Politik : Abends tanzen und morgens fasten

Martin Gehlen

3,2 Millionen Muslime leben inzwischen in Deutschland. Und ihr Verständnis vom Islam hat sich beträchtlich gewandelt - hin zu einem von der westlichen Moderne geprägten Euro-Islam. Das jedenfalls ergab eine repräsentative Studie des Essener Zentrums für Türkeistudien, an der bundesweit 2000 Familien teilnahmen. Nach Einschätzung von Faruk Sen, dem Direktor des Zentrums, schälen sich fünf Kernpunke einer europäisch-islamischen Identität heraus: Die große Mehrheit der türkischen Muslime in Deutschland versteht ihren Glauben als vereinbar mit den Normen einer Industriegesellschaft. Sie lehnen die Scharia als Gesetz ab. Sie sind überwiegend laizistisch eingestellt, plädieren also für eine Trennung von Moschee und Staat. Sie sind treu zur Verfassung ihrer Gastländer und stimmen innerlich Pluralität und Demokratie zu. In der Summe sei dies zwar derzeit "noch nicht Realität", aber es gebe deutliche Anzeichen, dass die Entwicklung in diese Richtung gehe, betonte Sen. Der Begriff Euro-Islam wurde erstmals 1996 von dem Göttinger Politologen Bassam Tibi verwendet.

Der durch die europäischen Gastgesellschaften angestoßene Wandel bedeutet jedoch nicht, dass die türkischen Migranten mit der Zeit ihren Glauben ganz aufgeben. Im Gegenteil. Je länger sie in Deutschland leben, desto stärker legen sie Wert auf islamische Werte. Gerade die Älteren werden nach Beobachtung der Studie immer religiöser und konservativer - konservativer sogar, als ihre Altersgenossen in der Türkei. Die Jungen der dritten Generation wiederum experimentieren stärker mit einem Mix neuer Lebensformen, halten aber an bestimmten religiösen Riten und Handlungen als Teil der kulturellen Identität fest. "Nachts gehen sie in die Disko, aber tagsüber wird gefastet", beschreibt Faruk Sen diesen Spagat.

Der Islam ist längst nicht so starr und monolithisch, wie in der nicht-muslimischen Öffentlichkeit oft behauptet. Er ist eine Weltreligion mit hoher Anpassungsfähigkeit. Nach Angaben von Faruk Sen existieren weltweit mindestens 56 verschiedene Interpretationen, von denen viele auch bei Muslimen in Deutschland und Europa anzutreffen sind. Alle diese Menschen sind während der letzten vierzig Jahre als Migranten nach Europa gekommen und machen inzwischen vier Prozent der europäischen Bevölkerung aus. Deutschland hat nach Frankreich die zweitgrößte islamische Bevölkerungsgruppe in der EU.

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