als er von einer Parlamentssitzung in Tobruk wegfuhr.

In Libyen herrschen seit dem Sturz des langjährigen Machthabers Muammar al-Gaddafi im Herbst 2011 Chaos und Gewalt. Die Städte werden von rivalisierenden Milizen kontrolliert, während zwei Parlamente und Regierungen die Macht für sich beanspruchen. Im östlichen Tobruk sind das international anerkannte Parlament und dessen Regierung ansässig, während sich in Tripolis das nicht anerkannte Gegenparlament und eine islamistische Regierung befinden. In der bedeutenden Stadt Bengasi im Osten Libyens bekämpfen sich täglich Truppen und Milizen der gegnerischen Lager.

Am Dienstag nahmen die rivalisierenden politischen Kräfte in Liyben ihre Verhandlungen zur Bildung einer Regierung der nationalen Einheit wieder auf. Alle wichtigen Vertreter seien bei der neuen Verhandlungsrunde in Genf anwesend gewesen, sagte der UN-Sondergesandte für Libyen, Bernadino León. Er legte einen ambitionierten Zeitplan vor, der eine umfassende Einigung mit dem Ziel der Bildung einer Einheitsregierung noch vor der UN-Vollversammlung im September vorsieht. Im Juli war bereits ein Teil-Abkommen geschlossen worden, das jedoch vom Parlament in Tripolis als unzureichend abgelehnt wurde.

Streit um General Chalifa Haftar

Ein zentraler Streitpunkt ist die künftige Rolle von General Chalifa Haftar, den die international anerkannte Regierung im März zu ihrem Armeechef ernannt hatte. Das Parlament in Tripolis will kein Abkommen anerkennen, das für Haftar weiterhin eine führende Rolle in der Armee vorsieht. Der 72-jährige General hatte unter Gaddafi gedient, bevor er in die USA floh. Dort soll er laut US-Medien zeitweise mit der CIA zusammengearbeitet haben.

Und auch wenn die Bildung einer Einheitsregierung gelingt, hören die Kämpfe in Libyen nicht automatisch auf, warnt etwa der Nordafrika-Experte des Forschungsnetzwerks Carnegie Endowment for International Peace, Frederic Wehrey. Der UN-Gesandte León erklärte, parallel zu den politischen Verhandlungen gebe es einen Dialog zwischen der libyschen Armee und Milizenführern. Dieser komme aber weniger gut voran. Dschihadistengruppen wie der Islamische Staat (IS) und die Terrororganisation Al-Kaida dürften die Autorität einer libyschen Einheitsregierung ohnehin nicht anerkennen. (AFP)

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